SPRACHE WÄHLEN

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Cover der Geschichte Achtzehn Jahre Nacht

Wien ohne Morgen

Achtzehn Jahre Nacht

Von Torsten Schönberg

Mystery · Übernatürlicher Noir

Zurück zu Wien ohne Morgen

Schönbrunn, in der Nacht auf den 27. September 2026

Die Holzplatte gegenüber dem Bett löste sich mit einem Knacken von der Wand. Leopold Arnitz hob den Kopf. Er hatte das Geräusch zunächst für ein Möbelstück gehalten, das im nächtlichen Temperaturwechsel arbeitete. Dann sah er den dunklen Spalt zwischen Vertäfelung und Zierleiste. Die Platte stand schräg vor und ruhte mit der unteren Kante auf dem niedrigen Schrank.

Mara Vellner saß neben ihm im Bett. Sie hatte noch nicht geschlafen. Vorhin hatte sie seine Hand von ihrer Schulter genommen und unter die Decke gezogen; jetzt hielt sie dieselbe Hand fest, während sie beide auf die Wand sahen. Durch das geschlossene Fenster drang der Lichtschein einer Hofleuchte. In dem schmalen Streifen konnte Leopold erkennen, dass sich am oberen Rand der Holzplatte eine Schraube gelöst hatte.

Er schaltete die Nachttischlampe ein und stand auf. Die Platte war schwer genug, um den Schrank und die Bücher darauf zu beschädigen. Er wollte sie abnehmen, bevor sie fiel. Mara zog ihre Hose und seine Strickjacke an, während er sein Hemd zuknöpfte und den Werkzeugkasten aus dem angrenzenden Arbeitszimmer holte.

Leopold wohnte seit sechs Jahren in dieser Wohnung in einem Seitenbereich von Schönbrunn. Er kannte den langsamen Weg über den Hof, die Stiege, auf der man nach einem langen Arbeitstag unweigerlich leiser wurde, und die schwere Wohnungstür, die Mara selbst nach mehreren Besuchen noch mit beiden Händen zuzog. Im Schlafzimmer hatte er seine Bücher untergebracht und eine zweite Lampe angeschlossen, weil das Licht in den hohen Räumen nie dort war, wo er es brauchte. Die Holzvertäfelung war älter als sein Mietvertrag und jünger als die Mauern. Bis zu diesem Augenblick hatte sie ihn nur bei seiner Arbeit als Restaurator beschäftigt.

Er räumte die Bücher vom Schrank. Mara hielt die Platte, während er die verbliebenen Schrauben löste. Als sie das Holz gemeinsam zur Seite hoben, glitt ein heller Staubstreifen auf den Boden. Dahinter lag weder Ziegel noch Putz. In der Mauer saß eine schmale dunkle Tür mit einem Messinggriff. Unter dem Griff steckte ein alter Schlüssel.

Leopold legte das Werkzeug ab. Mara ließ die Platte los, und das Holz kippte gegen den Schrank. Der Schlag war laut genug, dass beide zusammenzuckten. Hinter der neu entdeckten Tür blieb es still.

„Ist das eine Verbindung zur anderen Wohnung?“, fragte Mara.

Leopold schüttelte den Kopf. Er war vor zwei Jahren auf der anderen Seite dieser Wand gewesen, als eine Leitung überprüft worden war. Dort lag ein schmaler Installationsschacht. Er hatte selbst die verkleidete Öffnung gesehen. Für einen Gang oder ein Zimmer war kein Platz.

Mara trat zu ihm und betrachtete den Rahmen. Sie kaufte und verkaufte Bilder, bearbeitete Nachlässe und hatte schon manche verschlossene Wohnung betreten. Die Tür vor ihnen hielt sie offenbar für etwas anderes. Sie sah nicht auf das Holz, sondern auf den Spalt darunter, als erwarte sie dort Licht.

Leopold drehte den Schlüssel und zog vorsichtig an der Klinke. Die Tür öffnete sich zu ihnen ins Schlafzimmer. Ihr Scharnier saß links; er zog das Blatt nur so weit auf, dass er hindurchsehen konnte.

Durch den Spalt sah er gelbes Licht und einen Mann, der gerade die Hand nach einer Tischkante ausstreckte. Auf der anderen Seite des Zimmers klopfte es dreimal.

Er fuhr zurück und drückte die Tür zu. Die Schläge brachen ab. Er blieb mit der Hand auf dem Griff stehen und hörte Mara hinter sich Luft holen. Dann vergingen mehrere Sekunden, in denen nichts geschah.

„Da war Licht“, sagte sie. „Nicht unseres.“

Leopold öffnete erneut, diesmal weiter. Das Türblatt schwang nach links in sein Schlafzimmer und blieb vor dem verschobenen Schrank stehen. Dahinter lag ein tieferer Boden, etwa zwanzig Zentimeter unter der Schwelle, und darauf ein abgetretener Teppich. Eine Stehlampe beleuchtete ein rechteckiges Zimmer. Rechts stand ein Schreibtisch mit einem grünen Ledersessel; an der linken Wand ein Regal. Am anderen Ende, vielleicht fünf Meter entfernt, gab es eine zweite Tür. Davor hatte jemand einen kleinen Tisch verkeilt. Ein Stuhl stand schräg daneben.

Die Hand des Mannes erreichte jetzt die Tischkante. Leopold hatte sie vorhin noch in der Bewegung gesehen; obwohl er die Tür mehrere Sekunden geschlossen gehalten hatte, schien kaum ein Augenblick vergangen zu sein. Nun stemmte der Mann sich gegen den Tisch. Er trug ein weißes Hemd und hielt das rechte Bein schräg vom Körper weg. Bei einem neuerlichen Schlag ließ er die Platte los, um nicht zu stürzen, und sah über die Schulter zur Tür in Leopolds Schlafzimmer.

Leopold erkannte ihn. Nicht sofort an seinem Gesicht, sondern an der Art, wie er den Kopf hielt, als er einen Widerspruch sah und noch versuchte, ihn vernünftig zu erklären. So hatte Daniel Kreubach ihn früher angesehen, wenn Leopold an einem Rahmen eine übermalte Nummer freilegte und anschließend nichts darüber wissen wollte.

Daniel hatte Blut an der Schläfe. Sein Gesicht war unverändert. Er sah genauso aus wie in der Nacht im September 2008, in der Leopold ihn zuletzt gesehen hatte.

„Arnitz?“ Daniel sah von ihm zu Mara und wieder zurück. „Wie kommst du da hinein?“

Leopold antwortete nicht. Er sah die helle Schramme an der Schreibtischkante und den Aschenbecher, dessen Rand an einer Stelle ausgebrochen war. Dieses Zimmer hatte zu Gregor Selms Lager gehört. Es hatte nicht in Schönbrunn gelegen.

Hinter Daniel bewegte sich die verbarrikadierte Tür. Durch einen Spalt neben dem beschädigten Schloss erschien für einen Augenblick eine Hand. Sie zog sich zurück. Aus dem schmalen Flur dahinter kam eine Männerstimme.

„Schieb den Tisch weg, Daniel.“

Auch diese Stimme kannte Leopold. Er hatte sie achtzehn Jahre nicht gehört. Der Mann im Flur hörte sich nicht achtzehn Jahre älter an.

Mara berührte Leopolds Rücken. „Er ist verletzt. Ich hole das Telefon.“

Sie ging zum Nachttisch. Leopold blieb vor der geöffneten Tür stehen. Er hätte ihr sagen können, dass er den Raum nicht kenne. Daniel hätte ihn sofort widerlegt. Schon dieser Gedanke beschämte ihn: Er überlegte noch immer, welche Lüge die anderen ihm lassen würden.

„Der Mann heißt Daniel Kreubach“, sagte er. „Er ist damals verschwunden. Ich war dabei.“

Mara hielt mit dem Telefon in der Hand an. Er sah ihr an, dass sie mehr wissen wollte. Dann schlug es erneut gegen die andere Tür. Daniel humpelte zurück zum Tisch, legte beide Hände auf die Platte und drückte mit seinem gesunden Bein dagegen.

Leopold sah zu Mara. „Ruf Hilfe. Ich hole ihn.“

Er hielt sich am Rahmen fest und stieg die kleine Stufe hinunter. Als beide Füße auf dem Teppich standen, schlug ihm der Geruch des Raums entgegen: frischer Zigarettenrauch, Papier und der Cognac, den Selm in schweren Gläsern ausgeschenkt hatte. Mara blieb hinter ihm im Schlafzimmer. Er hörte, wie sie am Telefon ihren Namen und den Ort nannte.

* * *

Leopold ging an der linken Seite des Schreibtischs vorbei zu Daniel. Der Weg zur verbarrikadierten Tür war frei. Er schob seine Hände neben Daniels auf die Tischkante, und gemeinsam drückten sie das Möbelstück gegen das Türblatt. Hinter dem beschädigten Schloss splitterte etwas. Selm fluchte im Flur und hörte auf zu drücken.

Daniel ließ sich auf den Stuhl sinken, der schräg neben dem Tisch stand. Sein Hosenbein war unterhalb des rechten Knies dunkel. Auf dem Teppich lag eine Blutspur von dort bis zum Schreibtisch.

„Er hat mich mit der Stange getroffen“, sagte Daniel. Er strich sich über die Stirn und sah Leopold wieder an. „Was hast du mit deinen Haaren gemacht?“

Leopold hatte keine Antwort, die er in diesem Augenblick aussprechen konnte. Er war zweiundfünfzig. Daniel sah aus wie vierunddreißig. Dasselbe Alter hatte Leopold gehabt, als Selm ihn nachts angerufen und achthundert Euro dafür geboten hatte, dieses Schloss zu öffnen. Daniel hatte auf der anderen Seite um Hilfe gerufen. Leopold hatte das Werkzeug trotzdem angesetzt.

Er ging in die Hocke. „Du musst da nicht mehr durch. Hinter uns ist meine Wohnung. Ich bringe dich hinüber.“

Daniel sah an ihm vorbei zur offenen Tür. Mara stand im Schlafzimmer mit dem Telefon am Ohr. Ihr Blick ging zwischen den beiden Männern hin und her. Er konnte ihr nicht ansehen, was sie von dem hielt, was sie sah; immerhin war sie noch da.

Aus dem Flur kam ein langsames Scharren. Selm prüfte die alte Tür. Leopold kannte das Schloss, hatte es damals selbst beschädigt und konnte sehen, dass der provisorisch verkeilte Tisch das Einzige war, was noch hielt.

Daniel legte seine linke Hand auf Leopolds Schulter. „Die Kassette im Metallschrank neben dem Schreibtisch. Nimm die mit.“

Leopold folgte seinem Blick. Im unteren Fach des kleinen Metallschranks rechts neben dem Schreibtisch stand eine flache blaue Kassette. Die Schranktür war offen. Es waren höchstens zwei Schritte von dem Weg entfernt, den sie ohnehin zur neuen Tür nehmen mussten.

„Da sind die Kopien drin“, sagte Daniel. „Deswegen lässt er mich nicht gehen.“

Leopold nickte. Er half ihm vom Stuhl hoch und führte ihn zuerst weg von der Barrikade, dann seitlich am Schreibtisch entlang. Daniel konnte das verletzte Bein kaum aufsetzen. An der Schreibtischecke hielt er sich selbst fest, während Leopold die Kassette aus dem offenen Schrank nahm. Sie war nicht schwer. Zwischen Deckel und Rand ragten Umschläge hervor. Leopold drückte sie zurück und gab die Kassette Daniel, der sie mit dem rechten Arm an den Körper presste.

Sie waren bereits auf halbem Weg durch das Zimmer, als der Tisch an der alten Tür umkippte. Der Knall ließ Daniel zusammenzucken. Leopold zog seinen Arm wieder über die Schulter und ging weiter. Mara hatte das Telefon auf den Nachttisch gelegt. Sie kam an die Schwelle und streckte Daniel die Hände entgegen.

Selm stand im alten Türrahmen, dahinter war ein kurzer Flur zu erkennen, dessen hintere Tür geschlossen blieb. Er trat über das umgestürzte Tischbein und sah Leopold. Zunächst wirkte er eher verärgert als überrascht. Dann bemerkte er dessen graue Schläfen und blieb stehen.

„Arnitz?“

Leopold nutzte den Moment. Er brachte Daniel bis an die Schwelle nach Schönbrunn. Mara fasste dessen rechten Arm; die Kassette hielt Daniel nun zwischen Brust und Leopolds Schulter eingeklemmt. Gemeinsam hoben sie ihn die Stufe hinauf. Daniel bekam sein gesundes Bein auf den Schlafzimmerboden, ließ die Kassette los und sank auf die Knie. Mara fing sie auf und stellte sie hinter sich neben das Bett.

Leopold drehte sich noch einmal um. Selm war an den Schreibtisch gekommen. Er trug denselben dunklen Anzug wie in Leopolds Erinnerung, aber das Hemd hing aus der Hose. In der rechten Hand hielt er eine Pistole. Er sah durch die offene Tür auf Mara, auf das Bett und die Lampe in Leopolds Wohnung.

„Das ist nicht mein Lager“, sagte er.

Leopold ging rückwärts an die Schwelle. Er musste den Fuß heben, um die Stufe zu nehmen. In diesem Augenblick kam Selm an ihn heran und packte sein Hemd am Rücken. Der Stoff spannte sich an Leopolds Hals. Er verlor das Gleichgewicht und prallte mit der Hüfte gegen den Rahmen.

Mara zog Daniel hinter das geöffnete Türblatt. Leopold bekam Selms Handgelenk zu fassen, bevor der Mann ihn weiter in den alten Raum zurückziehen konnte. Der Schuss fiel dicht neben seinem Ohr. Holz splitterte über seiner Schulter. Eine kleine Wolke aus Putz und Staub sprang im Schlafzimmer von der Wand neben dem Fenster.

Leopold hörte danach nur noch ein Pfeifen. Selm hielt ihn weiterhin am Hemd. Er sah den geöffneten Mund des Mannes, konnte aber nicht verstehen, was er sagte. Er drückte den Waffenarm nach unten. Selms Hand schlug gegen die Kante des Rahmens. Die Pistole fiel auf den Teppich, knapp hinter ihre Füße.

Leopold wollte ins Schlafzimmer, aber sein Hemd hielt ihn fest. Selm zog daran, und Leopold musste das Handgelenk loslassen, um nicht zu stürzen. Er hörte einen Ruf wie durch Wasser. Als er den Kopf drehte, sah er Daniels ausgestreckte Hand.

Daniel hatte sich am Türrahmen hochgezogen. Er blieb mit beiden Füßen im Schlafzimmer und hielt sich mit der Rechten fest. Die Linke griff nach Leopolds Unterarm. Mara stand unmittelbar hinter ihm. Sie fasste Leopolds Hemd von vorn und zog ebenfalls.

Der Stoff riss an der Schulter. Leopold stolperte rückwärts über die Stufe. Für einen Augenblick fiel er gegen Daniel, dessen verletztes Bein einknickte. Mara schob beide zur Bettseite und griff nach der Türklinke. Das Blatt stand noch links in den Raum geöffnet. Sie drückte es zurück gegen den Rahmen.

Selm kam nach. Seine linke Hand schob sich um die freie Türkante. Leopold sah die Finger unmittelbar vor seinem Gesicht und stemmte die Schulter gegen das Holz. Mara drückte neben ihm. Die Tür schloss sich fast ganz, stieß auf die Hand und hielt an.

Das Pfeifen in Leopolds Ohren war noch da. Trotzdem hörte er jetzt Selms Schrei. Die Hand im Spalt knickte seitlich weg. Zwei Finger lagen flach gegen den Rahmen, die übrigen krümmten sich um die Kante. Leopold spürte, wie Mara noch einmal Gewicht gegen das Holz gab. Selm riss seine Hand zurück. Auf der Kante blieb ein breiter Blutstreifen zurück, und die Tür fiel zu.

Leopold drehte den Schlüssel und zog ihn ab. Er blieb vor dem Holz stehen, den Schlüssel in der geschlossenen Hand. Hinter ihm saß Daniel auf dem Boden. Mara hatte beide Hände auf das Türblatt gelegt, als müsse sie es weiter festhalten.

Aus dem alten Zimmer kam kein Laut mehr.

* * *

Mara nahm sofort wieder das Telefon. Sie sagte, dass geschossen worden war, dass Daniel am Bein verletzt sei und dass der bewaffnete Mann hinter einer verschlossenen Tür stehe. Mehr versuchte sie nicht zu erklären. Leopold holte Handtücher aus dem Bad, während Daniel sich mit beiden Händen auf die Bettkante zog. Daniel nahm sein altes Mobiltelefon und den Schlüsselbund aus der Hosentasche, dann das Foto seiner Mutter aus der Geldbörse und legte alles vor sich auf die Decke. Auf dem kleinen Display leuchtete der 14. September 2008, kurz nach zwei Uhr.

Mara beendete das Gespräch und legte ihr Telefon daneben. 27. September 2026. Daniel sah erst auf die beiden Anzeigen und dann in Leopolds Gesicht. „Das kann man einstellen.“ Mara ließ ihm das Telefon. „Ein Datum schon“, sagte sie. „Achtzehn Jahre nicht.“ Er strich sich über den Mund und nahm das Foto auf, als müsse er sich vergewissern, dass wenigstens dieses Bild noch zu der Welt gehörte, aus der er gerade gekommen war.

Leopold sah zur verschlossenen Tür. Das Zimmer und der kurze Vorraum mit Selm mussten gemeinsam in jener Nacht stecken geblieben sein; nur bei geöffneter Verbindung zu seiner Wohnung lief das Geschehen weiter. Als er sich Daniel und Mara wieder zuwandte, erzählte er von Selms Anruf, von den achthundert Euro und von Daniels Warnung. Er sagte, dass er verstanden hatte, wie ernst die Gefahr war, und das Schloss trotzdem geöffnet hatte. Daniel hatte Selm mit einer Lampe zurück in den kleinen Vorraum gedrängt und die Tür erneut verbarrikadiert. Leopold hatte genau diesen Augenblick genutzt, um aus dem Lager zu gehen, statt Hilfe zu holen. Später hatte er schriftlich behauptet, Daniel in jener Nacht nicht gesehen zu haben.

Daniel hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Erst als Leopold schwieg, sah er auf das Foto in seiner Hand. „Meine Mutter war zweiundsechzig. Heute.“ Leopold wusste keine Antwort. „Du hattest achtzehn Jahre“, sagte Daniel. Leopold nickte. „Ich nicht.“

Mara kniete vor Daniel und hielt ein gefaltetes Handtuch gegen sein Bein. Als es an der Wohnungstür klopfte, legte sie seine Hand auf das Tuch und ging sofort in den Vorraum. Sie ließ die angeforderten Helfer herein, führte sie zu Daniel und warnte vor der verschlossenen Holztür. Zwei Männer übernahmen seine Versorgung. Einer Polizistin zeigte Leopold den Einschlag neben dem Fenster und das Blut am Rahmen; dann holte er Papier und einen Stift aus dem Arbeitszimmer.

Während die Männer Daniels Bein versorgten, schrieb er auf, was er achtzehn Jahre lang vermieden hatte: dass Daniel ihn um Hilfe gebeten hatte, dass Selm ihm Geld gezahlt hatte, dass er die Tür wissentlich geöffnet und später gelogen hatte. Er unterschrieb mit seinem vollen Namen, legte den alten Schlüssel auf den Nachttisch und schob seine Erklärung daneben. Daniel las die ersten Zeilen und blickte zu ihm auf. „Ich habe dich herausgezogen, weil du sonst dort geblieben wärst. Mehr war das nicht.“ Leopold antwortete, dass er das wisse. Daniel hielt seinen Blick fest. „Dann mach daraus nichts anderes.“

Mara stellte die blaue Kassette zu Daniel aufs Bett. Er prüfte, ob seine Kopien vollständig waren, während sie die erste Lage fotografierte. Darunter lagen ältere Rechnungen und Transportbelege aus Selms Bestand. Die Polizistin blieb bei Leopold. Er gab ihr den Schlüssel und seine unterschriebene Erklärung und sagte noch einmal, dass der Angreifer hinter der schmalen Tür stehe. Daniel ließ sich von den Helfern aufrichten. Als Leopold einen Schritt auf ihn zumachte, hob er die Hand.

„Nicht du.“

Leopold blieb stehen. Mara begleitete Daniel in den Vorraum. Auf dem Bett war die Kassette offen geblieben; beim Prüfen der Papiere war ein einzelnes Blatt auf den Boden gerutscht. Leopold hob es auf. Es war eine Quittung aus dem Frühjahr 2008, eine kurze Liste von Fahrten und Zustellungen für Selm. Unter einer Summe stand ein Name, den er nicht kannte: Rudolf Kres.

Mara kam zurück, um Daniels Foto, Telefon und Schlüsselbund mitzunehmen. Als sie den Namen auf der Quittung las, hielt sie inne. „Was?“, fragte Leopold. Sie bat ihn zu warten, nahm ihr eigenes Telefon und gab den Namen ein. Unter den Treffern fand sie eine Firmenpräsenz für Transporte und Zustellungen in Wien, zuletzt im September 2026 aktualisiert. Neben dem Namen stand das Foto eines älteren Mannes in dunklem Anzug.

Sie ging mit dem Telefon und der Quittung zu Daniel in den Vorraum; Leopold blieb in der Schlafzimmertür stehen. Daniel betrachtete das Gesicht auf dem Display und vergrößerte das Bild. „Älter“, sagte er. „Aber das ist er. Der war für Selm unterwegs. Fahrten, Lager, Hotels. Sachen, die nicht in den Büchern stehen sollten.“ Mara nahm das Telefon wieder an sich. Unter dem Eintrag stand eine Adresse in der Leopoldstadt, zwei Straßen vom Praterstern. Sie hielt Leopold das Display hin.

„Der Mann ist nicht verschwunden.“