
Wien ohne Morgen
Die Rechnung um drei
Von Torsten Schönberg
Noir · Psychologischer Thriller
Zurück zu Wien ohne MorgenWien, Leopoldstadt. September 2026.
03:05
Um drei Uhr morgens saß Hannes Velten hinter dem Empfang und brachte die Geldscheine auf dieselbe Breite. Die Fünfziger standen an einer Seite über. Er nahm sie aus dem Stapel, zählte sie noch einmal und ordnete sie gesondert. Insgesamt waren es fünfzehntausend Euro.
Durch die Glasfront sah er die nasse Seitengasse. An ihrer Einmündung zum Praterstern hielt ein Taxi; ein Fahrgast suchte in seinen Taschen, während der Fahrer mit geöffnetem Fenster wartete. In Hannes’ Jacke steckten zwei Fahrkarten nach Triest, eine für ihn, die andere für eine Frau, die seit mehr als einer Stunde tot war.
Er hörte einen Aufzug anfahren und nahm die Hände vom Geld. Auf dem blanken Stein des Tresens war ein Abdruck seiner Finger zurückgeblieben. Er wischte ihn mit dem Ärmel weg.
23:41
Rudolf Kres stand vor der Rezeption, als Hannes aus dem Frühstücksraum zurückkam. Die Nachtbeleuchtung war schon eingeschaltet. Zwischen Lobby und Aufzug lag ein warmer gelber Streifen, während die Sessel an den Fenstern beinahe im Dunkeln standen. Hannes hatte den Raum vor einer Viertelstunde aufgeräumt, zwei leere Gläser eingesammelt und den Fernseher ausgeschaltet. Er war zufrieden damit gewesen, wie der Empfang jetzt aussah.
Kres hatte sein Jackett über den Arm gelegt. Auf dem weißen Hemd zeichneten sich ein paar Regentropfen ab. Er begrüßte Hannes beim Nachnamen und wartete, bis dieser hinter den Tresen gegangen war. Dann legte er eine gefaltete Fünfzig-Euro-Note neben die Tastatur.
„Ich muss in den Personalbereich. Der Eigentümer weiß Bescheid.“
Hannes ließ seine Hand auf der Computermaus liegen. Die Personaltür befand sich unmittelbar hinter seinem Arbeitsplatz. Von dort führte ein gerader Gang zur rückwärtigen Liefergasse. Auf halber Strecke lagen die Wäschekammer und ein kleiner Raum, in dem alte Matratzen, Reinigungsmittel und ausrangierte Möbel standen. Die Gäste hatten dort nichts zu suchen; Kres war bisher auch nie als Gast gekommen.
Zweimal hatte Hannes ihn hinten hereingelassen. Einmal hatte er ihm einen Umschlag aufbewahrt, ein anderes Mal einen Zimmerzugang verschafft, für den Kres keine Buchung vorweisen konnte. Der Eigentümer hatte ihm am nächsten Tag für seine Umsicht gedankt. Seitdem war das Wort zwischen ihnen gebräuchlich geworden.
„Wen erwarten Sie?“, fragte Hannes.
Kres sah zur Glastür, durch die gerade zwei Frauen mit einer Papiertüte vorbeigingen. „Ich kümmere mich um eine Sache vom Chef. Sie halten mir bitte die Gäste vom Gang fern.“
Hannes hätte noch einmal fragen können. Stattdessen nahm er die Banknote und öffnete die Personaltür. Er hielt sich dabei an die Gewohnheit, Kres zunächst anzusehen, als gewähre er ihm einen Gefallen und entscheide selbst, wie weit dieser ging. Kres wartete nicht auf eine weitere Einladung. Er trat ein und zog die Tür hinter sich zu.
Hannes steckte das Geld in die linke Hosentasche, getrennt von seinem übrigen Bargeld. Er wollte wissen, wie viel er nebenbei verdiente. Das Geld wurde nicht sofort ausgegeben. Zu Hause lag es in einem Umschlag zwischen den Stromrechnungen, und hin und wieder nahm er etwas heraus, ohne sich für eine Anschaffung vor seinem Kontostand rechtfertigen zu müssen.
Mit neunundvierzig verdiente er nicht schlecht genug, um sich als verzweifelt zu betrachten. Er hatte eine Wohnung, einen verlässlichen Dienstplan und einen Chef, der ihn nicht wegen jeder Kleinigkeit kontrollierte. Wenn ein Gast ihn lobte, legte Hannes die Nachricht in einem Ordner ab. Er besaß inzwischen zwei davon. Seine Arbeit war der Teil seines Lebens, über den er noch mit einiger Sicherheit sprechen konnte.
Ein Paar mit Rollkoffern kam herein. Die Frau fragte nach dem Weg vom Hotel zum Prater, obwohl sie für diese Nacht offenbar nur noch schlafen wollte. Hannes zeichnete ihr auf dem kleinen Stadtplan den Ausgang des Pratersterns ein, den er selbst benutzte. Als die beiden zum Aufzug gingen, zog der Geruch ihrer regennassen Kleidung durch die Lobby. Der Mann drehte sich noch einmal um und bedankte sich.
Hannes sah ihnen nach. Nina Strell hätte der Frau erklärt, dass man am nächsten Abend nicht unbedingt denselben Weg zurücknehmen müsse. Sie hatte es gemocht, Gäste mit einer zweiten Möglichkeit fortzuschicken. Für sich selbst hatte sie diese Möglichkeiten jahrelang auf Zettel geschrieben und in Schubladen liegen lassen.
Er dachte an eine Nacht, in der sie nach Dienstschluss in der leeren Wäschekammer gestanden hatten. Nina hatte ihn am Kragen herangezogen, während er noch die Tür im Blick behalten wollte. Ihre Finger waren warm vom Bügeln gewesen. Sie hatte seinen Kopf so lange zu sich gedreht, bis er endlich aufhörte, durch den Türspalt zu sehen. Später, mit dem Rücken gegen den Arbeitstisch, hatte sie Triest erwähnt. Eine Stadt am Meer, eine Wohnung, die keinem von ihnen etwas bedeutete, irgendeine Arbeit für die erste Zeit.
Er hatte gefragt, ob sie schon etwas gefunden habe. Sie hatte den Kopf geschüttelt und ihn noch einmal geküsst. Damals hatte er die Frage für eine Antwort gehalten.
Seit drei Wochen arbeitete Nina nicht mehr im Hotel. Er hatte ihre ersten Nachrichten gelesen und nicht beantwortet, die nächsten nur noch in der Vorschau angesehen. An diesem Abend war eine neue gekommen. Er holte das Telefon heraus und öffnete sie jetzt, während die Aufzugsanzeige in den dritten Stock stieg.
Ich komme zu deiner Pause. Hinten. Nur fünf Minuten, dann lasse ich dich in Ruhe.
Die Nachricht war um 23:19 gesendet worden. Hannes sah auf die Uhr. Er hätte längst hinausgehen müssen, wenn er die übliche Pause eingehalten hätte. Er steckte das Telefon wieder ein und nahm sich vor, Nina zu schreiben, sobald die beiden Anmeldungen fertig waren.
00:36
Der Stoß kam aus dem Personalgang. Hannes hob den Kopf. Danach hörte er eine Frau, keinen verständlichen Satz, nur einen abgerissenen Laut. Er stand bereits auf, als Kres die Personaltür öffnete und hinter sich schloss. Sein Kragen war offen; auf der Wange verlief ein frischer Kratzer.
„Was ist da hinten los?“ Hannes trat nicht zurück. Er sah auf den Kratzer, dann an Kres vorbei zur Tür. „Ich habe jemanden schreien gehört.“
Kres strich mit einem Finger über die Wange und betrachtete ihn. „Eine ehemalige Mitarbeiterin. Sie hat etwas mitgenommen, das ihr nicht gehört.“
Hannes dachte an die Nachricht in seiner Tasche. In diesem Augenblick hätte er Ninas Namen sagen können. Kres hatte ihn nicht ausgesprochen. Solange Hannes ihn ebenfalls nicht aussprach, bestand noch die Möglichkeit, dass es eine andere Frau war.
„Dann klären Sie das nicht hier“, sagte er.
„Das war auch nicht so geplant.“ Kres zog seine Brieftasche heraus. „Gehen Sie an Ihren Platz. Ich brauche noch ein wenig Zeit.“
Er legte zweihundert Euro auf die Steinplatte. Hannes sah die Scheine an und spürte, wie ihn der vertraute Vorgang beruhigen wollte. Es gab einen Betrag, eine Bitte und eine Handlung, für die der Betrag gedacht war. Kres stand vor ihm, als wäre nichts grundsätzlich anders als bei seinen früheren Besuchen.
Aus dem Aufzug kam ein Mann in Socken. Er trug eine leere Wasserflasche und blieb stehen, als er die beiden sah. Hannes ging sofort zu ihm, zeigte auf den Automaten neben den Sesseln und erklärte, welche Taste er drücken müsse. Der Mann fragte, ob dort hinten jemand gestürzt sei. Er habe etwas gehört.
„Ein Wagen ist umgekippt“, sagte Hannes. „Wir kümmern uns darum.“
Er wartete, bis der Mann wieder im Aufzug stand. Als er zurückkam, hatte Kres die Scheine aufgenommen. Hannes legte die Hand auf Kres’ Handgelenk. Die Berührung dauerte kaum länger als nötig, um Kres anzuhalten. Dann nahm er das Geld.
Er hätte jetzt zum Telefon greifen müssen, den Personalgang betreten oder dem Gast sagen können, dass er selbst nicht wusste, was dort geschah. Stattdessen setzte er sich. Er sah seinen Namen auf dem kleinen Schild am Empfang und stellte sich vor, wie jemand es fotografierte. Darüber Fragen zu den Nächten, in denen Kres hier gewesen war. Darunter seine eigenen Unterschriften.
Er würde nicht erklären können, dass er nur für die Schlüssel zuständig gewesen war. Er hatte die Schlüssel ausgegeben. Die schriftliche Notiz über den angeblich defekten Zugang hatte er selbst verfasst. Er erinnerte sich daran, wie sorgfältig er die Sätze damals formuliert hatte, damit sein Chef nichts daran auszusetzen fand.
Kres ging zurück in den Gang. Hannes zog eine Buchungsmaske auf und ergänzte eine Telefonnummer, die bereits vollständig darin stand. Dabei hörte er durch die Personaltür ein gedämpftes Reden. Er konnte keine Wörter verstehen und bemühte sich nicht darum.
01:21
Kres kam wieder nach vorn, diesmal mit einer dunklen Reisetasche über der Schulter. Er verlangte, dass Hannes am Empfang blieb. Er müsse den Wagen holen; er habe ihn zwei Gassen entfernt abgestellt und werde an den Lieferzugang zurückkommen.
„Niemand nach hinten“, sagte Kres. „Auch Sie nicht.“
Er nahm den Weg durch den Personalgang und verließ das Haus am rückwärtigen Ausgang. Hannes hörte die schwere Tür zufallen. Auf einem der kleinen Kamerabilder erschien Kres in der Liefergasse, ging aus dem Ausschnitt und war fort. Die Anzeige lief weiter. Im Flur blieb es still.
Hannes stand auf. Er nahm sein Telefon mit und ging durch die Personaltür. Aus dem hinteren Abstellraum kam ein schwaches Reiben, als werde etwas über den Boden gezogen. Die Tür war nur angelehnt. Hannes schob sie auf und sah zwischen zwei zusammengerollten Teppichen einen grauen Wäschesack.
Er blieb zunächst im Türrahmen stehen. Der Sack bewegte sich nicht mehr. Dann drückte von innen etwas gegen den oberen Rand, und zwischen den Falten schob sich eine Hand heraus. Der Daumen strich über eine dünne Narbe am Zeigefinger. Hannes hatte diese Bewegung gesehen, wenn Nina in einem Gespräch auf etwas gewartet hatte, das er ihr nicht sagen wollte.
Er war bei ihr, bevor er ihren Namen aussprach. Er riss die Öffnung auseinander, zog die schweren Tücher von ihrem Gesicht und fasste unter ihre Schultern. Sie würgte, als er sie aufrichtete. Eine Seite ihres Gesichts war angeschwollen, Blut klebte unter der Nase und in den Haaren. Er nahm ein sauberes Tuch von dem Stapel an der Wand, wischte ihr den Mund frei und hielt sie, bis sie wieder Luft bekam.
„Er ist draußen“, sagte Hannes. „Nina, sieh mich an. Er ist den Wagen holen.“
Sie griff nach seinem Ärmel. Hannes half ihr aus dem Sack. Als sie das linke Bein belastete, brach sie beinahe zusammen. Er schob ihren Arm über seine Schulter und brachte sie aus dem Abstellraum in den Gang. Vorn lag die Lobby. Auf dem Weg dorthin musste Nina anhalten; sie bekam kaum Luft und hielt sich mit der freien Hand an der Wand fest. Hannes führte sie in die Wäschekammer, deren Tür sie gerade erreicht hatten, und setzte sie auf die Kante des Arbeitstischs.
Er griff zum Kragen, um ihr seine Jacke umzulegen, damit sie draußen nicht fror. Sie hielt ihn am Handgelenk zurück und verlangte sein Telefon.
Hannes zog es heraus. Auf dem Bildschirm stand noch ihre Nachricht. Nina sah sie und dann ihn an. Er hätte sagen können, dass er sie zu spät gelesen hatte. Stattdessen fragte er, wie Kres sie gefunden habe.
Sie erzählte es knapp, immer wieder unterbrochen, weil das Sprechen wehtat. Sie hatte hinten auf ihn gewartet. Kres war durch die Lieferpassage gekommen und hatte sie in den Abstellraum gedrängt. Sie glaubte, er müsse ihr gefolgt sein. Als sie um Hilfe gerufen hatte, hatte er ihr den Mund zugedrückt.
„Ich dachte, du kommst gleich“, sagte sie. „Du bist immer um Viertel vor hinten.“
Hannes sah auf ihr linkes Bein. An der Strumpfhose war das Knie aufgerissen. Er zog ein Handtuch vom Regal und faltete es, ohne zu wissen, wofür er es brauchte. Nina schob seine Hand weg.
„Ruf jemanden.“
„Was wollte er von dir?“
Sie hielt seinen Blick aus. „Geld. Ich habe Geld genommen. Von den Leuten, deren Taschen hier durchgehen. Er hat meine Tasche. Das Geld, die Unterlagen, alles.“
Hannes fragte nach der Summe. Die Frage kam so schnell, dass sie ihn selbst erschreckte. Nina lehnte den Kopf gegen die Wand. Er hatte ihr gerade den Mund vom Blut befreit und sie aus dem Sack geholt. Nun stand er vor ihr und musste wissen, wie viel in der Tasche gewesen war.
„Genug für einen Anfang“, sagte sie. „Die Fahrkarten waren schon gekauft. Heute Abend wären wir gefahren.“
Er sah zum Telefon in seiner Hand. Nina hatte nicht vorgeschlagen, ein wenig wegzufahren. Sie war gekommen, um ihn mitzunehmen. Hannes stellte sich eine fremde Stadt vor, eine Arbeit, bei der niemand seinen Namen kannte, Nina, die ihn nicht mehr heimlich zwischen zwei Schichten traf, sondern jeden Tag sah. Auch an den Tagen, an denen er nichts zu sagen hatte.
„Du kannst immer noch Nein sagen“, sagte sie. „Aber gib mir das Telefon.“
Er wusste nicht, ob sie von der Reise oder vom Anruf sprach. Er entsperrte das Gerät und hielt es weiterhin selbst. Einen Augenblick lang war die Nummerntastatur hell zwischen ihnen. Dann hörte er draußen Schritte. Er steckte das Telefon in die Jackentasche, weil er nicht wollte, dass Kres es sah, und zog den Reißverschluss darüber zu.
Nina hatte die Bewegung verfolgt. Sie sagte nichts mehr. Sie griff neben dem Tisch nach einer der Metallstangen, an denen sonst Kleiderbügel hingen.
01:29
Kres blieb in der offenen Tür der Wäschekammer stehen. Die Reisetasche hing wieder über seiner Schulter. Vom rückwärtigen Ausgang her kam kalte Luft; der Wagen war offenbar angekommen. Er sah Nina, sah die Metallstange und trat so in den Raum, dass Hannes nach draußen in den Gang zurückweichen musste.
„Sie bleiben sitzen“, sagte Kres zu Nina.
Sie wartete nicht, bis er bei ihr war. Die Stange traf ihn oberhalb des Ohrs. Kres stieß gegen das Regal, und seine Tasche rutschte von der Schulter. Als sie auf dem Boden aufschlug, glitt ein brauner Umschlag aus dem offenen Reißverschluss unter den Wäschewagen. Hannes sah ihn nur, weil er selbst einen Schritt zurücktrat, um nicht getroffen zu werden.
Nina war bereits an Kres vorbei. Sie kam aus der Wäschekammer in den Gang und stolperte gegen Hannes, der zwei Schritte näher an der Lobby stand. Er fasste sie unter dem Ellbogen. Sie drückte ihn nach vorn.
„Mach die Tür auf.“
Hannes lief voraus. Nina folgte ihm, eine Hand an der Wand, das linke Bein nachziehend. Er erreichte die Personaltür, drückte die Klinke und zog sie zum Gang hin auf. Dahinter lagen der beleuchtete Empfang und die Glasfront. Auf der anderen Straßenseite standen zwei Männer vor einem Wagen. Einer sah gerade zum Hotel herüber.
Hannes hielt die Tür offen. Nina war nur noch wenige Schritte entfernt, als Kres aus der Wäschekammer kam. Er hielt sich an der Wand fest. Blut lief über seine Schläfe.
„Dreißigtausend, Velten. Fünfzehn jetzt.“
Hannes blieb mit der Hand auf der Klinke stehen. Kres konnte Nina noch nicht erreichen. Sie hätte an Hannes vorbei in die Lobby gehen können, wenn er seitlich im Türrahmen geblieben wäre.
„Und Sie erklären den Beamten dann alles mit“, sagte Kres. „Ihre Schlüssel. Ihre Unterschriften.“
Nina erreichte ihn. „Lass mich durch.“
Hannes sah den Mann draußen am Wagen. Er hob kurz die Hand, um seinem Begleiter etwas zu zeigen. Hannes brauchte nur zu rufen. Er wusste, wie laut die Eingangsglocke war, wenn jemand in der Nacht die Glastür öffnete; sie hätte auch Kres gehört. Danach hätte dieser nicht mehr bestimmen können, wer die Frau sah und was sie erzählte.
Hannes nahm die Hand von der Klinke und trat vor Nina.
„Warte“, sagte er. Sie versuchte, rechts an ihm vorbeizukommen. Er packte ihren Oberarm. Nina riss ihn zurück, und Hannes bekam ihren zweiten Arm zu fassen. Er drehte sie gegen den Rahmen, dorthin, wo die offene Tür sie vom Empfang aus teilweise verdeckte.
Sie schlug ihm mit dem Handballen gegen die Brust. Hannes hielt sie fester. In seiner Jackentasche spürte er das Telefon gegen die Rippen drücken. Er hätte noch loslassen können. Kres hatte sie noch nicht erreicht.
„Du verkaufst mich“, sagte Nina.
Hannes sah nicht weg. Er konnte sich später nicht einmal einreden, er habe nicht verstanden, was ihr Gesicht ihm sagte. Er hielt sie, bis Kres ihre Schulter packte. Erst dann ließ er los.
Kres zog sie zurück. Nina trat nach ihm und traf sein Bein. Er schlug sie gegen die Wand und legte den Arm über ihren Mund. Hannes blieb im Türrahmen, während Kres sie durch den Gang zur Wäschekammer zurückzog. Er hörte ihre Schuhe auf den Fliesen, dann das dumpfe Aufschlagen eines Körpers gegen den Arbeitstisch.
Er zog die Personaltür zu.
01:36
Hannes stand noch im Gang, als Nina zu schreien versuchte. Er legte die Hand auf die Klinke der Wäschekammer. Durch das Holz hörte er einen Stoß und dann ein Geräusch, das immer wieder neu ansetzte, als reiche die Luft nicht für den nächsten Atemzug.
Das Telefon in seiner Tasche war noch da. Er nahm es heraus, entsperrte es wieder und sah die Tastatur, die er vorhin geöffnet hatte. Sein Finger lag über dem Bildschirm. Hinter der Tür wurde das Geräusch schwächer.
Aus der Lobby kam die Aufzugsglocke. Hannes steckte das Telefon wieder ein und ging nach vorn. Der Mann mit der Wasserflasche stand am Empfang. Er trug nun Schuhe.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er. „Ich habe wieder jemanden gehört.“
Hannes blieb zwischen ihm und der Personaltür stehen. „Eine ehemalige Kollegin. Ihr geht es nicht gut. Jemand kümmert sich um sie.“
Der Mann sah hinter Hannes zur Tür. „Brauchen Sie Hilfe?“
Hannes schüttelte den Kopf. Er musste es ein zweites Mal tun, ehe der Gast zur Seite trat. „Danke. Es ist schon jemand bei ihr.“
Der Mann ging nicht sofort. Er bat um frische Handtücher und beobachtete Hannes dabei, als warte er auf ein anderes Zeichen. Hannes fragte nach der Zimmernummer, notierte 312 und versprach, die Handtücher gleich zu bringen. Als der Gast wieder im Aufzug war, blieb Hannes noch einen Moment am Tresen stehen. Er hörte nichts mehr aus dem Gang.
Kres kam einige Minuten später nach vorn. Er hatte sich die Hände gewaschen. Die Manschette des rechten Ärmels war nass und an einer Stelle rötlich verfärbt. Er stellte Ninas Reisetasche hinter den Tresen, nahm ein Bündel Geld daraus und legte es neben die Notiz mit der Zimmernummer.
Hannes sah auf die Scheine. Er wollte nach Nina fragen, doch die Frage hätte nicht mehr bedeutet, dass er ihr helfen wollte.
„Fünfzehn“, sagte Kres. „Der Rest kommt, wenn hier wieder Ordnung ist.“
Hannes nahm das Geld. Dann fragte er, wann genau Kres den übrigen Betrag bringen werde. Kres zog den Reißverschluss der Tasche zu, bevor er antwortete.
„Morgen Nacht.“
02:26
Als Kres Nina zum rückwärtigen Ausgang brachte, hielt Hannes ihm die Tür auf. Der Körper lag wieder im grauen Sack. Hannes sah auf die Metallkante der Schwelle, damit er nicht sah, wo ihr Kopf war.
Draußen stand ein Wagen mit geöffnetem Laderaum. Am Ende der Liefergasse ging jemand mit einem Hund vorbei. Hannes zog die Tür ein Stück zu, wartete, bis die Schritte verklungen waren, und öffnete sie wieder. Er tat inzwischen Dinge, über die er vorher mit Kres hätte sprechen wollen.
Die Kameras waren nicht verschwunden. Auf dem Monitor am Empfang sah Hannes später einen Ausschnitt des Liefergangs, in dem sein Rücken das meiste verdeckte. Er sah lange genug hin, um zu wissen, dass man ihn erkennen konnte. Dann wechselte er zu den Zimmerbuchungen. Kres hatte ihm gesagt, er werde sich um die weiteren Dinge kümmern. Hannes wollte wissen, ob das auch ihn einschloss, fragte aber nicht.
Er wischte das Blut in der Wäschekammer auf. Dabei fand er unter dem Wagen den braunen Umschlag. Sein Name stand darauf, in Ninas schräger Handschrift. Er legte das Tuch in den Eimer und setzte sich auf den Stuhl neben dem Arbeitstisch.
Im Umschlag lagen zwei ausgedruckte Fahrkarten nach Triest. Nina hatte eine Pension notiert, die Anschrift eines kleinen Lokals und einen Termin, an dem sie sich nach Arbeit erkundigen wollte. Neben einer weiteren Adresse stand: Vielleicht etwas für dich. Nur für den Anfang.
Auf einem zweiten Blatt hatte sie eine Liste gemacht. Pass, Medikamente, Bargeld teilen. Neue Telefonnummern. Hannes überzeugen. Ganz unten, zweimal unterstrichen: Wenn er Nein sagt, allein fahren.
Hannes strich mit dem Daumen über die Unterstreichung. Er hatte erwartet, irgendwo eine Bitte zu finden, einen Satz, mit dem sie ihm die Verantwortung für ihre Abreise überlassen hatte. Auf dem Blatt stand keiner. Sie hatte sogar für sein Nein einen Platz vorgesehen.
Das Wasser im Eimer war rosa geworden. Hannes stellte es unter den Tisch, wo Nina vor einer Stunde gesessen hatte, und steckte die Fahrkarten und die Liste in seine Jacke. Vom Gästeaufzug her hörte er ein leises Summen. Er stand auf, nahm den Eimer und machte die Arbeit zu Ende.
03:05
Als das Telefon klingelte, schob Hannes die Geldstapel unter den Stadtplan. Auf dem Display stand 312. Er nahm den Hörer beim zweiten Klingeln ab und nannte seinen Namen.
Der Mann bat noch einmal um die Handtücher. Er klang müde. Hannes entschuldigte sich für die Verzögerung und sagte, er komme sofort. Dann legte er auf, strich die Jacke über den Fahrkarten glatt und ging in die Wäschekammer.