Illustration einer regnerischen Gedenkszene vor einem slowakischen Kulturhaus mit fiktiven Figuren und dargestellten Gedenkporträts.
KI-generierte Illustration zur fiktionalen Geschichte. Die dargestellten Gedenkporträts sind keine authentischen Fotografien von Ján Kuciak und Martina Kušnírová.

Demokratie Noir · Slowakei

Der Freund

Politischer Noir · Slowakei

Von Torsten Schönberg

Acht Jahre nach der Ermordung des Investigativjournalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kušnírová entdeckt eine slowakische Datenprüferin Unregelmäßigkeiten in einem öffentlichen Bauprojekt. Die Spuren führen zu einem alten Freund, mit dem sie einst für eine bessere Zukunft demonstrierte.

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Die Bibliothekarin hatte die Fotografien unter das Vordach des Kulturhauses gestellt, damit sie nicht nass wurden. Ján Kuciak links, Martina Kušnírová rechts, ihre Namen in derselben Schriftgröße, darunter der 21. Februar 2018. Vor den Bildern standen Kerzen in roten und weißen Gläsern. Zuzana Rybárová kniete sich hin, um ihre dazuzustellen, und spürte, wie der Saum ihres Mantels das Wasser von den Steinplatten aufsog. Sie rückte das Glas ein wenig nach hinten. Die kleine Bewegung verschaffte ihr Zeit, bevor sie wieder zu den anderen gehen musste.

Acht Jahre waren vergangen, seit der Journalist und seine Verlobte in ihrem Haus in Veľká Mača ermordet worden waren. Beide waren siebenundzwanzig gewesen. Zuzana hatte inzwischen vergessen, wie sie damals von der Nachricht erfahren hatte, am Küchentisch oder im Auto, aber sie erinnerte sich daran, dass sie mehrere Abende die Wohnungstür zweimal abgeschlossen hatte. Veľká Mača lag nicht weit entfernt. Auf den Bildern hatte sie Fenster, Zäune und Vorgärten gesehen, die sie von ihren Fahrten durch die Gegend kannte.

Hinter ihr prüfte Viktor Haluška das Mikrofon. Er trug den dunklen Mantel, in dem er auch ältere Gemeindebürger zu runden Geburtstagen besuchte, und wartete, bis die Bibliothekarin die Namen vorgelesen hatte. Sie erwähnte Kuciaks Recherchen über Korruption und Steuerbetrug und dass Martina Kušnírová Archäologin gewesen war. Zuzana war ihr dankbar dafür. Zu oft hatte sie Martina nur noch als die zweite Person auf dem Bild wahrgenommen, als könnte ein Mensch nach seinem Tod zu einer Begleiterscheinung werden.

Viktor sprach ohne Manuskript. Er sagte, eine Gemeinde müsse ein Ort sein, an dem niemand Angst haben dürfe, die Wahrheit auszusprechen. Dann dankte er den Organisatoren und versicherte, die Verwaltung werde das Andenken der beiden Ermordeten bewahren. Er hatte eine angenehme Stimme, die auch hinten am Parkplatz verständlich blieb, ohne dass er laut werden musste. Dieser ruhige Ton war Zuzana seit fast zwanzig Jahren vertraut. Nach der Scheidung hatte er ihr angeboten, beim Umzug zu helfen, und später tatsächlich einen Samstag damit verbracht, ihre Bücher in den vierten Stock zu tragen.

Als das Mikrofon ausgeschaltet war, zog er sie unter das Vordach. Er fragte nach ihrer Mutter, die sich von einer Hüftoperation erholte, und hörte sich die Antwort an, ohne auf sein Telefon zu schauen. Erst als eine Frau mit einem Notizbuch über den Platz ging, veränderte sich sein Gesicht. Zuzana erkannte Eva Bartošová von dem kleinen Regionalportal, dessen Artikel man in der Gemeinde las und öffentlich für überflüssig erklärte.

»Die wartet schon wieder auf mich«, sagte Viktor. »Jetzt will sie sämtliche Werbeaufträge der Gemeindebetriebe haben. Als hätten unsere Leute nichts anderes zu tun, als einer Redaktion die Arbeit abzunehmen.« Er zog seine Handschuhe an und nickte einem älteren Mann zu, der sich auf dem nassen Pflaster vorsichtig an einem Geländer entlangbewegte. »Über die neue Küche im Kindergarten haben sie übrigens nichts geschrieben. Aber sobald irgendwo eine Rechnung fehlt, sind wir ein Nest von Dieben.«

Zuzana sah zu den Kerzen hinüber. »Du hast gerade gesagt, dass niemand Angst vor der Wahrheit haben soll.« Viktor lächelte ihr müde zu und berührte kurz ihren Oberarm. »Vor der Wahrheit nicht. Vor Leuten, die dir das Wort im Mund umdrehen, darfst du dich trotzdem schützen.« Dann ging er dem alten Mann entgegen und half ihm die Stufen hinunter. Eva wartete am Rand des Platzes, bis die beiden beim Auto angekommen waren.

Auf dem Heimweg erinnerte sich Zuzana an eine Demonstration in Bratislava im Frühjahr 2018. Viktor hatte damals in der Menge neben ihr gestanden, die Schultern hochgezogen, weil er einen zu dünnen Mantel trug. Niemand von ihnen hatte Ján oder Martina gekannt. Trotzdem waren sie hingefahren, nach der Arbeit und ohne zu wissen, wann sie zurückkommen würden. Als jemand nach Feuer fragte, hatte Viktor seine Kerze weitergereicht; minutenlang war das Glas durch fremde Hände gewandert, ehe es zu ihm zurückkam.

Später hatten sie an einer Tankstelle Kaffee getrunken. Viktor war noch kein stellvertretender Bürgermeister gewesen und hatte sich darüber aufgeregt, dass jeder in ihrem Ort zu wissen glaubte, welche Firma den nächsten Auftrag bekomme, bevor er ausgeschrieben war. Zuzana hatte ihm von einem Vorgesetzten erzählt, der Prüfvermerke unterschreiben ließ, ohne die Anlagen mitzuschicken. Sie hatten lange geredet, während die Frau hinter der Kasse den Boden wischte, und waren erst gegangen, als sie ihre Stühle hochstellen wollte. An diesem Abend war es Zuzana selbstverständlich vorgekommen, dass sie beide dasselbe meinten.

***

Am Montag sollte sie den digitalen Leitungs- und Anlagenbestand der Gemeinde aktualisieren. Ihr Vertrag lief Ende März aus; für die Verlängerung fehlte nach Viktors Auskunft nur noch eine Unterschrift. Sie arbeitete in einem ehemaligen Abstellraum neben dem Bauamt, an dessen Wand die Umrisse eines entfernten Regals sichtbar geblieben waren. Der Hausmeister hatte ihr eine zweite Lampe gebracht, weil das Deckenlicht nicht ausreichte. Wenn im Nebenzimmer jemand druckte, flackerte sie kurz auf.

Am westlichen Ortsrand verlief auf ihrer Karte ein Entlastungsgraben hinter einer Reihe niedriger Häuser. Er sollte Regenwasser zum Sammelkanal ableiten, bevor es über die Gärten in die Keller gelangte. Die Bestandsdaten zeigten zwei große Durchlässe unter den Wirtschaftswegen und einen erneuerten Auslauf. Auf dem Luftbild endete die erkennbare Vertiefung jedoch vor dem zweiten Weg. Dahinter lag eine Wiese, deren Fahrspuren ohne Unterbrechung über die eingezeichnete Trasse liefen.

Zuzana prüfte zuerst das Aufnahmedatum und dann, ob sie versehentlich einen Entwurf geöffnet hatte. Luftbilder konnten täuschen; Rohre lagen unter der Erde, Gräben konnten zuwachsen. Aber auch auf den älteren Aufnahmen sah das Gelände kaum anders aus. Im Projektordner fand sie die Schlussrechnung vom Herbst 2020 über 186.400 Euro. Der Bestandsplan trug ihren Namen. Unter der Liste der übernommenen Anlagen stand der Satz: »Ausführung mit den Gegebenheiten vor Ort abgeglichen.«

Sie las den Satz zweimal und fuhr noch vor Mittag hinaus. Hinter den letzten Häusern ging die Asphaltstraße in einen ausgefahrenen Weg über. Wasser stand in den Reifenspuren, und der Wind drückte den Geruch nasser Erde durch die Lüftung. Zuzana ließ das Auto beim Pumpenhäuschen stehen und folgte dem Graben. Ein kurzes Stück war ausgeräumt worden, an den Böschungen lagen Reste von Betonplatten. Weiter hinten verengte sich die Mulde, bis sie vor dem zweiten Wirtschaftsweg im Schilf verschwand.

Die beiden Enden des angeblich erneuerten Durchlasses hätten sichtbar sein müssen. Zuzana schob mit dem Schuh Halme beiseite und fand ein dünnes, halb zerbrochenes Tonrohr, das kaum breiter war als ihr Unterarm. Sie fotografierte es zusammen mit dem Weg, den benachbarten Zäunen und der Stelle, an der laut Plan der Auslauf liegen sollte. An einem Gartenzaun stand eine Frau in einer abgesteppten Jacke und beobachtete sie. Neben der Frau hing eine Wolldecke über einer Leine, obwohl das Wetter nicht nach Trocknen aussah.

»Kommen Sie wegen des Wassers?«, fragte die Frau. Zuzana erklärte, dass sie die Unterlagen mit dem Bestand vergleiche. Die Frau zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher und zeigte auf den Weg. »Dann schreiben Sie auf, dass es hier stehen bleibt. Wir haben das oft genug gemeldet.« Sie öffnete die Gartentür und führte Zuzana an einen Kellerabgang. Über der dritten Stufe verlief eine bräunliche Linie an der Wand; der Putz darunter hatte sich in Schollen gelöst.

Vor zwei Jahren, erzählte die Frau, habe das Wasser bis dort gestanden. Der Gefrierschrank sei kaputtgegangen, und die Kommode ihrer Mutter habe sie in Einzelteilen hinaustragen müssen. Auf ihre Beschwerde hin sei Viktor Haluška mit einer Pumpe gekommen und bis nach Mitternacht geblieben. »Ein paar Tage später hatte er sogar einen Entfeuchter für uns«, sagte sie. »Aber den Graben richten sie nicht her. Jedes Mal heißt es, die Anlage sei in Ordnung, nur der Regen sei zu viel gewesen.«

Als Zuzana zurückging, fragte die Frau, ob diesmal etwas geschehen werde. Sie hieß Mária, den Nachnamen könne Zuzana am Briefkasten lesen; die Gemeinde habe ohnehin alle ihre Schreiben. Zuzana sagte, sie müsse zuerst die Unterlagen prüfen. Mária nickte, ohne sich zu verabschieden, und nahm die Decke von der Leine. Zuzana sah noch, wie sie sie an der feuchten Kellerwand entlang ins Haus trug, sorgfältig darauf bedacht, dass der Stoff den Putz nicht berührte.

Viktor hatte am Nachmittag eine halbe Stunde für sie. Sein Büro war warm, auf dem Fensterbrett standen zwei Orchideen, und neben dem Schreibtisch lag ein Karton mit Rauchmeldern für die freiwillige Feuerwehr. Er betrachtete ihre Fotografien, ohne überrascht zu wirken. Dann schob er ihr eine Schale mit Keksen hin, die sie nicht nahm. »Bei diesem Abschnitt gab es Änderungen«, sagte er. »Ich müsste die alten Unterlagen heraussuchen lassen. Wir haben damals nicht alles so machen können, wie es geplant war.«

»Abgerechnet wurde es aber so«, antwortete Zuzana. Sie legte den Ausdruck der Schlussrechnung auf seinen Tisch und zeigte ihm die Positionen. Viktor strich mit dem Daumen einen Krümel vom Rand des Papiers. »Wir hatten eine Firma, die uns auf anderen Baustellen entgegengekommen ist. Da ist manches zusammengefasst worden. Das müsste man im Zusammenhang sehen.« Als Zuzana nach einer geänderten Abrechnung fragte, nahm er sein Telefon, legte es aber wieder hin, ohne zu wählen. »Lass mich erst nachsehen. Du warst schließlich auch dabei.«

Sie wollte widersprechen und spürte, dass es zu früh dafür war. Viktor öffnete bereits die Tür und bat die Sekretärin, ihr den vollständigen Projektordner zugänglich zu machen. Er tat es freundlich und laut genug, dass man es im Vorzimmer hören konnte. Als sie ging, sagte er, es sei gut, dass sie zuerst zu ihm gekommen sei. Zuzana nahm die Rechnung vom Tisch und bemerkte erst im Flur, dass sie auch einen der Kekse eingesteckt hatte, ohne sich daran zu erinnern.

***

Zu Hause suchte sie nach ihren alten E-Mails. Im September 2020 hatte sie drei Monate lang auf Zahlungen gewartet; nach der Scheidung waren die Raten für die gemeinsame Wohnung noch nicht getrennt gewesen. Sie erinnerte sich an die Briefe der Bank und an Viktor, der ihr den Auftrag für die Bestandsdaten verschafft hatte. In ihrem Archiv fand sie seine Nachricht vom 17. September. Die Firma habe alles erledigt, schrieb er, nur die Unterlagen müssten endlich fertig werden, damit die Gemeinde das Projekt abschließen könne.

Darunter stand ihre eigene Antwort: »Der südliche Abschnitt ist nicht überprüft. Mir fehlt außerdem die Aufnahme des zweiten Durchlasses.« Sie hatte die Stelle im Plan gelb markiert. Viktor hatte zurückgeschrieben, die Ausführung sei mit dem Bauleiter geklärt; sie brauche nicht wegen jeder Abweichung einen zusätzlichen Außentermin abzurechnen. Am nächsten Morgen hatte sie die gelbe Markierung entfernt und den Prüfvermerk unterschrieben. Sie wusste noch, wie erleichtert sie gewesen war, als zehn Tage später ihr Honorar einging.

Den Rest des Abends versuchte sie, sich an einen weiteren Anruf zu erinnern, eine Bestätigung, irgendetwas, das zwischen den beiden Nachrichten gelegen haben konnte. Sie öffnete die Anhänge, sah in ihren Kalender und fand einen Zahnarzttermin, aber keinen Besuch am Graben. Um halb elf stand sie auf und warf den Keks aus ihrer Manteltasche in den Abfall. Er war zwischen den Schlüsseln zerbrochen; die Krümel musste sie einzeln aus dem Futter holen.

Eva Bartošová traf sie zwei Tage später in einem Café an der Ausfallstraße. Die Journalistin hatte einen Tisch gewählt, von dem aus sie ihr altes Auto sehen konnte, und schob beim Aufklappen des Computers eine Serviette unter dessen wackelnde Ecke. Zuzana zeigte ihr die Rechnung, die Bilder und den Bestandsplan. Den E-Mail-Wechsel ließ sie zunächst in der Tasche. Eva hörte lange zu, ehe sie fragte, was Zuzanas Unterschrift unter dem Prüfvermerk bedeute.

»Dass ich die Daten übernommen habe«, sagte Zuzana und merkte, wie ähnlich ihre Stimme derjenigen geworden war, die sie bei Viktor gehört hatte. Eva drehte den Plan zu ihr. »Hier steht mehr als das. Wir müssen wissen, was du tatsächlich geprüft hast.« Zuzana betrachtete ihre Unterschrift, die kleine Schleife im Nachnamen, die sie sich seit der Schulzeit nicht abgewöhnt hatte. Dann zog sie die restlichen Ausdrucke hervor und legte sie zwischen die Kaffeetassen.

Eva las sie, ohne zwischendurch aufzusehen. Danach fragte sie, ob Zuzana Kopien behalten habe und ob jemand anderer den Zugang zu den Originalen bestätigen könne. Sie wollte keine dramatische Schilderung des Besuchs bei Viktor, sondern Daten, Zuständigkeiten und den Ablauf der damaligen Übergabe. »Dein Vermerk ist eine von mehreren Anlagen zur Abrechnung«, sagte sie. »Er erklärt nicht, wer das Geld bekommen hat. Aber ich kann ihn auch nicht so behandeln, als hättest du deinen Namen versehentlich daruntergesetzt.«

In der folgenden Woche fuhren sie zweimal zum Graben. Eine Bauingenieurin, die Eva hinzuzog, bestätigte nach einer Besichtigung und dem Vergleich mit den Plänen, dass wesentliche Teile der abgerechneten Anlage fehlten. Wie viel die tatsächlich ausgeführten Arbeiten wert waren, wollte sie ohne weitere Unterlagen nicht beziffern. Zuzana war zuerst enttäuscht von dieser Einschränkung, dann erleichtert. Seit Tagen begegnete ihr zum ersten Mal jemand, der eine Lücke stehen ließ, statt sie mit einer Behauptung zu füllen.

Den deutlichsten Nachweis fand Eva in einem alten Bericht über eine Baustelle in einer anderen Gemeinde. Eines der Bilder zeigte denselben frisch betonierten Durchlass wie die Abschlussdokumentation ihres Projekts. Auf der vollständigen Aufnahme waren ein gelber Geräteschuppen und ein schiefer Strommast zu sehen; im Projektordner waren beide abgeschnitten. Die andere Gemeinde bestätigte Ort und Entstehungsjahr. Der Bauunternehmer hatte an beiden Projekten gearbeitet. Dasselbe Bild konnte bei der Ablage verwechselt worden sein, erklärte Eva. Dass der abgebildete Durchlass vor Ort fehlte, ließ sich damit nicht erklären.

Am Freitag schickte sie ihre Fragen an die Gemeinde und die Baufirma. Noch am selben Nachmittag wurde Zuzanas Zugang zum Projektarchiv gesperrt. Eine Mitarbeiterin aus dem Bauamt ließ sie trotzdem in den Abstellraum, damit sie ihre Lampe und den Kaffeebecher holen konnte. Während Zuzana die Kabel aufwickelte, stand die Frau in der Tür und hielt einen Aktenstapel vor der Brust. »Die Lampe gehört dem Hausmeister«, sagte sie schließlich. Zuzana stellte sie zurück, und beide waren froh, dass es etwas gegeben hatte, worüber sie sprechen konnten.

***

Viktor kam am Sonntag zu ihr. Er hatte vorher angerufen, und sie hatte zugesagt, obwohl sie nicht wusste, was es noch zu besprechen gab. In der Küche stellte er die mitgebrachten Kolatschen auf den Tisch und nahm zwei Teller aus dem Schrank. Zuzana ließ ihn gewähren. Während des Umzugs hatte er die Schränke angebracht; eine der Türen hing seitdem schief, und bei jedem Besuch versprach er, beim nächsten Mal einen Schraubenzieher mitzubringen.

Diesmal hatte er einen Vertragsentwurf dabei, der ihr die Arbeit bis zum Jahresende sichern sollte. Daneben legte er eine einseitige Erklärung mit der Überschrift »Klarstellung zur vorläufigen Bestandsdokumentation«. Ihre ursprüngliche Bestätigung einer Ortsprüfung sollte darin als Übertragungsfehler bezeichnet werden. Den Zustand der Anlage zum Zeitpunkt der Abrechnung könne sie aus eigener Wahrnehmung nicht beurteilen. Dieser zweite Satz stimmte. Zuzana las ihn so lange, bis ihr auffiel, dass gerade deshalb auch der erste glaubwürdig wirken konnte.

»Die Firma wird nachbessern«, sagte Viktor. »Ich habe mit dem Geschäftsführer gesprochen, und den Rest bringen wir im nächsten Budget unter. Niemand hat etwas davon, wenn wir jetzt alles aufreißen und am Ende Geld zurückzahlen müssen, das längst ausgegeben ist.« Er schob den Vertrag ein Stück näher zu ihr. »Du hast deiner Journalistin erzählt, was du gesehen hast. Jetzt kannst du ihr auch sagen, wo du dich geirrt hast.«

Zuzana fragte, weshalb die Gemeinde ein zweites Mal für Arbeiten bezahlen sollte, die schon abgerechnet worden waren. Viktor zog den Teller zu sich und brach eine Kolatsche auseinander. Die Firma habe seinerzeit auch das Dach der Sporthalle gemacht, sagte er, schnell und ohne dass die Gemeinde sofort alles habe bezahlen müssen. Auf ihre Nachfrage, ob es darüber eine Vereinbarung gebe, sah er sie zum ersten Mal ungeduldig an. »Manche Sachen funktionieren, weil man sich kennt. Nicht jede Hilfe passt in deine Tabellen.«

»Das Dach wurde bezahlt«, sagte Zuzana. Eva hatte inzwischen auch diese Rechnung gefunden. »Ein halbes Jahr später. Es war kein Geschenk.« Viktor ließ das Gebäck auf den Teller sinken. Sie sah ihm an, dass er abwog, wie viel sie wussten. Dann erklärte er, ohne diese Firma hätten sie die Halle vor der Wahl nicht mehr fertig bekommen. Der Bürgermeister habe die Eröffnung angekündigt, die Vereine hätten darauf gedrängt. »Soll ich den Leuten sagen, sie können ihre Kinder nicht zum Sport schicken, weil mir ein Unternehmer nicht tugendhaft genug ist?«

Zuzana ging zum Fenster und sah hinunter auf die Abfalltonnen im Hof. Sie hatte erwartet, dass er irgendwann einräumen würde, die falsche Rechnung sei nötig gewesen, um etwas anderes zu bezahlen. Nun lag auch die Rechnung für das angebliche Entgegenkommen vor. Vom Gemeindegeld war etwas bei einer Firma geblieben, und Viktor erklärte ihr, weshalb sie dafür dankbar sein sollten. Sie drehte sich wieder zu ihm um. »Du bist mit einer Pumpe zu Mária gefahren. Wusstest du da schon, dass hinter ihrem Haus ein Teil der Anlage fehlt?«

Er schwieg lange genug, dass sie seine Antwort nicht mehr brauchte. Schließlich sagte er, nach dem Regen seien an zwanzig Stellen gleichzeitig Keller vollgelaufen; er habe damals andere Sorgen gehabt, als alte Abrechnungen durchzusehen. »Aber du hast ihre Beschwerden bekommen«, sagte Zuzana. »Du hast ihr erklären lassen, dass alles ordnungsgemäß gebaut worden ist.« Viktor schob die Unterlagen zusammen und richtete ihre Kanten am Tisch aus. »Du tust so, als wäre ich der Einzige, der hier seinen Namen hergegeben hat.«

Zuzana setzte sich wieder. Die Heizung klopfte in der Wand, und für einen Moment hörten sie beide hin, als könnte jemand im Nebenzimmer das Gespräch übernehmen. Sie dachte an den Satz unter ihrem Plan und an die gelbe Markierung, die sie gelöscht hatte. Viktor brauchte ihre Schuld nicht zu erfinden. Er musste ihr nur anbieten, sie gemeinsam so lange anders zu benennen, bis niemand mehr nach ihrem Anteil fragte.

»Warum bist du zu der Gedenkveranstaltung gekommen?«, fragte sie. Er sah auf, offenbar erleichtert, über etwas anderes sprechen zu können. Weil er Ján Kuciaks Arbeit respektiere, sagte er, und weil der Mord an ihm und Martina entsetzlich gewesen sei. Er habe das damals so empfunden und empfinde es noch immer so. »Das glaubst du mir doch wohl. Ich habe in Bratislava neben dir gestanden.«

»Ja«, sagte Zuzana. »Und gestern hat eure Gemeindeseite Eva vorgeworfen, gegen Bezahlung dem Ort zu schaden.« Viktor lehnte sich zurück. Das sei eine Frage nach den Interessen hinter der Berichterstattung gewesen, keine Drohung; eine Redaktion müsse sich genauso prüfen lassen wie ein Bürgermeister. Er hielt einen Augenblick inne und deutete auf die Papiere. »Du kannst einen ermordeten Journalisten doch nicht mit jedem gleichsetzen, der mir eine Liste mit Anschuldigungen schickt.«

Zuzana erinnerte sich daran, wie er damals an der Tankstelle über ausgeschriebene Aufträge gesprochen hatte. Er hatte wissen wollen, wohin das Geld ging und wer dafür verantwortlich war. Mehr verlangte Eva jetzt auch nicht. Trotzdem wartete Zuzana noch einen Moment darauf, dass der alte Freund sich in seinem eigenen Satz verfangen würde. Viktor aber nahm den Vertragsentwurf wieder vom Tisch und betrachtete ihn, als sei lediglich eine geschäftliche Frage offen.

»Ich habe euch damals eine Prüfung bestätigt, die ich nicht gemacht hatte«, sagte sie. »Eva bekommt die E-Mails und den unterschriebenen Plan. Nicht nur die Teile, die gegen dich sprechen.« Viktor zog langsam den Reißverschluss seiner Aktentasche auf. Er fragte, ob sie eine Vorstellung davon habe, was das für sie bedeuten könne. Zuzana nickte, obwohl sie es nur zum Teil wusste. Den Entwurf der Klarstellung ließ sie zwischen den Tellern liegen, bis er ihn ebenfalls einpackte.

An der Wohnungstür blieb er stehen. Er sei nicht nur wegen der Unterlagen gekommen, sagte er; sie solle ihrer Mutter ausrichten, dass er sich nach ihr erkundigt habe. Es klang weder spöttisch noch wie eine weitere Drohung. Zuzana glaubte ihm sogar, und das machte es schwerer, die Tür zu schließen. In der Küche standen die Teller noch an ihren Plätzen. Sie räumte seinen in die Spüle und setzte sich vor ihren, ohne etwas zu essen.

***

Eva bestand darauf, dass Zuzana vor der Übergabe an die Behörden mit einer Anwältin sprach. Das Gespräch dauerte länger, als sie erwartet hatte. Es ging um ihren Auftrag, um die Formulierung des Vermerks und darum, was sie zu welchem Zeitpunkt gewusst hatte. Niemand versprach ihr, dass die Offenlegung ihrer eigenen Rolle sie vor Konsequenzen schützen würde. Als sie aus der Kanzlei kam, musste sie eine Weile vor dem Auto stehen bleiben, ehe sie den Schlüssel ins Schloss bekam.

In den Tagen danach lag ihr Telefon nachts neben dem Bett, obwohl sie es sonst in der Küche ließ. Zweimal stand sie auf, weil im Stiegenhaus eine Tür zugeschlagen wurde. Es ärgerte sie, dass sie bei jedem unbekannten Anruf an die beiden Fotografien unter dem Vordach dachte. Sie hatte keinen Anlass, Viktor einen Mord zuzutrauen. Dennoch ließ sich das Wissen, dass Ján Kuciak und Martina Kušnírová ermordet worden waren, nicht auf die Minuten einer Gedenkveranstaltung begrenzen. Es blieb auch nachts in einer Wohnung, in der jemand darauf wartete, dass eine Recherche erschien.

Der Artikel wurde an einem Mittwoch im März veröffentlicht. Er zeigte den geplanten Verlauf des Grabens, die Aufnahmen der fehlenden Bauteile und die beiden Fassungen des Baustellenfotos. Die Stellungnahmen der Gemeinde und des Unternehmens standen daneben. Die Firma sprach von einer fehlerhaften Bildzuordnung und unterschiedlichen Bauabschnitten; Viktor wies den Verdacht einer bewussten Täuschung zurück. Zuzanas Prüfvermerk und ihre damalige Warnung waren ebenfalls dokumentiert. Private Kontaktdaten hatte Eva unkenntlich gemacht, den Namen unter der Unterschrift auf Zuzanas ausdrücklichen Wunsch nicht.

Zuzana las den Artikel zuerst am Computer und dann auf dem Telefon, als könnte die schmalere Ansicht an seinem Inhalt etwas ändern. In einem eigenen Absatz stand, dass sie eine ungeprüfte Ausführung bestätigt hatte. Der Satz war sachlich und enthielt keine Erklärung über Scheidung, offene Rechnungen oder einen Freund, dem man gern glauben wollte. Sie legte das Telefon weg und holte es nach wenigen Minuten wieder hervor.

Am Nachmittag veröffentlichte Viktor eine Stellungnahme. Eine ehemalige Auftragnehmerin versuche, der Gemeinde nach dem Ende ihrer Zusammenarbeit zu schaden, unterstützt von einem politisch einseitigen Medium. Er wolle sich davon nicht abhalten lassen, weiter für die Bürger zu arbeiten. Unter dem Text stand ein Foto von ihm vor der renovierten Sporthalle. Jemand schrieb, wenigstens kümmere sich dieser Mann um die Leute; jemand anderer stellte die Frage, warum es dann immer noch keinen funktionierenden Graben gebe.

Eva rief erst am Abend an. Eine frühere Mitarbeiterin der Gemeinde hatte sich gemeldet und bot Kopien der Beschwerden an, auf denen Eingangsdatum und interne Weiterleitung vermerkt waren. Damit ließ sich prüfen, wer wann von den Problemen erfahren hatte. Eva klang müde, aber nicht enttäuscht. Bevor sie auflegte, fragte sie Zuzana nach einer Nummer auf dem Lageplan, und Zuzana erklärte ihr, welches Grundstück gemeint war.

In der folgenden Woche wurden die vollständigen Unterlagen an die Staatsanwaltschaft übergeben. Eine Entscheidung über das weitere Vorgehen gab es noch nicht. Zuzanas Vertragsverlängerung kam nicht zustande, und ein Nachbarort, dem sie ein Angebot geschickt hatte, meldete sich ebenfalls nicht mehr. Sie schrieb weitere Angebote, bezahlte die Anwältin und ließ ihre Mutter glauben, dass sie wegen einer Verschiebung im Arbeitsplan mehr Zeit für die Fahrten zur Physiotherapie habe.

An einem Freitag fuhr sie noch einmal zu Mária. Sie hatte die Frau angerufen, weil sie die früheren Beschwerden kopieren und die darin bezeichneten Stellen auf einer Karte zuordnen wollte. Über den Feldern hing niedriger Nebel, und am Wirtschaftsweg stand das Wasser zwischen den gleichen Grasbüscheln wie bei ihrem ersten Besuch. Sie blieb einen Moment am Auto stehen. Seit der Veröffentlichung hatte sie sich dabei ertappt, eine sichtbare Veränderung zu erwarten, als müsse die Landschaft bereits davon erfahren haben.

Mária ließ sie in den Vorraum und holte eine Klarsichthülle mit Briefen. Zuzana hatte den Artikel ausgedruckt, aber die Frau winkte ab; ihr Sohn habe ihn ihr gezeigt. Sie legte die Beschwerden auf einen schmalen Schuhschrank und strich sie glatt. Dann nahm sie den Bestandsplan, den Zuzana mitgebracht hatte, und fuhr mit dem Finger bis zu der Unterschrift am unteren Rand.

»Seit wann wissen Sie, dass da etwas nicht stimmt?«, fragte sie. Zuzana begann zu erklären, dass sie erst vor einigen Wochen gesehen habe, wie viel tatsächlich fehle. Mária ließ den Finger auf dem Papier liegen und wartete. Zuzana hörte auf, die verschiedenen Arten des Wissens gegeneinander abzuwägen. »Im September 2020 wusste ich, dass ich diesen Abschnitt nicht geprüft hatte. Ich habe es trotzdem unterschrieben. Ich hätte damals hierherkommen müssen.«

Mária nahm die Hand vom Plan. Eine Weile war nur das Summen des Kühlschranks aus der Küche zu hören, dann fragte sie, ob Zuzana ihr das aufschreiben könne, mit dem damaligen Datum des Vermerks und ihrem Namen. Sie wolle es zu ihren Unterlagen legen. Zuzana zog ein Blatt aus der Mappe und schrieb auf dem Schuhschrank, langsam genug, dass die Spitze des Kugelschreibers nicht durch das Papier drückte.

Als sie fertig war, las Mária den Text, schob ihn zu den Beschwerden in die Hülle und strich sie mit der flachen Hand glatt. Dann öffnete sie die Haustür. Zuzana steckte den Kugelschreiber ein und trat hinaus, während Mária die Unterlagen dicht an sich hielt, damit sie nicht nass wurden.