SPRACHE WÄHLEN

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Cover der Geschichte Das geschlossene Fenster

Wien ohne Morgen

Das geschlossene Fenster

Von Torsten Schönberg

Historischer Noir

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Wien, Mariahilf. Oktober 1904.

28. Oktober 1904, 00:41 Uhr

Unter der Ottomane lag der Mann, dem Therese Wimmer drei Tage zuvor ihren Wochenlohn gegeben hatte. Sie erkannte Viktor Bernau an der dunklen Einlage seines Manschettenknopfs, noch bevor sie die Leinwand weit genug zurückgezogen hatte, um sein Gesicht zu sehen. Er hatte ihr beim Zählen der Münzen gegenübergesessen und mit genau diesem Ärmel über den Tisch gewischt, damit nichts auf den Boden fiel. Jetzt lag seine Hand auf dem Parkett, die Finger halb geschlossen.

Therese ließ die Decke los und ging rückwärts zur Tür. Im Vorzimmer blieb sie mit der Schulter am Rahmen hängen, fing sich und griff nach der Klinke der Wohnungstür. Bis auf die Straße waren es zwei Stockwerke. Unten wohnte der Hausbesorger. Sie müsste ihn nur wecken und sagen, was sie gefunden hatte.

Stattdessen sah sie zu ihrem Kabinett. Auf dem Bett lag die Tasche mit den Stoffen, die sie hatte holen wollen. Ihre Schwester wartete darauf, dass sie zurückkam; bei ihr schlief auch Thereses kleiner Sohn. Die Reisingers waren verreist, und Therese hatte die Gelegenheit nutzen wollen, die letzten Aufträge mitzunehmen, bevor sie sich eine andere Unterkunft suchte. Sie wollte nicht länger in einer Wohnung leben, in der Viktor ein- und ausging. Nun lag er tot darin, und sie stand schon wieder da und überlegte, was er gegen sie in der Hand hatte.

Die Briefe waren in seinem Rock. Der Vater ihres Kindes hatte darin Geld versprochen, eine Unterkunft und später nur noch, gelegentlich nach ihr sehen zu lassen. Er war verheiratet. Als die Zahlungen ausblieben, hatte Viktor angeboten, mit ihm zu sprechen; dafür brauche er die Briefe. Therese hatte sie ihm gegeben. Zurückbekommen hatte sie weder die Papiere noch das Geld.

Bei ihren Kundinnen nannte sie sich Witwe. Viktor wusste, welche Haushalte sie beschäftigten, und hatte ihr angekündigt, dort die Briefe vorzulesen, wenn sie nicht zahlte. Auf dem letzten Umschlag stand außerdem die Anschrift ihrer Schwester. Beim Zählen der Münzen hatte er gesagt, beim nächsten Mal werde er eben dort nachfragen. Therese hatte ihrer Schwester nichts davon erzählt. Die Schwester glaubte noch immer, das Geld fehle wegen schlecht zahlender Kundinnen.

Therese sah zur Tür und stellte sich vor, wie die Beamten die Briefe neben dem Toten ausbreiteten. Ihr Name stand darin, sie wohnte in dieser Wohnung, und sie hatte diesem Mann Geld gegeben, damit er sie in Ruhe ließ. Sie würde erklären müssen, weshalb sie gerade heute Nacht allein hier war. Vielleicht würden sie ihr zuhören. Vielleicht würden sie zuerst bei der Schwester nachfragen und dann bei den Kundinnen. Ihre Hand lag schon auf der Klinke, als sie sich wieder dem Zimmer zuwandte.

Therese holte die kleine Schere aus ihrem Nähzeug und kehrte ins Zimmer zurück. Ihre Lampe stand auf dem Tisch. Dahinter war das Fenster geschlossen, und der Geruch, der ihr beim Eintreten aufgefallen war, ließ sich jetzt nicht mehr von dem Gesicht unter der Leinwand trennen. Sie stellte die Lampe auf den Boden und zog die Ottomane weiter vor. Das eine Ende scharrte über das Parkett, während das andere auf zwei Holzstücken hängen blieb. Therese erschrak über das Geräusch und wartete, bis sie sicher war, dass niemand im Haus darauf reagierte.

Viktor hatte sich von ihr eine zusätzliche Tasche ins Futter nähen lassen. Sie saß unter dem linken Armausschnitt, flach am Körper, und war von außen nicht zu erkennen. Therese wusste noch, wie er damals neben der Maschine gestanden und jede ihrer Bewegungen beobachtet hatte. Der Eingriff war unter seinem Arm eingeklemmt. Therese zog zweimal die Hand zurück, bevor sie das Futter darunter zu fassen bekam und mit der Schere ansetzte.

Die Schere schnitt in den Stoff. Therese ertastete Papier und zog daran, doch das Bündel blieb hängen. Sie musste den Schlitz vergrößern. Als das Bündel endlich herausglitt, erkannte sie auf dem obersten Umschlag die vertraute Schrift. Sie strich mit dem Daumen über die Anschrift ihrer Schwester. Im Vorzimmer wurde ein Schlüssel ins Schloss geschoben.

Therese hob den Kopf. Die Wohnungstür lag hinter dem Vorzimmer, auf der anderen Seite der geöffneten Zimmertür. Sie konnte nicht hinaus, ohne dem Kommenden entgegenzugehen. Während der Schlüssel sich drehte, steckte sie die Briefe samt Umschlägen unter ihre Bluse, blies die Lampe aus und nahm die Schere vom Boden.


25. Oktober 1904, 23:34 Uhr

Mathilde Reisinger legte die drei Quittungen vor Viktor Bernau auf den Esstisch. Er saß auf dem Stuhl neben der Tür. Ihr Mann Eduard stand an der Anrichte und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Therese war seit dem Nachmittag bei ihrer Schwester; außer ihnen war niemand in der Wohnung. Mathilde wartete, bis Viktor den obersten Beleg gelesen hatte. „Die Kunden haben bezahlt. Du hast das Geld angenommen. Wann gibst du es zurück?“

Viktor schob die Quittung über den Tisch zu Eduard. „Und was sagt dein Mann dazu?“ Eduard kam von der Anrichte herüber, nahm das Blatt aber nicht auf. Seine Unterschrift war auch von dort zu erkennen. „Du hast versprochen, der Betrag sei Ende September wieder in der Kasse“, sagte er. Viktor lehnte sich zurück. „Dann erklär der Polizei, weshalb du es unterschrieben hast.“

Mathilde zog den Beleg zu sich. Sie hatte gewusst, dass Eduard Viktor Geld überlassen hatte. Er hatte von wenigen Tagen gesprochen, von einer vorübergehenden Entnahme, die den Betrieb nicht berühre. Nun wurden Rechnungen nicht bezahlt, und im Geschäft warteten Menschen auf ihren Lohn. Mathilde hatte die Quittungen herausgesucht, damit ihr Mann nicht länger ausweichen konnte. Als Eduard jetzt nach dem Blatt griff, legte sie ihre Hand darauf. „Das bleibt hier.“

Viktor stand auf. Der Stuhl stieß gegen den Türrahmen und versperrte einen Teil des Durchgangs. „Die Unterlagen gehören ins Geschäft.“ Mathilde nahm die anderen beiden Quittungen ebenfalls an sich. „Dann gehen wir morgen zusammen hin. Du erklärst uns, wo das Geld ist, oder ich gebe die Sache weiter.“ Sie trat um den Tisch herum, doch Viktor griff nach ihrem Handgelenk und hielt es über der Tischplatte fest.

„Lass sie los“, sagte Eduard. Viktor sah ihn an und verstärkte den Griff. Mathilde spürte, wie ihre Finger sich öffneten. Die Quittungen fielen auf den Tisch. Erst als sie mit der freien Hand nach Viktors Gesicht schlug, kam Eduard zwischen sie. Er packte seinen Geschäftspartner am Rock und zog ihn von Mathilde weg. Viktor stieß den Stuhl zur Seite, schlug Eduard ins Gesicht und wollte zur Tür.

Eduard hielt ihn fest. Die beiden gerieten an die Ottomane; Viktor stolperte über das niedrige Ende und fiel mit dem Rücken gegen das Polster. Mathilde stand noch am Tisch und rieb ihr Handgelenk, als ihr Mann sich über ihn beugte. Sie sah zunächst nur Viktors Schuhe auf dem Parkett rutschen. Dann bemerkte sie Eduards Hände an seinem Hals.

„Eduard, hör auf.“ Mathilde ging zu ihm und fasste seine Schulter. Viktor schlug mit einem Arm gegen die Lehne, bekam Eduards Ärmel zu fassen und ließ ihn wieder los. Mathilde zog stärker. Ihr Mann schüttelte sie ab, ohne den Blick von Viktor zu nehmen. Als sie seinen Namen zum zweiten Mal rief, hörte das Scharren der Schuhe auf.

Eduard löste die Hände und richtete sich auf. Mathilde kniete neben der Bank nieder. Viktor lag halb auf der Sitzfläche, den Kopf zur Seite gedreht. Sie berührte seine Wange und wartete auf einen Atemzug. Hinter ihr fragte Eduard, ob sie etwas höre. Mathilde antwortete nicht. Nach einer Weile stand sie auf und ging zur Wohnungstür.

„Warte.“ Eduard folgte ihr ins Vorzimmer. Er stellte sich nicht vor die Tür, sondern neben sie. „Du hast ihn auch festgehalten.“ Mathilde sah ihn an. Sie hatte Eduard an der Schulter gepackt, nicht Viktor. „Ich wollte, dass du aufhörst.“ Eduard wischte mit dem Ärmel über seinen Mund. Seine Lippe war aufgeplatzt. „Das kannst du sagen. Und dann fragen sie nach den Quittungen.“

Mathilde drückte die Klinke hinunter. Die Tür öffnete sich einen Spalt, und aus dem Treppenhaus kam kühlere Luft. Unten hustete jemand. Sie hätte hinausgehen und um Hilfe rufen können; Eduard stand neben ihr und hielt sie nicht fest. „Wir müssen zuerst nachsehen, was er noch bei sich hat“, sagte er. Mathilde blieb stehen, bis die Schritte im unteren Stockwerk verstummt waren. Dann zog sie die Tür wieder zu.

In Viktors Taschen fanden sie Geld, eine Uhr und mehrere Geschäftsbelege. Mathilde nahm nur die Papiere heraus und legte sie auf den Schreibtisch, unter den schweren Briefbeschwerer aus Messing. Den Rock wollte sie ihm nicht ausziehen; als Eduard sie darum bat, ging sie zur Anrichte und wandte ihm den Rücken zu. Er gab nach. Keiner von beiden bemerkte den flachen Einschub im Futter.

Eduard hob den Deckel einer der beiden neuen Musterkisten, die im Vorzimmer standen. Er sah hinein und setzte ihn wieder auf. Mathilde hatte verstanden, was er erwogen hatte, und wandte sich ab. Wenig später zogen sie Viktor in Sackleinwand unter die Ottomane und legten Holzstücke unter ein Ende, damit es höher stand. Die Decke reichte bis zum Boden. Mathilde kniete davor und zog den Saum zurecht, während Eduard ihr erklärte, dass sie ihre Reise nach Brünn nicht absagen dürften. Sie wurden dort erwartet. Er werde früher zurückkommen und sich um alles kümmern.

„Du lässt mich dort allein?“ Mathilde stand auf. Eduard drückte die Hände gegen die hohe Lehne und schob das Möbel näher an die Wand. „Eine Nacht. Du bleibst im Hotel und sagst, ich hätte noch einen Termin.“ Mathilde sah zu dem Teil der Decke, unter dem Viktors Hand verschwunden war. Sie fragte nicht, was Eduard in dieser Nacht tun wollte.

Bevor sie den Raum verließen, öffnete Eduard das Fenster. Mathilde blieb an der Tür und hielt die Lampe. Der Luftzug hob den Vorhang, doch die schwere Decke auf der Bank bewegte sich nicht. Eduard prüfte den Saum und richtete sich wieder auf. „Hier kommt niemand herein“, sagte er. Mathilde blickte an ihm vorbei auf die verschlossene Kabinetttür, hinter der Therese ihre Sachen zurückgelassen hatte.


27. Oktober 1904, 21:10 Uhr

Der Disponent schob die Wohnungstür auf und rief nach Reisinger. Sein jüngerer Kollege hielt die Lampe. Sie hatten das Schloss mit einem zurechtgebogenen Werkzeug geöffnet, nachdem auf ihr Klopfen niemand geantwortet hatte. Im Geschäft wartete man auf einen Schlüssel, den Reisinger vor seiner Abreise hätte abgeben sollen. Die Nachricht über seine Reise nach Brünn half ihnen wenig; ohne die fehlenden Unterlagen konnten sie am nächsten Tag nicht auszahlen.

Im größeren Zimmer hob der Luftzug den Vorhang. Der Disponent ging zwischen Tisch und Ottomane zum offenen Fenster und zog es zu. „Das kann man doch nicht tagelang offen lassen.“ Er prüfte den Riegel und wischte sich Staub von der Manschette. Hinter ihm stand sein Kollege bei zwei neuen Musterkisten. Auf der Ottomane lag eine dunkle Decke, deren Saum fast den Boden berührte. Niemand hob sie an.

Sie fanden den Schlüssel nicht. Der Disponent sah kurz in das Kabinett, in dem nach Auskunft Frau Reisingers eine Näherin wohnte. Das Bett war leer, auf dem Stuhl lag Stoff. Als sein Kollege fragte, ob sie später noch einmal kommen sollten, antwortete er, sie müssten wohl. Dann gingen beide hinaus. Der Disponent schloss hinter ihnen ab und behielt den Geruch feuchter Tücher in Erinnerung, dem er in der kalten Wohnung keine Bedeutung beigemessen hatte.


28. Oktober 1904, 00:49 Uhr

Therese schaffte es über das Vorzimmer in ihr Kabinett, bevor die Wohnungstür aufging. Sie zog die kleine Tür hinter sich zu und hielt die Klinke fest. Die Schere lag noch in ihrer rechten Hand. Durch das Holz hörte sie, wie jemand die Wohnung betrat, stehen blieb und die äußere Tür langsam schloss.

Die Schritte kamen ins Vorzimmer. Therese wartete darauf, dass sie näher rückten, doch der Mann ging in den größeren Raum. Ein Streichholz wurde angerissen, und unter ihrer Tür erschien ein schmaler Lichtstreifen. Sie hörte den Mann an der Ottomane hantieren; dann wurde es still. Er rief weder nach den Bewohnern noch nach Hilfe. Therese hielt den Atem an. Wer auch immer dort stand, der Fund schien ihn nicht zu überraschen.

Am Fenster ruckte der Riegel. Der Flügel schlug gegen die Wand, und kalte Luft zog unter Thereses Tür hindurch. Sie hatte das Fenster geschlossen vorgefunden. Nun stand es wieder offen, und der Mann im anderen Zimmer bewegte sich darin, als suche er keine Erklärung, sondern etwas, das ihm fehlte.

„Frau Wimmer?“ Sie erkannte Eduard Reisingers Stimme. Er war nach Brünn gefahren. Mathilde hatte gesagt, sie würden erst am Wochenende zurückkommen. Therese zog die Briefe unter ihrer Bluse zurecht, während seine Schritte das Zimmer verließen und unmittelbar vor ihrer Tür hielten. Er drückte auf die Klinke. Therese hielt dagegen.

„Machen Sie auf. Ich weiß, dass Sie da sind.“ Therese ließ den Griff nicht los. Eduard wartete einen Moment und versuchte es erneut, diesmal mit mehr Kraft. Das Türblatt bewegte sich gegen ihre Schulter. „Sie haben an seinem Rock geschnitten“, sagte er. „Was haben Sie herausgenommen?“ Therese schloss die Augen. Die Briefe knisterten, als sie den Arm dagegenpresste.

„Die gehören mir.“ Ihre Stimme klang fremd durch das Holz. Reisinger drückte nicht mehr. „Dann zeigen Sie sie mir.“ Sie hörte, wie er einen Schritt zurücktrat. Therese sah auf die Tür, die sie mit ihrem ganzen Gewicht hielt. Das Schloss besaß keinen Schlüssel mehr; es war schon bei ihrem Einzug so gewesen. Reisinger brauchte nur noch einmal kräftiger zu drücken.

„Ich will gehen“, sagte sie. „Ich habe meine Sachen geholt.“ Er antwortete, das könne sie, sobald er die Papiere gesehen habe. Therese fragte, wo Mathilde sei. „Im Hotel. Was hat das damit zu tun?“ Er klang jetzt ungeduldig, beinahe wie an den Abenden, an denen er sich über das Geräusch ihrer Nähmaschine beschwert hatte. Sie hätte ihm damals nie zugetraut, einen Mann unter einem Möbelstück zu verstecken.

„Treten Sie von der Tür weg.“ Therese wartete, bis seine Schritte sich entfernten. Dann öffnete sie einen Spalt. Im Vorzimmer war niemand. Reisinger stand im Eingang des größeren Zimmers, wenige Schritte links von ihr; zur Wohnungstür musste sie an ihm vorbei. Die Lampe hinter ihm beleuchtete eine Hälfte seines Gesichts. Auf der anderen Seite konnte sie eine angeschwollene Lippe erkennen.

Therese nahm ihre Tasche vom Bett. Oben lag das Hemd ihres Sohnes, das sie hatte ausbessern wollen. Sie schob die Schere unter das Hemd und ging aus dem Kabinett. Reisinger sah auf die Tasche. Als sie an ihm vorbeiwollte, fasste er ihren Oberarm und hielt sie an. „Die Papiere“, sagte er. „Ich will nur wissen, ob etwas vom Geschäft dabei ist.“

„Es sind Briefe.“ Therese hielt die Tasche vor sich. Er schob sie zur Seite und sah auf die Wölbung unter ihrer Bluse. Sie begriff, dass sie nicht vorbeikam, solange er im Durchgang stand. „Ich sage niemandem, dass ich hier war.“ Reisinger ließ ihren Arm nicht los. „Das ist nicht Ihre Wohnung. Sie nehmen hier nichts mit, was Ihnen nicht gehört.“

Sie hatte Viktor beinahe dieselben Worte sagen hören. Therese zog einen der Briefe mit seinem Umschlag heraus. „Da steht mein Name.“ Reisinger bekam das Kuvert zu fassen und las die Anschrift. „Da sind Sie jetzt? Bei Ihrer Schwester?“ Sie entriss es ihm und schob es wieder unter ihre Bluse. Sein Griff an ihrem Arm wurde fester. „Dorthin kann ich auch kommen“, sagte er. „Aber zuerst zeigen Sie mir, was Sie aus seinem Rock genommen haben.“

Therese stieß die Tasche gegen seine Hand. Für einen Augenblick lockerte er den Griff, und sie riss sich los. Der Weg zur Wohnungstür war noch immer versperrt. Sie wich in den größeren Raum zurück, zwischen Tisch und Ottomane hindurch, bis sie das offene Fenster hinter sich spürte. Kalte Luft lag an ihrem Nacken. Im gegenüberliegenden Hofflügel brannte hinter einem Vorhang Licht.

„Sie brauchen keine Angst zu haben.“ Reisinger kam vom Durchgang auf sie zu. Therese hörte hinter ihm die Decke über das Parkett streifen. Sein Schuh hatte sie verschoben, und Viktors Hand lag wieder frei. Reisinger ging darüber hinweg, ohne hinzusehen.

Therese drehte den Kopf zum Hof. Noch bevor sie rufen konnte, war Reisinger bei ihr. Er packte ihren Arm und zog sie vom Fenster zurück. Mit der anderen Hand griff er nach dem Flügel. Das Holz schlug in den Rahmen, und der Vorhang geriet dazwischen. Reisinger drückte nach, bis der Riegel einrastete.

Therese bekam ihre Tasche gegen den Tisch gestemmt und fasste hinein. Ihre Finger trafen das Hemd und darunter die Schere. Als Reisinger nach dem Brief an ihrer Brust griff, zog sie die Schere heraus und stach nach seinem Unterarm. Die Spitze drang durch seinen Ärmel. Therese zog die Hand zurück und ließ die Schere fallen. Reisinger schrie auf, riss den Arm zurück und stieß gegen die Tischkante. Seine Hand ging an die verletzte Stelle. Therese drängte sich zwischen ihm und der Ottomane hindurch zur Tür.

Im Vorzimmer holte er sie ein und packte den Henkel ihrer Tasche. Der Ruck drehte sie halb zu ihm herum, und die Naht des Henkels gab ein Stück nach. Therese sah sein Gesicht dicht vor sich und ließ los. Die Tasche blieb in seiner Hand. Sie riss die Wohnungstür auf und lief die Treppe hinunter, eine Hand an der Wand, mit der anderen die Briefe unter ihrer Bluse festhaltend.

Auf dem ersten Absatz sah sie zurück. Reisinger stand oben im Türrahmen. Er hielt die Tasche an sich gedrückt und presste die freie Hand auf seinen verletzten Unterarm. Im Stockwerk unter ihr ging eine Tür auf; jemand fragte verschlafen, was da los sei. Reisinger trat zurück in die Wohnung. Therese ging an der geöffneten Tür vorbei, ohne anzuhalten, und hörte die Frage ein zweites Mal hinter sich.

Erst auf der Straße blieb sie stehen. Ihr Mantel war im Kabinett geblieben. Sie zog den Kragen ihrer Bluse zusammen und sah zurück zum Haustor. Niemand kam heraus. Oben hatte Reisinger das Fenster geschlossen; der Vorhang war beim Zuschlagen im Rahmen hängen geblieben.


28. Oktober 1904, 01:36 Uhr

Die Schwester öffnete erst nach dem zweiten Klopfen. Therese drängte sich an ihr vorbei in die Küche und wollte, dass sie sofort abschloss. Dann stand sie vor dem Tisch und brachte keinen Satz heraus. Die Schwester zog einen Stuhl heran, setzte sie hin und holte ein feuchtes Tuch. Durch die angelehnte Zimmertür sah Therese ihren Sohn schlafen. Eine Hand lag neben seinem Gesicht, die andere hielt den Rand der Decke fest.

„Wo ist deine Tasche?“ Die Schwester wischte ihr über die Wange. Therese schüttelte den Kopf und legte die Briefe auf den Tisch. Der oberste Umschlag war zerknickt. Als sie ihre Hand davon nahm, sah die Schwester die Druckstellen an ihrem Arm. „Wer war das?“ Therese zog den Ärmel herunter, doch die Schwester hielt ihre Hand fest und wartete auf eine Antwort.

Therese erzählte zuerst von Reisinger. Er sei zurückgekommen, habe sie nicht gehen lassen und das Fenster zugeschlagen, als sie habe rufen wollen. Beim Sprechen drückte sie das feuchte Tuch gegen ihren Mund. Erst als die Schwester fragte, weshalb Reisinger sie überhaupt festgehalten habe, erzählte sie von dem Mann unter der Ottomane. Die Schwester hörte auf, ihr über den Rücken zu streichen.

„Bernau?“ Sie kannte den Namen. Therese hatte von ihm gesprochen, als er angeboten hatte, das Geld vom Vater des Kindes einzutreiben. Jetzt erzählte sie von den Zahlungen, die in die andere Richtung gegangen waren. Ihre Schwester sah auf die Briefe und nahm den obersten, nachdem Therese ihn ihr hingeschoben hatte.

Auf dem Blatt stand: Du bekommst das Geld, sobald du mit dem Jungen bei deiner Schwester bist. Meine Frau darf nichts von ihm erfahren. Die Schwester las die Zeilen und sah zu Therese. „Die hätten sie sehen sollen.“ Therese rieb sich die Finger. „Bei ihm hätten sie die gefunden. In meiner Wohnung. Und ich stand schon daneben.“ Sie wusste, dass die Schwester mehr von ihr erwartete, doch beim Gedanken an Viktors Hand auf dem Parkett bekam sie wieder keine Luft. „Ich wollte sie nur zurückhaben.“

Die Schwester legte den Brief ab. „Und deshalb hast du den Toten angefasst?“ Therese nickte. Als die Schwester nun aufstand und erklärte, sie hole Hilfe, fasste Therese sie am Handgelenk. „Bitte nicht. Nicht jetzt.“ Die Schwester blieb vor ihr stehen. „Er hat dich angegriffen. Du sitzt hier und kannst kaum den Arm heben. Soll ich warten, bis er vor unserer Tür steht?“

Therese deutete auf den Umschlag. „Er hat die Anschrift gelesen. Er hat gesagt, er kann auch herkommen.“ Jetzt nahm die Schwester das Kuvert selbst in die Hand. Sie strich die zerknickte Ecke glatt und betrachtete ihre Adresse. Dann sah sie ins Nebenzimmer, wo der Junge sich bewegt hatte. Sie schloss die Tür bis auf einen schmalen Spalt.

Eine Weile hörte Therese nur das Wasser, das ihre Schwester in eine Schüssel goss. Sie half ihr aus der zerrissenen Bluse und legte ihr ein sauberes Tuch um die Schultern. Therese erzählte von der Schere, dem verletzten Arm und der Tasche, die Reisinger ihr abgenommen hatte. Darin lägen noch die fertigen Näharbeiten und das Hemd des Jungen. Bei dem Hemd fing sie zu weinen an. Die Schwester hielt ihr die Schüssel näher und sagte, sie solle jetzt erst das Gesicht waschen.

Danach holte sie Nadel und Faden. Therese legte die Bluse auf den Tisch und betrachtete den Riss am Ausschnitt. Die Schwester hatte schon eine Kerze angezündet, damit sie besser sah. Als Therese den ersten Stich setzte, zog die andere Frau ihren Mantel an. Der Saum war auf einer Seite lose; sie strich mit der Hand darüber, bevor sie den Mantel zuknöpfte.

„Wo gehst du hin?“ Therese hielt die Nadel in der Luft. Ihre Schwester nahm den Wohnungsschlüssel vom Haken. „Geh zum Kleinen. Ich bin bald wieder da.“ Therese dachte, sie würde nun doch Hilfe holen. Sie wollte noch einmal bitten, es zu lassen, brachte es aber nicht über sich.

Als die Schritte auf der Treppe verstummt waren, zog sie den Faden zu fest an. Der Stoff warf kleine Falten. Therese löste den letzten Stich wieder, machte die Naht fertig und zog die Bluse an. Dann ging sie zu ihrem Sohn. Sie setzte sich auf die Bettkante. Der Junge wachte halb auf, tastete nach ihrer Hand und schlief weiter, sobald er sie gefunden hatte. Therese blieb bei ihm, bis es an der Wohnungstür klopfte.


28. Oktober 1904, 02:52 Uhr

Ihre Schwester stand auf dem Gang und hielt die verlorene Tasche in der Hand. Therese sah zuerst das helle Hemd, das aus der Öffnung ragte, dann den ausgerissenen Henkel. Sie hatte Schritte von mehreren Menschen erwartet, jemanden, dem sie noch einmal alles erzählen musste. Die Schwester schob sich an ihr vorbei und zog die Tür zu. Den Schlüssel legte sie auf das kleine Bord im Vorzimmer.

In der Küche stellte sie die Tasche auf den Tisch. „Es war alles verstreut. Schau nach, ob etwas fehlt.“ Therese berührte den Henkel, nahm aber nichts heraus. Die Schwester hatte den Mantel falsch zugeknöpft. An einer Schulter war der Stoff gerissen, und am Kragen saß eine dunkle Spur. Ihre rechte Hand blieb um den Rand des Tisches geschlossen, obwohl sie sich längst hätte setzen können.

„Du warst bei ihm.“ Therese sagte es leise, damit der Junge nicht aufwachte. Die Schwester nickte und zog das kleine Hemd aus der Tasche. Sie legte es zusammen, brachte die Ärmel nicht auf dieselbe Höhe und versuchte es erneut. Therese nahm es ihr ab. „Hat er dir das einfach gegeben?“ Ihre Schwester ließ die Hände sinken. „Nein.“

Therese zog einen Stuhl heran, doch die Schwester setzte sich nicht. Sie öffnete den Mantel, und nun sah Therese, wie weit der Riss an der Schulter reichte. „Was ist passiert?“ Die Schwester wandte sich zur geschlossenen Tür und antwortete erst, als Therese die Frage wiederholte.

„Er liegt neben dem Tisch“, sagte die Schwester. „Reisinger. Er ist tot.“ Sie zog den einen Ärmel aus, blieb mit dem anderen hängen und musste den Mantel wieder anheben. Therese half ihr nicht. Auf dem Küchentisch stand die Tasche, die sie beim Fliehen losgelassen hatte; sie erkannte jedes Loch im Stoff und konnte trotzdem nicht verstehen, dass sie nun wieder hier war.

Die Schwester legte den Mantel über die Stuhllehne. Sie hatte Reisinger gesagt, sie komme wegen Therese und der Briefe. Daraufhin hatte er sie eingelassen. Er wollte wissen, ob sie die Papiere mitgebracht habe. Die Tasche stand im Vorzimmer, daneben lagen einige Näharbeiten. Als die Schwester sich bückte, um sie einzusammeln, packte Reisinger sie am Mantel und zog sie in den größeren Raum.

„Seinen Arm hatte er verbunden“, sagte sie. „Mit einem Stück von dem Stoff aus deiner Tasche.“ Sie rieb sich über die Schulter, wo die Naht gerissen war. Er habe ihr nicht geglaubt, dass sie ohne die Briefe gekommen sei. Dann habe er erklärt, wenn Therese nicht selbst zurückkomme, werde er zu ihnen gehen. Er wollte sie nicht hinauslassen. Die Schwester sah auf den Boden zwischen Tisch und Herd und erzählte von dem schweren Briefbeschwerer, der auf Reisingers Schreibtisch gelegen hatte.

„Du hast ihn damit geschlagen?“ Therese kannte das Ding aus Messing. Sie hatte es mehrmals weggenommen, wenn sie die Tischplatte abgewischt hatte. Ihre Schwester nickte. Reisinger sei gestürzt, und sie habe die Tasche aus dem Vorzimmer geholt. Sie habe an der offenen Wohnungstür gestanden und hätte nur noch hinausgehen müssen.

Therese wartete. Die Schwester zog den Stuhl zu sich und setzte sich endlich. Ihre Hände lagen flach auf den Knien. „Er lag immer noch da. Ich konnte ihn vom Vorzimmer aus sehen.“ Sie blickte zur Tür des Schlafzimmers. „Ich habe mir vorgestellt, wie er wieder aufsteht.“ Therese nahm die Hände vom Taschenhenkel. „Hat er das versucht?“ Die Schwester schüttelte den Kopf und sah sie jetzt an. „Nein. Ich bin zurückgegangen. Dann habe ich noch einmal zugeschlagen.“

Die Schwester nahm den Mantel von der Lehne und legte ihn über ihre Knie. Therese sah den aufgerissenen Stoff an der Schulter und die lose Naht am Saum, die schon vor ihrem Weggehen offen gewesen war. „Du weißt, weshalb ich hingegangen bin“, sagte ihre Schwester. Therese nickte nicht. Sie zog den Mantel über den Tisch zu sich und prüfte, wie weit der Riss neben der Naht verlief. Dann nahm sie die Nadel, mit der sie ihre Bluse genäht hatte.

Die Schwester hielt das Futter zurück, während Therese den Stoff aufeinanderlegte. Beim ersten Stich traf sie ihren Finger und drückte ihn kurz gegen das Tuch auf dem Tisch. „Wenn jemand kommt“, begann die Schwester. Therese ließ sie nicht weiterreden. Sie zog den Faden durch, sah zu ihr auf und sagte: „Du bist die ganze Nacht hier gewesen.“ Danach beugte sie sich wieder über den Mantel.