SPRACHE WÄHLEN

SPRACHE WÄHLEN

Cover der Geschichte Schottentor, 2:13

Wien ohne Morgen

Schottentor, 2:13

Von Torsten Schönberg

Horror · Mystery

Zurück zu Wien ohne Morgen

Um 2:13 Uhr stieg Nora Fellner am Schottentor in den N43 Richtung Neuwaldegg. Sie war seit elf Stunden auf den Beinen, der Regen war ihr durch die Schuhe gedrungen, und nachdem ihr Handy für die Fahrt nach Hernals einen Taxipreis angezeigt hatte, den sie aus Prinzip nicht bezahlen wollte, interessierte sie sich nur noch dafür, möglichst schnell nach Hause zu kommen. Der Bus stand bereits an der Haltestelle. Seine Türen waren geöffnet, über der Windschutzscheibe leuchteten Liniennummer und Ziel, und hinter den Scheiben sah Nora ein halbes Dutzend Fahrgäste. Nichts daran wirkte ungewöhnlich genug, um im Regen auf den nächsten zu warten.

Den gültigen Fahrschein hatte sie in der Manteltasche. Sie blieb kurz neben dem Fahrer stehen, einem älteren Mann mit kurz geschnittenem grauem Haar und dunkler Uniformjacke. „Über die Hernalser Hauptstraße?“, fragte sie. Er blickte nicht zu ihr, sondern schloss die Türen und fuhr an. Nora wartete vergeblich auf eine Antwort und setzte sich schließlich in die zweite Reihe. Auf ihrem Handy schrieb sie der Schwester, sie sei unterwegs. Die Nachricht ließ sich nicht senden. Sie steckte das Gerät wieder ein; um den Empfang konnte sie sich später kümmern.

Die Strecke beruhigte sie zunächst. Der Bus passierte die Haltestelle Landesgerichtsstraße und fuhr weiter Richtung Alser Straße. Nora kannte die Abfolge der Haltestellen gut genug, um nicht auf jede Anzeige achten zu müssen. Erst nach einigen Minuten bemerkte sie, dass an den Kreuzungen keine Autos standen. Kein Taxi kam ihnen entgegen, kein Radfahrer zog eine blinkende Spur durch den Regen. Wien war nicht dunkel, die Ampeln arbeiteten, in einzelnen Fenstern brannte Licht, aber die Straßen gehörten allein ihrem Bus.

Nora sah nach hinten. Ein alter Mann saß mit beiden Händen auf einem Stock, neben dem Fenster eine Frau mit rotem Schal. Zwei Reihen weiter trug ein junger Mann Kopfhörer unter seiner Kapuze. Ganz hinten saß ein Mann im Anzug, und auf der anderen Seite des Gangs lehnte eine Frau in heller Krankenhauskleidung mit geschlossenen Augen an der Scheibe. Keiner telefonierte, niemand sah auf eine Haltestellenanzeige. Sie wirkten nicht schläfrig, sondern wartend.

An der Alser Straße stand Nora auf und ging nach vorn. Auf ihre erneute Frage, ob er wirklich nach Neuwaldegg fahre, hob der Fahrer die Augen zum Spiegel und sagte Ja. Sie wollte schon zurückgehen, als er abbog, wo sie den N43 geradeaus erwartet hatte. Vor ihnen lag eine schmale Straße zwischen hohen Häusern. Nora suchte vergeblich nach einem Haltestellenschild und blieb neben der Fahrerkabine stehen. „Hier fahren Sie aber normalerweise nicht. Ist das eine Umleitung?“

„Setzen Sie sich bitte.“ Seine Hände blieben ruhig am Lenkrad. Nora sah hinaus, konnte die Straße aber nicht einordnen. Ein paar Abbiegungen genügten, und selbst ein vertrauter Bezirk konnte fremd aussehen. Sie wartete auf die nächste Kreuzung. Als sie sich schließlich umdrehte, hatte der junge Mann einen Kopfhörer herausgenommen und beobachtete sie.

Er fragte, wo sie eingestiegen sei. Bei ihrer Antwort schloss er kurz die Augen. Er mochte Anfang zwanzig sein, vielleicht jünger; die dunklen Schatten darunter ließen ihn erschöpft aussehen. „Ich bin am Westbahnhof eingestiegen“, sagte er. Nora hielt sich an einer Stange neben seinem Sitz fest und erklärte ihm, dass er dann im falschen Bus sitze. Er verzog keine Miene. „Seit über einer Stunde. Wir waren inzwischen zweimal wieder dort.“

Nora wartete darauf, dass er grinste. Stattdessen sah er nach vorn, wo die Anzeige über dem Fahrer erlosch. Bis eben hatte sie noch N43 und Neuwaldegg gezeigt. Nun blieb das Feld einige Sekunden schwarz, ehe zwei Wörter erschienen:

KARL HUBER

Nora kannte den Namen nicht. Der alte Mann mit dem Stock hob den Kopf und zog die Füße unter seinen Sitz, obwohl niemand im Gang stand. „Nein“, sagte er. Seine Hände umklammerten den Griff. Noch bevor der Bus langsamer wurde, wich die Farbe aus seinem Gesicht.

Sie hielten auf einem kleinen Platz ohne Haltestelle. Vor der offenen Tür stand eine Frau in einem dünnen Sommermantel, die eine Einkaufstasche mit beiden Armen an sich presste. Trotz des Regens waren ihr Haar und ihre Kleidung trocken. Als sie einstieg, sah Nora die Vertiefung über der rechten Schläfe. Die Haut war dort eingesunken, als hätte der Schädel darunter nachgegeben. Die Frau ging an ihr vorbei und blieb vor Huber stehen.

„Papa.“ Sie beugte sich nicht zu ihm hinunter. Der Alte rutschte auf seinem Sitz zurück, bis seine Schultern gegen die Lehne stießen, und bat sie, ihn in Ruhe zu lassen. Seine Tochter wartete, bis er aufhörte zu reden. „Du hast gesagt, du kommst zurück.“

Huber erklärte, er habe Hilfe holen wollen. „Du bist nach Hause gefahren“, antwortete sie, ohne ihn zu berühren. Nora sah zu dem jungen Mann, der kaum merklich den Kopf schüttelte. Sie blieb, wo sie war, und hörte Huber versichern, dass er doch noch Hilfe geholt habe. Später. Darauf antwortete sie nicht. Hinter ihr blieb die Bustür offen, und Nora konnte das Wasser hören, das vom Dach auf den Platz tropfte.

Schließlich stemmte Huber sich an seinem Stock hoch. Sein Gesicht war nass, und er sah seine Tochter nicht an. „Ich habe gedacht, du wärst tot“, sagte er. Erst jetzt trat sie beiseite, damit er in den Gang gelangen konnte. „Ich war es noch nicht.“ Er ging bis zur Tür und blieb auf der untersten Stufe stehen. Nora dachte, er werde umkehren. Dann setzte er den Stock auf das Pflaster und stieg hinaus. Seine Tochter folgte ihm.

Sobald die Türen geschlossen waren, trat Nora ans Fenster. Der Platz lag leer im Regen. Sie suchte die Hauseingänge und den Rand der Scheibe nach den beiden ab, während der Bus anfuhr und die Anzeige zurück auf N43 – NEUWALDEGG wechselte. „Wo sind die hin?“, fragte sie den jungen Mann. Er hatte inzwischen beide Kopfhörer abgenommen, wusste aber keine Antwort.

„Ich bin Milan“, sagte er, als sie sich wieder zu ihm wandte. Er deutete auf Hubers leeren Sitz. „Wenn die normale Anzeige verschwindet und dort ein Name steht, ist derjenige dran.“ Nora fragte, was er damit meine. Milan strich mit dem Daumen über den Kopfhörer in seiner Hand. „Es kommt jemand. Manche kennen ihn, andere behaupten, sie kennen ihn nicht. Danach passiert irgendetwas.“

„Und dann steigen sie aus?“ Nora sah noch einmal zu der geschlossenen Tür. Milan sagte nur: „Nicht immer.“ Sie zog ihr Handy heraus, um nachzusehen, ob die Nachricht endlich gesendet worden war. Die Uhr zeigte 2:14. Das konnte nicht stimmen; allein der Halt auf dem Platz hatte länger gedauert. Milan bemerkte ihren Blick und hielt ihr sein eigenes Telefon hin. Auch darauf stand 2:14. Er habe es aus- und wieder eingeschaltet, sagte er. Es ändere nichts.

Nora setzte sich nicht mehr. Sie blieb im Mittelgang stehen, während der Bus wieder in breitere Straßen einbog. Für einige Augenblicke erkannte sie den Gürtel. Ein Taxi müsste irgendwo auftauchen, dachte sie, ein Polizeiwagen, irgendetwas, das diese Nacht wieder zu einer gewöhnlichen Wiener Nacht machte. Als die Anzeige erneut schwarz wurde, sah Milan sofort hin. Nora folgte seinem Blick.

NORA FELLNER

Sie las ihren Namen ein zweites Mal, bevor sie aus dem Fenster blickte. Der Bus bremste vor einer Kreuzung, die sie seit fünf Jahren mied. Selbst tagsüber nahm sie mit dem Fahrrad eine Parallelstraße. Die Apotheke an der Ecke hatte inzwischen ein anderes Schild, das Café gegenüber war renoviert worden, aber die Verkehrsinsel erkannte sie wieder. Neben ihr, am Rand des Gehsteigs, stand Stefan Marcher.

Vor dem Unfall hatte sie ihn nur für einen Augenblick gesehen; seinen Namen hatte sie erst später erfahren. Jetzt trug er dieselbe graue Jacke und hielt seinen Fahrradhelm unter dem Arm. Sein Gesicht war unversehrt. Nora sah so lange darauf, dass sie erst bemerkte, wie Milan aufstand, als er schon neben ihr war. „Der gehört zu Ihnen“, sagte er. Sie schüttelte den Kopf. Milan deutete zur Anzeige, auf der noch immer ihr Name stand.

Die Türen öffneten sich. Stefan kam nicht herein, sondern blieb auf dem Gehsteig und sah durch den vorderen Eingang zu ihr. Als er sie ansprach, wich Nora hinter eine Haltestange zurück. Der Fahrer blickte in den Spiegel. „Sie können aussteigen.“ Auf ihre Frage, warum sie das tun sollte, antwortete er nicht. Auch Stefan wartete nur.

Nora spürte Milans Blick. Sie wollte ihm sagen, er solle sich nicht einmischen, hörte sich stattdessen aber erklären, dass sie damals bei Rot über die Kreuzung gefahren sei. Ein Lieferwagen habe ihr ausweichen müssen. „Und hat mich getroffen“, ergänzte Stefan von draußen. Nora umfasste die Stange fester. „Ich habe den Notruf gewählt. Ich bin nicht einfach weitergefahren.“

„Drei Minuten.“ Stefan sagte es so leise, dass sie sich vorbeugen musste, um ihn zu verstehen. Nora sah ihn wieder auf dem Asphalt liegen. Er hatte sich nicht aufrichten können, aber seine Hand war nach ihrer gewandert, während sie neben ihm kniete. Sie hatte auf eine Sirene gelauscht, auf irgendein Geräusch, das ihr erlaubte, jemand anderem die Verantwortung zu überlassen. Dann war sie aufgestanden, hatte ihr Fahrrad genommen und war gegangen. Niemand hatte sie fortgeschickt.

„Ich hatte Panik“, sagte sie. Stefan nickte und antwortete: „Ich auch.“ Nora sah zum Fahrer, der unverändert hinter dem Lenkrad saß. Die Türen blieben offen. Sie fragte Stefan, was er von ihr wolle, doch er machte keine Bewegung, sie zu holen. „Du kannst fahren“, sagte er. Nora wartete auf den Rest. Schließlich hob er den Helm ein wenig. „Oder du bleibst.“

Hinter ihm hörte sie einen Motor. Am anderen Ende der Straße bog ein weißer Lieferwagen ein; der beschädigte rechte Scheinwerfer war derselbe wie damals. Nora wich vor der offenen Tür zurück. Sie wollte Stefan zurufen, er solle aus dem Weg gehen, als sie sah, dass er auf dem Gehsteig stand. Die Frau auf der Fahrbahn hatte sie zuvor nicht bemerkt.

Sie lag neben der Verkehrsinsel, nur noch einen Schuh am Fuß. Als sie den Kopf hob, zog Blut aus ihrer Stirnwunde bis an den Mund. „Bitte“, rief sie zum Bus herüber. Nora trat wieder an den Ausgang. Noch konnte sie im Bus bleiben. Sie sah zu Milan, doch er gab ihr keinen Hinweis, worauf sie warten oder wovor sie sich hüten sollte. Der Lieferwagen kam näher, während die Frau vergeblich versuchte, sich aufzurichten.

Nora stieg auf den Gehsteig. Hinter ihr schlossen sich sofort die Türen. Ihr Ruf, der Fahrer solle warten, ging im Anfahren unter; sie sah noch Milans Hand an der Scheibe, dann fuhr der Bus um die Ecke. Als sie sich zur Fahrbahn wandte, hatte der Lieferwagen die Kreuzung fast erreicht. Nora lief zur Frau, packte sie unter den Armen und zog sie zur Bordsteinkante.

Die Frau schrie, sobald ihr rechtes Bein über den Asphalt schleifte. Es lag verdreht unter dem Mantel und ließ sich nicht belasten. Nora zog trotzdem weiter, bekam die Schultern der Frau näher an den Gehsteig und rutschte selbst auf den nassen Steinen aus. Sie sah auf, direkt in den einen hellen Scheinwerfer, und wusste, dass sie es nicht schaffen würde. Für sie allein reichte die Zeit noch. Sie müsste nur die Arme lösen und seitlich wegspringen.

Die Frau bekam ihren Mantel zu fassen. Nora ging hinter ihr in die Hocke und zog ein letztes Mal, bis der Schmerz ihr durch beide Schultern fuhr. Das Bein lag noch auf der Fahrbahn. Sie konnte es nicht von dort wegbringen, konnte nur noch die Frau an sich ziehen und den eigenen Rücken zum Wagen drehen. Nora presste die Augen zu, während der Motor jedes andere Geräusch verschluckte.

Der Aufprall blieb aus. Als sie die Augen öffnete, war die Straße leer. Nora hielt die Frau noch immer fest und wartete darauf, dass das Motorengeräusch hinter ihnen wiederkehrte. Es kam nicht. Sie beugte sich über das blutige Gesicht, sprach die Frau an und tastete zitternd nach einem Puls, den sie nicht finden konnte. Auf der anderen Straßenseite stand Stefan. Jetzt war sein Gesicht so, wie sie es nach dem Unfall gesehen hatte, die rechte Hälfte eingedrückt und der Jackenkragen voller Blut.

„Du bist geblieben“, sagte er. Nora wollte ihm antworten, als hinter ihr Reifen durch eine Pfütze rauschten. Ein Taxi fuhr über die Kreuzung, dahinter ein zweites Auto; an der Ampel wartete ein Radfahrer. Sie blickte wieder zu Stefan, aber der Gehsteig war leer. Auch die Frau war verschwunden. Nora kniete mit ausgestreckten Armen auf dem Asphalt und hörte in ihrer Manteltasche das Handy vibrieren.

Die Nachricht an ihre Schwester war verschickt worden. Über ihr stand die Uhrzeit:

2:15

Nora zog sich auf die Verkehrsinsel zurück. Sie saß dort, bis ein Taxi am Rand hielt und der Fahrer das Fenster öffnete. Auf seine Frage, ob alles in Ordnung sei, hätte sie beinahe Ja gesagt. Stattdessen stand sie auf, ging zu ihm und erklärte, dass sie Hilfe brauche.

* * *

Milan Petrović wusste nicht, was mit Nora geschehen war. Als der Bus sie an der Kreuzung zurückließ, hatte er an der Scheibe gestanden und ihr nachgesehen, bis der Fahrer abbog. Danach setzte er sich nicht wieder hin. Über dem Fahrer stand wieder N43 – NEUWALDEGG, auf seinem Telefon weiterhin 2:14. Als die Anzeige erlosch, hielt Milan sich an der nächsten Stange fest und wartete auf den Namen.

MILAN PETROVIĆ

Der Bus wurde langsamer. Milan hob den Blick zur Straße, an der sie gleich halten würden. Er wusste noch nicht, wer dort auf ihn wartete.