Grebendorf – wo meine Geschichten beginnen

Von der Werra nach Wien – und mit den Geschichten zurück

Wenn ich an Grebendorf denke, denke ich zuerst an eine geborgene Kindheit. Ein Großteil meiner Familie lebte in derselben Straße. Zum Spielen hatten wir das Dorf und die Landschaft drumherum: Wiesen, Wald und immer neue Wege, die es zu erkunden gab. Meine Welt war überschaubar, aber sie fühlte sich nicht klein an. Zugleich wuchs früh der Wunsch, mehr von ihr kennenzulernen. Später führte mich dieser Entdeckungsdrang weit über Grebendorf hinaus. Die Verbindung zu dem Ort, an dem er begonnen hatte, ist geblieben.

Das Rathaus in Grebendorf mit seiner Fachwerkfassade.
Das Rathaus in Grebendorf.

Eine Straße voller Familie

Geboren bin ich in Eschwege, aufgewachsen in Grebendorf. Dort besuchte ich die Volksschule, später in Eschwege die Friedrich-Wilhelm-Schule und das Oberstufengymnasium, an dem ich im Juni 1990 mein Abitur machte. Was mir von meiner Kindheit besonders geblieben ist, hat allerdings weniger mit Schulgebäuden zu tun als mit dem Gefühl, von Familie umgeben zu sein und draußen viel Platz zu haben.

Zuerst erkundete ich das Dorf, dann seine Umgebung. Mit dem Älterwerden wurden auch die Kreise größer, die ich ziehen wollte. Dass ich irgendwann andere Länder kennenlernen und anderswo leben würde, stand damals noch nicht als fertiger Lebensplan fest. Die Neugier war aber schon da. Rückblickend gehören für mich beides zusammen: die Geborgenheit, mit der ich Grebendorf verbinde, und der Wunsch, über das Vertraute hinauszugehen.

Eine Kindheit neben der Grenze

Nur wenige Kilometer hinter dem Dorf verlief die innerdeutsche Grenze. Neben der vertrauten Landschaft lag eine andere Welt, die für uns unerreichbar wirkte. Als Kind spielte ich auch am Grenzzaun. Der Bundesgrenzschutz schickte mich wieder weg, weil es dort zu gefährlich war. So gehörte etwas zu meinem Alltag, dessen politische Bedeutung weit über das hinausging, was ich damals überblicken konnte.

Wir lebten an der Nahtstelle zwischen NATO und Warschauer Pakt, ohne im täglichen Leben ständig darüber nachzudenken. Die Angst vor einem Krieg war trotzdem gegenwärtig. Ich erinnere mich an das Gefühl, dass unsere Gegend im Ernstfall dem Erdboden gleichgemacht werden könnte. Die Namen Pershing II und SS-20 gehören für mich zu dieser Erinnerung an die atomare Bedrohung. Die Geborgenheit im Dorf und die Gefahr an der Grenze standen nebeneinander. Das eine machte das andere nicht unwirklich.

1989 wurde die Landschaft größer

Die Grenzöffnung 1989 veränderte diese vertraute Welt. An immer mehr Stellen entstanden Übergänge, und ich erinnere mich an eine Stimmung, die etwas von einem Volksfest hatte. Was zuvor nicht erreichbar gewesen war, ließ sich plötzlich erkunden. Es folgten Entdeckungstouren auf die andere Seite, in die Gegend, die bei uns im damaligen Sprachgebrauch häufig die Ostzone genannt wurde. Eine Landschaft, die so nah gelegen hatte, wurde nun Teil unserer eigenen Erfahrung.

Nach der Öffnung interessierten mich auch die Hinterlassenschaften der Grenze. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die unterirdischen Röhren, die ich mit den sogenannten Stasischleusen verbinde. Die zuvor unzugängliche Grenzlandschaft war auf einmal selbst etwas, das man entdecken und über das man mehr erfahren konnte.

1990 fielen der politische Umbruch und mein eigener Aufbruch zusammen. Im Juni machte ich Abitur. Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober wohnten wir nicht mehr am Rand des geteilten Landes, sondern mitten in Deutschland. Mitte Oktober zog ich nach Göttingen, um Geologie und Paläontologie zu studieren. Während sich um uns eine Grenze auflöste, begann für mich ein neuer Lebensabschnitt.

Von Göttingen nach Wien

Von 1990 bis 1997 studierte ich Geologie und Paläontologie an meiner Stammuniversität in Göttingen. Im September 1994 kam ich für ein Auslandsstudium nach Wien und studierte bis 1997 parallel auch Geologie an der Universität Wien. Ein Großteil meiner Diplomarbeit entstand im niederösterreichischen Waldviertel. Den Diplomabschluss machte ich an der Universität Göttingen.

Aus dem Auslandsstudium wurde der Beginn meiner Wiener Zeit. Hier entwickelten sich mein beruflicher Weg und später auch meine Arbeit als Autor weiter. Die Neugier, die zunächst dem Dorf und seiner Umgebung gegolten hatte, führte mich hinaus in die Welt. Trotzdem ist Grebendorf kein Ort geworden, der nur noch in Erinnerungen vorkommt. Seit meinem Weg nach Wien bin ich meiner Heimat verbunden geblieben und besuche sie regelmäßig.

Torsten Schönberg neben der Hasenskulptur am Anger in Grebendorf.
Torsten Schönberg am Anger in Grebendorf, Februar 2023.

Was davon in meinen Geschichten weiterlebt

Zu meiner Herkunft gehört auch ein sozialdemokratisch und gewerkschaftlich geprägtes Elternhaus. Die sozialen Einschnitte während der Kanzlerschaft Helmut Kohls wurden bei uns sehr kritisch aufgenommen und diskutiert. Diese Haltung hat mich politisch geprägt. Jahre später wurden die Hartz-IV-Reformen unter Gerhard Schröder zu einem unmittelbaren Anstoß für meine Bücher: Der Name des erfundenen Programms Piefke 5 nimmt darauf Bezug. Hier treffen politische Erfahrung und literarische Zuspitzung aufeinander, ohne dass aus dem Roman ein Tatsachenbericht wird.

Grebendorf – auch die Heimat der Sonnenburgs

Auch Juri und Mascha Sonnenburg stammen aus Grebendorf. Diesen Herkunftsort teilen wir, unsere Lebensgeschichten dagegen nicht. Meine Kindheit, mein Schulweg und mein Studium sind nicht automatisch ihre Biografien. Die beiden sind Romanfiguren mit eigenen Erfahrungen und Widersprüchen. Dass sie aus Grebendorf kommen, schafft eine Verbindung zwischen der vertrauten Landschaft meiner Herkunft und der erfundenen Welt, in der sie sich bewegen.

Mit Maschas Musik bekommt diese Romanwelt eine weitere Ausdrucksform. Sie bleibt eine fiktionale Figur, auch wenn sie als KI-gestützte Künstlerfigur eine musikalische Stimme erhält. Ihre Herkunft macht die Songs nicht automatisch zu Liedern über Grebendorf. Sie verbindet das neue Projekt jedoch mit einem Ort, der für mich weiterhin wichtig ist. Mein Leben hat sich nach Wien verlagert; die Verbindung nach Grebendorf ist nicht abgerissen. Auch in meinen Geschichten bleibt dafür Raum.

Torsten Schönberg sitzt auf einer Bank an der Sandhasen-Tafel am Anger in Grebendorf.
An der Sandhasen-Tafel am Anger in Grebendorf, Februar 2023.