SPRACHE WÄHLEN

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Cover der Geschichte Der zweite Ring

Wien ohne Morgen

Der zweite Ring

Von Torsten Schönberg

Historischer Noir · Familiengeheimnis

Zurück zu Wien ohne Morgen

Wien, Josefstadt.

September 2026, 00:47 Uhr

Eva Winter hatte den Schrank bis zuletzt stehen lassen. Er war zu schwer, um ihn allein aus dem Schlafzimmer zu tragen, und zu hässlich, um jemanden darum zu bitten, ihn mitzunehmen. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie sechs Wochen gebraucht, die Wohnung leer zu bekommen. Bücher, Geschirr, Kleider, zwei Teppiche und das Klavier, auf dem seit Jahren niemand mehr gespielt hatte, waren verkauft, verschenkt oder in Kartons verschwunden. Nur der Schrank stand noch an derselben Wand wie in Evas Kindheit und verdeckte einen Streifen Tapete, den vermutlich seit Jahrzehnten niemand gesehen hatte.

Am nächsten Morgen sollte die Wohnung übergeben werden. Der Mann von der Hausverwaltung hatte einen frühen Termin vorgeschlagen, weil er danach zu einer Baustelle müsse, und Eva hatte zugesagt, ohne darüber nachzudenken, wie lange sie in der letzten Nacht noch brauchen würde. Sie hatte sich vorgenommen, spätestens um zwei fertig zu sein. Nun lagen die Türen des Schranks auf einer Decke, zwei Seitenwände lehnten im Vorraum, und Eva hatte noch immer die Rückwand vor sich.

Als sie sie endlich löste, kam dahinter eine vergilbte Tapete mit kleinen dunklen Blättern zum Vorschein. Unten verlief eine breite Holzleiste, deren Lack fast dieselbe Farbe angenommen hatte wie der Boden. An einer Stelle stand sie wenige Millimeter von der Wand ab. Eva kniete sich hin, setzte die Spitze des Schraubenziehers in den Spalt und erwartete Widerstand. Stattdessen bewegte sich das Holz sofort.

Sie zog die Leiste vorsichtig heraus. Dahinter lag keine durchgehende Mauer, sondern eine flache rechteckige Aussparung im Putz. Darin steckte ein Bündel Papier, mit einem ausgebleichten Band zusammengebunden, daneben ein schmales Kuvert. Auf dem Kuvert lag ein schlichter Goldring.

Eva setzte sich auf den Boden und nahm ihn in die Hand. Er war schmal, glatt und ohne Stein. Auch auf der Innenseite fand sie keine Gravur, nur eine winzige Unregelmäßigkeit nahe dem Rand, die aussah, als habe jemand die Kante beim Polieren nicht vollständig geglättet. Sie legte ihn neben sich und öffnete das Kuvert.

Die Rechnung darin stammte von einem Wiener Goldarbeiter. Datum: Mai 1907. Die Druckschrift war noch lesbar, die beiden handschriftlich ergänzten Zeilen darunter weniger. Eva hielt das Blatt näher an die nackte Deckenlampe und entzifferte schließlich die entscheidenden Wörter: zwei Ringe, gleiche Ausführung. Sie blickte auf den einen Ring neben ihrem Knie und nahm erst danach das Bündel mit den Briefen.

Der oberste begann nicht mit einem Familiennamen oder einer höflichen Anrede. Über dem ersten Satz stand nur: Meine Berta. Eva las die folgenden Zeilen, in denen eine Frau namens Helene schrieb, dass sie an diesem Abend später nach Hause kommen werde und Berta das Licht in der Küche brennen lassen solle. Danach folgte etwas über Ludwig, der wieder um Geld gebeten hatte. Auf der zweiten Seite stand ein Satz, der mit der Sehnsucht nach zwei gemeinsamen Tagen außerhalb Wiens begann.

Eva faltete den Brief nicht weiter auf. Die Wohnung war leer; trotzdem sah sie zur offenen Schlafzimmertür, als hätte sie etwas gelesen, das jemand hinter ihr hätte bemerken können. Dann nahm sie den nächsten Brief.

Mai 1907, nach Mitternacht

Berta Halm wartete in der Küche, bis das Haus still geworden war. Über ihr hatte das Dienstmädchen aus dem dritten Stock vor einer Viertelstunde die Hintertreppe genommen; danach hörte sie nur noch das gelegentliche Knacken der Leitungen und das Rollen einer Kutsche draußen auf der Straße. Sie hatte den Tisch abgewischt und das Geschirr längst in den Schrank gestellt, hielt sich aber weiterhin in der Küche auf, weil Helene angekündigt hatte, noch einmal hinauszugehen.

Als die Tür schließlich aufging, kam Helene ohne Licht herein. Sie schloss hinter sich und blieb einen Augenblick mit dem Rücken am Holz stehen. Unter dem dunklen Mantel trug sie dieselbe Bluse, in der Berta ihr zwei Stunden zuvor im Speisezimmer das Abendessen serviert hatte. Dort hatten sie einander mit Sie angesprochen. Berta hatte den Teller vor sie gestellt und gefragt, ob die gnädige Frau noch etwas wünsche. Helene hatte Nein gesagt und nicht anders zu ihr gesehen als an jedem anderen Abend, an dem jemand im Haus hätte zuhören können.

„Du bist spät“, sagte Berta jetzt. Helene zog die Handschuhe aus und antwortete, dass sie es wisse. Als Berta fragte, ob sie denn niemand auf der Treppe gesehen habe, sah Helene sie überrascht an. „Ich wohne hier.“ Berta nahm das Tuch, das noch auf der Arbeitsfläche lag, und faltete es, obwohl es nichts mehr zu trocknen gab. „Das schützt dich vor vielem. Vor allem nicht.“

Helene antwortete nicht darauf. Stattdessen holte sie ein kleines Päckchen aus der Manteltasche und legte es auf den Tisch. Berta erkannte nicht, was darin war, aber die Größe genügte, damit sie die Hände vom Tuch nahm. „Nein“, sagte sie. Helene sah zu ihr auf. „Du weißt doch gar nicht, was ich gekauft habe.“ Berta blieb auf der anderen Seite des Tisches stehen. „Dann sag mir, dass ich mich irre.“

Helene zog einen Stuhl zurück und setzte sich. „Ich habe zwei machen lassen.“ Das Papier raschelte, als sie die Schnur löste. Darin lagen zwei schmale Goldringe. Sie waren glatt, ohne Gravur, ohne Stein, ohne irgendetwas, das sie voneinander unterschied.

Berta sah sie lange an und nahm keinen davon. „Was soll ich damit?“ Helene schob das Papier ein Stück zu ihr hinüber. „Du weißt, was.“ Berta schüttelte den Kopf. Ihre Hände waren rot vom heißen Wasser; an einem Finger hatte sie eine kleine Schnittwunde vom Messer, mit dem sie am Nachmittag Gemüse vorbereitet hatte. „Ich kann so etwas nicht tragen. Frau Schenk sieht ihn auf der Treppe oder jemand auf dem Markt. Eine unverheiratete Köchin mit einem Ehering erklärt sich nicht von selbst.“

Helene nahm einen Ring aus dem Papier. „Dann trägst du ihn nur hier.“ Berta blickte zum Fenster. Die Vorhänge waren offen, dahinter lagen nur der dunkle Hof und die Rückseiten der gegenüberliegenden Häuser. Trotzdem ging sie hin und zog den Stoff zusammen. Als sie sich wieder umdrehte, stand Helene neben dem Tisch und hielt ihr den Ring entgegen.

„Ludwig kommt unangemeldet“, sagte Berta. „Er sieht Dinge, die ihn nichts angehen.“ Helene lächelte nicht, als sie antwortete, ihr Neffe sehe vor allem Dinge, von denen er glaube, dass sie irgendwann ihm gehörten. Berta blieb vor ihr stehen. „Das klingt nicht beruhigend.“ Helene nahm ihre linke Hand und wartete, bis Berta sie ihr nicht mehr entzog. Der Ring passte beim ersten Versuch. Berta hob die Hand ein wenig und sah auf das Gold. Helene musste ihre Größe gekannt haben, ohne dass sie je darüber gesprochen hatten.

„Und deiner?“ Helene steckte sich den zweiten Ring an. Für einige Sekunden standen sie einander nur gegenüber. Durch die geschlossenen Vorhänge fiel kein Licht von außen; in der Küche brannte eine einzelne Lampe. Berta legte Helene eine Hand an den Nacken und küsste sie. Helene strich mit dem Daumen über Bertas Handgelenk, bevor sie sich wieder voneinander lösten. Berta ließ ihre Hand noch einen Augenblick an Helenes Hals liegen und senkte sie erst, als sie wieder auf die Ringe sah.

„Wenn du das ernst meinst, reicht ein Ring nicht“, sagte Berta. Helene nickte, aber auf die Frage, ob sie wieder mit dem Notar gesprochen habe, schüttelte sie den Kopf. Berta sah sofort auf. Helene holte ein gefaltetes Blatt aus ihrer Tasche. „Ich brauche dafür keinen Notar. Ich habe es selbst geschrieben.“ Sie gab ihr das Papier nicht. Berta sah lediglich den oberen Teil, Helenes vollständigen Namen und mehrere eng beschriebene Zeilen.

Berta fragte, was darin stehe. „Was wir besprochen haben“, antwortete Helene. Als Berta das Haus erwähnte, nickte sie. Berta setzte sich auf den Stuhl, den Helene zurückgeschoben hatte. „Dann verbrennst du es morgen wieder.“ Helene legte das Blatt vor sich auf den Tisch und hielt die Hand darauf. „Nein. Ludwig bekommt genug.“ Berta wollte ihr sagen, dass es darum nicht gehe, aber Helene kam ihr zuvor. „Ihm schon.“

Berta sah zur geschlossenen Küchentür. „Und was soll ich mit einem Haus, wenn deswegen jeder fragt, warum du es mir hinterlässt?“ Helene ließ die Hand auf dem Papier liegen. „Du sollst hier wohnen können, wenn ich es nicht mehr kann. Mehr verlange ich nicht.“ Berta betrachtete ihre Finger auf dem Blatt. „Das ist ziemlich viel.“ Als Helene fragte, von wem, antwortete sie nicht.

Später gingen sie gemeinsam ins Schlafzimmer. Helene zog den schweren Schrank ein Stück von der Wand, während Berta die Lampe hielt. Hinter einer breiten Holzleiste befand sich eine flache Aussparung, die Helene offenbar schon kannte. Sie legte das eigenhändig geschriebene Blatt hinein, einige ältere Briefe und zuletzt ihren Ring, in ein Stück Papier gewickelt.

„Du solltest wenigstens noch jemandem sagen, wo das ist“, sagte Berta. Helene setzte die Leiste wieder ein. „Dir habe ich es gesagt.“ Berta hielt die Lampe etwas höher. „Mir nützt das wenig, wenn ich mit dir sterbe.“ Der Satz blieb zwischen ihnen stehen. Berta wollte ihn zurücknehmen, aber Helene hatte sich bereits zu ihr umgedreht. Sie sah nicht verletzt aus, eher überrascht darüber, dass Berta etwas ausgesprochen hatte, das beide sonst vermieden.

„Du weißt jetzt, wo es liegt“, sagte Helene. Berta stellte die Lampe auf den Nachttisch und nickte. Bevor sie schlafen ging, nahm sie ihren eigenen Ring ab und schob ihn in die kleine Stofftasche, die sie unter dem Kleid trug. Am nächsten Morgen steckte sie ihn wieder an, sobald die Wohnungstür hinter dem letzten Besucher ins Schloss gefallen war.

August 1921, 01:18 Uhr

Anton Sailer las den Entwurf zum vierten Mal und fand den Satz noch immer falsch. Auf seinem Schreibtisch lagen drei Akten, zwei Tatortfotografien und die Unterlagen für eine Fahndungsverlautbarung. Das Fenster stand offen. Von der Straße stieg warme Nachtluft ins Zimmer; irgendwo vor dem Gebäude lief ein Motor, dessen gleichmäßiges Brummen mit dem Rascheln der Papiere zusammenfiel, wenn Sailer eine Seite umblätterte.

Über dem Fall stand die Bezeichnung Raubmord. Darunter die Namen der Getöteten: Helene Winter und Berta Halm. Sailer hatte die Frauen nie gesehen. Als sie im November 1919 in einer Wohnung in der Josefstadt erstochen worden waren, hatte ein anderer Beamter die ersten Erhebungen geführt. Sailer kannte nur das, was davon geblieben war: Aussagen, Aufstellungen, handschriftliche Ergänzungen und zwei Fotografien, auf denen ein Teil des Speisezimmers und die Kante des Schlafzimmers zu sehen waren.

Er zog die Liste der sichergestellten Gegenstände zu sich. Die Wohnung war nicht vollständig durchwühlt worden. Silberbesteck war vorhanden, ebenso Bargeld im Schreibtisch. Auch mehrere Schmuckstücke, die Angehörige der Hauseigentümerin zuordnen konnten, waren zurückgeblieben. Als fehlend war ein einzelner goldener Ring vermerkt.

Sailer blätterte zur ersten Aussage des Neffen. Ludwig Winter hatte am Morgen nach dem Mord erklärt, Berta Halm habe einen solchen Ring getragen. Er sei schlicht gewesen, ohne Stein und ohne auffällige Verzierung. Vermutlich habe der Täter ihn mitgenommen. Später war aus dieser Vermutung in den Akten beinahe eine Tatsache geworden.

Sailer legte den Bleistift zwischen die Finger und suchte die Aussage einer Nachbarin. Die Frau hatte sich daran erinnert, Berta Halm gelegentlich mit einem Ring gesehen zu haben. Nicht beim Einkaufen oder auf der Straße, sondern im Haus, einmal spätabends auf der Hintertreppe. Sie hatte selbst hinzugefügt, dass sie sich nicht sicher sei. Eine unverheiratete Köchin mit einem Ehering hätte für Gesprächsstoff gesorgt; gerade deshalb glaubte sie, sich erinnern zu können. Niemand hatte sie gefragt, warum Berta den Ring nur im Haus getragen haben könnte.

Sailer nahm die Erbschaftsunterlagen. Nach Helene Winters Tod war das Haus an ihren Neffen gefallen. Kein Testament war gefunden worden. Er lehnte sich zurück und nahm die Brille ab. Früher hatte er geglaubt, eine Akte werde besser, wenn man lange genug hineinsah. Inzwischen wusste er, dass Akten lediglich älter wurden. Zeugen vergaßen, Menschen starben, Wohnungen wurden ausgeräumt, und irgendwann blieb nur noch eine Formulierung stehen, weil niemand mehr wusste, wer sie zuerst verwendet hatte.

Er setzte die Brille wieder auf und sah auf den Entwurf. Der Ring war darin bereits zur Beute geworden, nicht zu einem Gegenstand, über den man etwas wissen wollte, sondern zum Motiv. Sailer strich die Bezeichnung Raubmord trotzdem nicht. Für eine andere fehlte ihm ebenso der Beweis wie für die vorhandene. Stattdessen schrieb er an den Rand: Quelle der Angabe?

Dann nahm er erneut Ludwig Winters Vernehmung. Der Neffe hatte ausgesagt, am Vorabend kurz bei seiner Tante gewesen zu sein. Er habe Geld gebraucht, Helene habe abgelehnt, und nach einer Viertelstunde sei er gegangen. Der Portier hatte ihn nicht gesehen. Eine Frau aus dem zweiten Stock glaubte gegen elf Schritte auf der Haupttreppe gehört zu haben. Der Dienstbote eines Nachbarhauses hatte später einen Mann aus dem Tor kommen sehen, konnte ihn jedoch nicht beschreiben. Nichts davon genügte.

Auf der Tatortfotografie stand ein Stuhl schräg neben dem Tisch. An der Wand war ein dunkler Fleck zu erkennen. Die beiden Frauen waren auf dem Bild nicht zu sehen. Sailer legte die Fotografie zurück und las noch einmal die Aufstellung der angeblichen Beute. Dann schrieb er eine zweite Frage unter seine erste: Warum nur dieser Ring? Er ließ den Bleistift auf der Akte liegen. Am Morgen ging die Fahndungsverlautbarung trotzdem weiter.

September 2026, 02:26 Uhr

Eva hatte sechsundzwanzig Briefe gezählt. Einige bestanden nur aus wenigen Zeilen, in denen Helene ankündigte, später zu kommen, Berta um eine Besorgung bat oder schrieb, Ludwig sei erneut im Haus gewesen. Andere waren mehrere Seiten lang. In einem davon beschrieb Helene die zwei Wochen, die Berta bei ihrer Schwester verbracht hatte, und wie unerträglich still die Wohnung in dieser Zeit geworden sei.

Eva las langsamer, je weiter sie kam. Die Briefe waren nicht wie etwas geschrieben, das einmal veröffentlicht oder erklärt werden sollte. Gerade deshalb wurden die beiden Frauen darin deutlicher als auf den wenigen alten Fotografien, die ihre Mutter aufbewahrt hatte. Helene beschwerte sich über Bertas Angewohnheit, angefangene Bücher mit der offenen Seite nach unten auf Möbel zu legen. Berta schrieb, Helene solle aufhören, nachts im Schlafzimmer zu rauchen. Zwischen solchen Sätzen standen Pläne für Sommerwochen außerhalb Wiens und immer wieder Warnungen wegen Ludwig.

Das Testament hatte Eva zunächst beiseitegelegt. Jetzt nahm sie es wieder. Die Handschrift war dichter als in den Briefen, aber der entscheidende Satz ließ sich lesen: Helene Winter setzte Berta Halm als Erbin ein. Eva blieb mit dem Papier auf den Knien sitzen. In ihrer Familie hatte es eine andere Geschichte gegeben. Tante Helene und ihre Haushälterin seien nach dem Krieg bei einem Raubüberfall ermordet worden; weil Helene keine Kinder gehabt habe, sei das Haus an ihren Neffen Ludwig gefallen. So hatte Evas Mutter es erzählt, nicht als Geheimnis, sondern als einen jener alten Unglücksfälle, die mit jedem Jahrzehnt kürzer wurden.

Eva nahm ihr Telefon. Die ersten Suchversuche brachten nichts. Erst mit beiden Namen, Wien und dem Jahr 1919 erschien eine digitalisierte Polizeizeitschrift. Die Seite war schief eingescannt, einzelne Buchstaben kaum zu erkennen. Eva vergrößerte den Text, bis er fast den ganzen Bildschirm ausfüllte. Es ging um den Doppelmord, um eine Fahndung und einen schlichten goldenen Ring als offenbar einzige Beute.

Eva sah auf den Ring aus dem Wandfach. Dann las sie den Namen des Erben: Ludwig Winter. Den kannte sie nicht aus den Briefen, sondern von einem Foto, das jahrelang im Arbeitszimmer ihrer Mutter gestanden hatte. Auf der Rückseite hatte jemand geschrieben: Urgroßvater Ludwig, 1932.

Im Wohnzimmer warteten noch drei Kartons. Einer davon war mit MAMA – PERSÖNLICH beschriftet. Eva hatte ihn bisher nicht geöffnet, weil sie sich eingeredet hatte, dafür später mehr Ruhe zu haben. Nun schnitt sie das Klebeband auf. Unter Fotoalben und Briefen aus den achtziger Jahren lag die dunkle Schmuckschatulle ihrer Mutter. Eva kannte sie seit ihrer Kindheit. Ihre Mutter hatte kaum Schmuck getragen, trotzdem war die Schatulle immer im Schlafzimmer geblieben.

Eva öffnete den Deckel. Neben Perlenohrringen und einer Brosche lag der Ehering ihrer Großmutter. Dahinter, in einem kleinen abgetrennten Fach, befand sich ein zweiter schlichter Goldring. Eva nahm ihn heraus und ging zurück ins Schlafzimmer. Erst dort legte sie ihn neben den Fund aus der Wand.

Sie waren gleich breit und gleich gewölbt. Auch im Farbton gab es keinen erkennbaren Unterschied. Eva drehte den zweiten Ring um und fand nahe der Innenkante dieselbe kleine Unebenheit, die sie am ersten bemerkt hatte. Sie nahm die Rechnung von 1907 und las noch einmal die beiden Zeilen über die Ringe gleicher Ausführung.

Unter den übrigen Papieren ihrer Mutter fand sie einige Minuten später eine Fotokopie derselben Polizeiseite, die sie eben online geöffnet hatte. Das Blatt war alt genug, dass die Ränder bereits gelb geworden waren. Der Name Ludwig Winter war mit Kugelschreiber unterstrichen. Daneben stand in der Handschrift ihrer Mutter ein einziges Wort: Warum? Eva setzte sich wieder auf den Boden. Ihre Mutter hatte also nicht nichts gewusst. Sie hatte nur aufgehört, weiterzufragen.

November 1919, 23:34 Uhr

Ludwig Winter ließ sich im Vorzimmer Zeit, ehe er die Handschuhe auszog und auf die Kommode legte. Helene bemerkte es ebenso wie Berta, sagte aber zunächst nichts. Er wartete einige Sekunden darauf, dass eine von ihnen ihn hereinbat; als keine es tat, ging er selbst ins Speisezimmer und legte den Hut auf einen Stuhl.

„Ich brauche nur zehn Minuten“, sagte er. Helene folgte ihm, während Berta an der Tür stehen blieb. „Gestern waren es fünfhundert Kronen.“ Ludwig sah kurz zu ihr. „Ich bin nicht wegen Geld gekommen.“ Helene ließ ihn nicht aus den Augen. „Das hast du gestern auch gesagt.“

Ludwig sah zu Berta. „Das ist eine Familienangelegenheit.“ Berta hielt seinem Blick stand und sagte, dann solle er mit seiner Tante sprechen. Er wandte sich wieder Helene zu. Seine Kleidung war ordentlich, aber der rechte Ärmel des Mantels war an der Kante abgewetzt. Seit seiner Rückkehr hatte er mehrfach Geld verlangt. Mal für eine Beteiligung an einem Geschäft, mal wegen einer Schuld, die angeblich nur vorübergehend bestand. Helene hatte zuerst gegeben, dann immer weniger und schließlich gar nichts mehr.

„Du hast gesagt, du denkst darüber nach“, sagte Ludwig. Helene ging zum Fenster und antwortete, das habe sie. Er wartete, während sie den Vorhang ein Stück zur Seite zog und hinaussah. In der nächsten größeren Straße fuhr eine Straßenbahn vorbei. Ihr Rattern kam gedämpft zwischen den Häusern hindurch und verschwand wieder. Helene ließ den Stoff los. „Berta soll das Haus bekommen.“

Ludwig reagierte nicht sofort. Sein Gesicht veränderte sich kaum; nur der Blick blieb länger auf Helene liegen, als hätte er nicht verstanden, welchen Teil des Satzes sie ernst meinte. Er fragte nach, ob sie das ganze Haus meine. Helene sagte Ja. „Und was bleibt für mich?“ Sie sah ihn an. „Das, was dir gehört.“ Ludwig sah auf die abgewetzte Kante seines Mantelärmels. „Mir gehört nichts.“ Darauf antwortete sie nicht.

Ludwig sah zu Berta. „Mein Vater hat geholfen, dieses Haus zu kaufen.“ Helene erklärte ihm, sein Vater habe ihr Geld geliehen, und sie habe es zurückgezahlt. Ludwig hörte ihr nicht bis zum Ende zu. „Und jetzt gibst du es ihr.“ Er sagte das letzte Wort leiser als den Rest. Berta trat einen Schritt ins Zimmer und forderte ihn auf, nach Hause zu gehen.

Ludwig ignorierte sie. „Wo ist das Testament?“ Helene stand noch am Fenster. „Nicht bei dir.“ Er sah sie nun direkt an und fragte, ob sie es also geschrieben habe. Als Helene nickte, ging er einen Schritt auf sie zu. „Du weißt, was passiert, wenn das bekannt wird.“ Helene blieb stehen. „Was genau soll bekannt werden?“ Zum ersten Mal schwieg Ludwig.

Berta ging zur Tür und öffnete sie. „Sie sollten jetzt gehen.“ Als Ludwig sich zu ihr drehte, fiel sein Blick auf ihre linke Hand. Der Ring war sichtbar. Berta bemerkte es und zog die Finger sofort an den Rock, doch er hatte ihn bereits gesehen. „Was ist das?“ Weder sie noch Helene antworteten.

Ludwig sah zurück zu seiner Tante. Sie trug keinen Ring. Trotzdem schien etwas in seiner Erinnerung aufzutauchen; sein Blick wanderte zwischen den beiden Frauen hin und her. „Ihr seid wahnsinnig.“ Berta hielt die Tür offen und wiederholte, dass er gehen solle. Er schlug sie.

Der Schlag war nicht stark genug, um sie zu Boden zu werfen, aber Berta prallte gegen den Türrahmen. Helene war sofort bei Ludwig und griff nach seinem Arm. Er riss sich los und stieß sie zurück. Als Berta wieder auf ihn zukam, stand zwischen ihnen der kleine Tisch an der Anrichte, auf dem noch das Messer lag, mit dem sie am Abend Brot geschnitten hatte.

Später konnte Ludwig nicht mehr sagen, wann er danach gegriffen hatte. Berta stand dicht vor ihm, eine Hand am Rahmen. Dann beugte sie sich plötzlich nach vorn. Ludwig spürte den Widerstand des Messers und zog den Arm zurück. Berta setzte sich langsam auf den Boden, als suche sie nur eine Stelle, an der sie sich ausruhen könne.

Helene schrie seinen Namen. Sie lief nicht zur Wohnungstür, sondern ging zu Berta. Als Ludwig sie zurückziehen wollte, schlug Helene nach ihm. Er stieß sie von sich, bekam den Stoff ihres Kleides zu fassen und verlor für einen Augenblick das Gleichgewicht. Danach erinnerte er sich an einzelne Bewegungen: Helenes Hand an seinem Gesicht, den Tisch, der gegen die Wand rutschte, ihr Atem, als sie versuchte, etwas zu sagen. Das Messer war noch in seiner Hand.

Als es still wurde, stand Ludwig mitten im Zimmer. Berta lag nahe der Tür. Helene war wenige Schritte von ihr entfernt auf die Seite gesunken. Ludwig hörte die Uhr im Nebenzimmer. Er ging zum Fenster und schloss es. Danach wusch er sich im kleinen Waschraum die Hände und betrachtete seine Manschette. An einer Stelle war Blut in den Stoff gezogen.

Er suchte das Testament, zuerst im Schreibtisch, dann in der Kommode und zwischen den Büchern. Im Schlafzimmer zog er zwei Schubladen heraus, setzte sie aber wieder ein. Ein vollständig durchwühltes Zimmer würde nach etwas anderem aussehen als eine Wohnung, in der ein Streit eskaliert war. Er fand das Papier nicht.

Als er ins Speisezimmer zurückkam, fiel sein Blick auf Bertas Hand. Der Ring war noch an ihrem Finger. Ludwig ging in die Hocke. Das Gold ließ sich schwer abziehen; der Finger war bereits angeschwollen. Schließlich bekam er den Ring über den Knöchel und hielt ihn in der Hand.

Er dachte nicht an seinen Wert. Er dachte an seine Frage: Was ist das? Wenn die Polizei erfuhr, dass Berta diesen Ring getragen hatte, konnte jemand fragen, warum eine unverheiratete Haushälterin einen Ehering besaß. Wenn jemand nach der Bedeutung fragte, konnte er auf Helene kommen. Und wer auf Helene kam, konnte irgendwann nach dem Testament suchen, das Ludwig selbst nicht gefunden hatte.

Er steckte den Ring ein und ließ die anderen Wertgegenstände zurück. Im Vorzimmer nahm er die Handschuhe von der Kommode und zog sie an. Bevor er ging, hörte er noch einmal in die Wohnung. Nichts bewegte sich.

Am nächsten Morgen erklärte Ludwig der Polizei, bei seiner Tante sei nach seinem Wissen kaum Schmuck verschwunden. Bei Berta Halm habe er allerdings einen schlichten goldenen Ring vermisst. Vielleicht habe der Täter ihn an sich genommen. Später blieb von diesem vielleicht wenig übrig.

Der Ring lag noch drei Wochen in der Innentasche seines Wintermantels. Mehrmals ging Ludwig am Donaukanal entlang und nahm sich vor, ihn ins Wasser zu werfen. Er tat es nicht. Schließlich legte er ihn in eine Schublade. Dort wurde er zum Familienbesitz.

September 2026, 05:38 Uhr

Draußen war es noch dunkel. Durch die Fenster des Schlafzimmers sah Eva einzelne beleuchtete Wohnungen auf der anderen Straßenseite; in einem oberen Stockwerk ging gerade ein Licht aus. Auf der Fensterbank vor ihr lagen die beiden Ringe, die Briefe, die Rechnung von 1907, Helenes Testament und die alte Polizeikopie ihrer Mutter. Ihr Telefon zeigte 05:38. In weniger als einer halben Stunde wollte der Mann von der Hausverwaltung unten sein.

Eva hatte mehrmals nach der Telefonnummer des Wiener Stadt- und Landesarchivs gesucht. Danach nach einer allgemeinen Polizeinummer. Sie hatte sogar begonnen, eine Nachricht zu schreiben, in der sie erklären wollte, dass sie Unterlagen zu einem Mord von 1919 gefunden habe und nicht wisse, was damit geschehen müsse. Sie hatte keinen der Sätze abgeschickt.

Ludwig Winter war seit Jahrzehnten tot. Helene und Berta seit mehr als hundert Jahren. Niemand würde verhaftet werden. Das Haus existierte in seiner damaligen Form nicht mehr; Teile waren verkauft worden, Besitzverhältnisse hatten sich mehrfach verändert. Die Wohnung, in der Eva saß, war nur der Rest einer Geschichte, von der ihre Familie irgendwann beschlossen hatte, sie als Raubmord weiterzuerzählen.

Sie konnte sich vorstellen, was ihre Mutter gedacht hatte, als sie die alte Polizeiseite kopiert und den Namen Ludwig unterstrichen hatte. Warum jetzt? Wem hilft es? Was ändert sich noch? Eva nahm einen der Briefe. Berta hatte darin geschrieben, dass sie nach Helenes Tod nicht wieder bei einer fremden Familie dienen wolle. Wenn sie irgendwann allein bleiben müsse, wolle sie wenigstens in den Zimmern bleiben, in denen sie selbst entschieden habe, welche Tür geschlossen werde.

Eva legte den Brief zurück. Damit hatte sie ihre Antwort. Es änderte, wem diese Wohnung einmal hätte gehören sollen, warum zwei Frauen gestorben waren und was ihre eigene Familie daraus gemacht hatte. Sie nahm das Telefon wieder in die Hand. Der Entwurf ihrer Nachricht war noch geöffnet. Eva las die ersten beiden Sätze, löschte sie und legte das Gerät auf den Boden.

Danach brachte sie die Unterlagen zurück zur Wand. Die Aussparung war kleiner, als sie ihr einige Stunden zuvor vorgekommen war. Eva legte Helenes Ring hinein und daneben den zweiten, den Ludwig behalten hatte. Die beiden lagen fast bündig nebeneinander. Darüber kamen die Briefe, die Rechnung und das Testament.

Zuletzt hielt Eva die alte Polizeikopie ihrer Mutter in der Hand. Oben stand noch immer das Wort Raubmord. Ihre Mutter hatte gewusst, dass daran etwas nicht stimmte. Sie hatte die Frage aufgeschrieben und danach geschwiegen. Eva faltete das Blatt und legte es zu den anderen Papieren.

Die Holzleiste ließ sich nur mit Mühe einsetzen. Sie musste sie ein zweites Mal herausnehmen und an der rechten Seite zuerst ansetzen, bevor sie wieder fest saß. Der Schrank würde nicht mehr davorstehen; jeder, der die Wohnung später renovierte, konnte die Stelle sehen. Vielleicht würde jemand die Leiste wieder lösen. Vielleicht würde sie weitere hundert Jahre dortbleiben. Eva strich mit dem Daumen über das Holz, bis kein Staub mehr darauf lag.

Die restlichen Kartons und die Schrankteile brachte sie in den Wagen vor dem Haus. Um 05:57 klingelte es an der Wohnungstür. Der Mann von der Hausverwaltung trug eine dünne Regenjacke und entschuldigte sich dafür, so früh zu kommen. Er musste anschließend zu einer Baustelle und wollte die Übergabe vorher erledigt haben. Eva führte ihn durch die leeren Räume. Er kontrollierte Fenster, Heizkörper und Wasseranschlüsse, notierte Zählerstände und verglich die Schlüssel mit seiner Liste.

Im Schlafzimmer blieb er kurz stehen. Dort, wo der Schrank gestanden hatte, war die alte Tapete heller als der Rest der Wand. Sein Blick ging darüber, blieb einen Moment an der breiten Holzleiste hängen und wanderte weiter. „Wird sowieso alles gemacht“, sagte er und ging in den Vorraum. Eva folgte ihm.

Er legte das Übergabeprotokoll auf die Fensterbank und zeigte ihr die markierten Stellen. Zählerstände, Schlüssel, vorhandene Schäden. Unten befand sich ein letztes Feld. Bei „In der Wohnung zurückgelassene Gegenstände“ hatte er bereits „keine“ eingetragen. Eva nahm den Kugelschreiber.

Aus dem Schlafzimmer war nichts zu hören. Hinter der Wand lagen zwei Goldringe, ein Testament und die Briefe zweier Frauen, deren Tod in Evas Familie mehr als hundert Jahre lang als Raubmord gegolten hatte. Eva setzte ihre Unterschrift darunter.