PIEFKE 5 · Juri Sonnenburgs Mordgeschichten

Der Ehrenhofmörder

Teil 4: Das letzte Hindernis

Sprache dieser Folge

Gemäldeartige Ansicht des vollständig eingerichteten Reitplatzes im Ehrenhof von Schloss Schönbrunn.
© Torsten Schönberg

Der Applaus schwappte von den Tribünen über den Ehrenhof und prallte von den gelben Fassaden des Schlosses zurück. Für die Zuschauer hatte das Reitturnier gerade erst begonnen. Das erste Pferd war sauber über das Hindernis gegangen, der Reiter hatte kaum sichtbar die Zügel aufgenommen, und wenige Sekunden später stand die ganze Anlage unter diesem hellen, freundlichen Lärm, den Menschen machten, wenn sie für ein paar Stunden vergessen durften, dass die Welt außerhalb eines abgesperrten Veranstaltungsbereichs komplizierter war.

Ich hörte davon fast nichts.

Shani hatte meinen Arm gepackt und sah zu der schmalen Tür unter der Tribüne. Durch diese Tür war gerade der Mann verschwunden, den sie am Tag von Sebastians Tod bei ihm gesehen hatte. Der gute Österreicher mit dem Kaffeebecher. Der Mann, der Georg und mir erklärt hatte, wie man schwere Bauteile richtig aus den Knien hob, ohne selbst je etwas Schwereres als seinen Kaffee in der Hand zu halten. Nun trug er keinen Becher. Unter seinem Arm klemmte eine schwarze Mappe.

Dass ich seinen Namen noch immer nicht kannte, war für den strategischen Leiter einer Widerstandsbewegung einigermaßen peinlich. Bei einem Mordverdächtigen war es zusätzlich unpraktisch.

Georg hatte ihn ebenfalls erkannt. Ich brauchte ihm nichts zu erklären. Der Kärntner sah erst zu der Tür, dann zu mir und schließlich hinauf zu Shani. Wir alle wussten, was Oberinspektor Stippschitz uns aufgetragen hatte. Wir sollten uns aus den Ermittlungen heraushalten, unseren Arbeitseinsatz erfüllen und ansonsten möglichst wenig tun, was eine Polizeidienststelle, einen Obersthofmeister oder eine Ausländerbehörde beschäftigen konnte. Es war eine vernünftige Anweisung. Genau deshalb passte sie schlecht zu unserem bisherigen Leben in Wien.

Shani kannte die Tribüne besser als wir. Sie hatte tagelang daran gearbeitet und wusste, wo die technischen Gänge verliefen, welche Treppen unter die Sitzreihen führten und welche schmalen Türen nur für Personal vorgesehen waren. Georg kannte die Konstruktion inzwischen ebenfalls recht gut. Ich kannte vor allem die Folgen davon, wenn Georg technische Anlagen zu interessant fand. Trotzdem war für einen kurzen Moment tatsächlich so etwas wie Arbeitsteilung erkennbar. Shani ging wieder nach oben, um von der Tribüne aus zu beobachten, wohin sich der Mann unter uns bewegte. Georg nahm einen seitlichen Zugang, der zu einem Technikgang führte. Ich blieb unten und ging an den Absperrgittern entlang, als würde ich weiterhin das tun, wofür Piefke 5 mich eingeteilt hatte.

Über mir setzte das nächste Pferd zum Sprung an. Für ein paar Sekunden wurde es still. Dann hörte ich das dumpfe Aufsetzen der Hufe im Sand und gleich darauf den nächsten Beifall. Das Geräusch übertrug sich auf die Stahlkonstruktion der Tribüne und vibrierte bis in den Boden. Mir kam der unangenehme Gedanke, dass man unter diesen Sitzreihen wahrscheinlich jemanden erschlagen konnte, ohne dass auch nur einer der Zuschauer seinen Kopf in die falsche Richtung drehen würde.

Die Tür, hinter der der Projektkoordinator verschwunden war, stand einen Spalt offen. Natürlich. Eine geschlossene Tür hätte mir vielleicht noch die Gelegenheit gegeben, über Stippschitz’ Anweisung nachzudenken. Eine halb offene Tür dagegen wirkte wie eine persönliche Einladung an meine schlechtesten Entscheidungen.

Ich schob sie auf und ging hinein.

Unter der Tribüne änderte sich die Welt. Der offene Ehrenhof mit seinem Licht, den Pferden und den elegant gekleideten Zuschauern blieb nur wenige Meter hinter mir zurück, aber hier unten roch es nach Metall, Holzstaub, Gummi und Kabelisolierung. Durch schmale Fugen fiel Licht auf die Stahlstützen. Über meinem Kopf bewegten sich Menschen auf den Sitzreihen. Jeder Schritt, jedes Stampfen und jeder neue Applaus lief als dumpfes Zittern durch das Gestänge. Zwischen den Stützen führte ein schmaler Gang an gelagerten Bodenplatten, Kabelrollen und Materialkisten vorbei.

Ich bewegte mich langsam. Nicht aus besonderer Vorsicht, sondern weil ich ständig aufpassen musste, nicht über irgendein Kabel zu fallen und meinem Gegner schon durch einen Arbeitsunfall die Mühe abzunehmen.

Dann hörte ich Papier.

Nicht viel. Ein leises Rascheln, halb verschluckt vom Lärm der Veranstaltung.

Ein paar Meter weiter stand der Projektkoordinator vor einem geöffneten Materialschrank. Die schwarze Mappe lag auf einer Kiste. Er hatte mehrere Blätter herausgenommen und sortierte sie hektisch. Einige steckte er in seine Jacke, andere zerriss er und stopfte die Stücke in einen offenen Abfallsack. Neben der Mappe lag in einer durchsichtigen Kunststofftasche ein langer Stahlhebel, wie man ihn beim Ausrichten schwerer Bauteile verwendete. Das Werkzeug war kaum länger als mein Unterarm, aber massiv, kantig und schwer genug, dass ich sofort an die Beschreibung von Stippschitz denken musste.

Die Polizei suchte einen schmalen, schweren und kantigen Gegenstand.

Ich hätte umkehren sollen.

Stattdessen trat ich einen halben Schritt zurück und setzte meinen Fuß auf ein Kabel. Der Stecker schlug gegen eine Stütze. Es war kein lautes Geräusch. Unter normalen Umständen hätte man es wahrscheinlich überhört. Unter einer Tribüne, in der ein Mann gerade belastende Unterlagen vernichtete, reichte es.

Er drehte sich um.

Wir sahen uns an.

In seinem Gesicht lag zunächst Überraschung. Dann etwas anderes. Keine Panik. Eher die schnelle Erkenntnis eines Menschen, der begriffen hatte, dass sich sein Problem gerade von Papier in einen lebenden Zeugen verwandelt hatte.

Seine Hand ging zum Stahlhebel.

Meine Strategie bestand in diesem Augenblick aus einem einzigen Punkt.

Weglaufen.

Ich drehte mich um und rannte.

Der Gang war enger, als er mir auf dem Hinweg erschienen war. Meine Schulter streifte eine Stütze, ich stolperte über eine Abdeckung und fing mich gerade noch. Hinter mir krachte Metall. Über mir setzte erneut ein Pferd zum Sprung an. Für einen Moment wurde es still, dann ging das Tier über das Hindernis und der Jubel brach los. Ich hörte meine eigenen Schritte kaum noch, wusste aber, dass der Mann hinter mir war.

An der nächsten Abzweigung konnte ich links zur Vorderseite der Tribüne oder rechts zu einem kleinen Materiallager laufen. Ich entschied mich für rechts, weil ich hoffte, dass er links erwartete.

Das war strategisch gedacht.

Leider endete der rechte Gang an einem Zaun.

Ich stand in einer Sackgasse.

Man sollte seine besonderen Fähigkeiten nicht überschätzen.

Als ich mich umdrehte, kam der Projektkoordinator langsam zwischen den Stützen auf mich zu. Er musste nicht mehr rennen. Der Stahlhebel hing in seiner rechten Hand, als wäre er irgendein Werkzeug, das er gleich wieder in eine Kiste legen würde. Hinter mir drückte sich das Gitter in meinen Rücken. Vor mir wurde der Mann mit jedem Schritt größer.

Plötzlich konnte ich mir sehr gut vorstellen, wie Sebastian gestorben war. Dazu brauchte man keine komplizierte Mordwaffe und keine besondere Kraft. Man musste mit diesem massiven Stück Stahl nur einmal richtig zuschlagen.

Er hob den Arm.

In diesem Moment bewegte sich über ihm etwas. Zwischen den Sitzreihen erschien ein roter Haarschopf. Shani hatte mich gefunden und beugte sich so weit über die Konstruktion, wie es die Tribüne zuließ. Der Projektkoordinator sah instinktiv nach oben.

Es war nur eine Sekunde.

Sie reichte.

Ich duckte mich und warf mich zur Seite. Der Stahlhebel traf mit voller Wucht den Zaun hinter mir. Metall schlug auf Metall, laut genug, dass ich den Schlag sogar durch das Dröhnen über uns hörte. Der Mann griff nach meiner Jacke, als ich mich an ihm vorbeiquetschte. Der Stoff spannte sich über meiner Schulter, hielt einen Moment und riss dann mit einem trockenen Geräusch auf.

Ich war frei und rannte zurück zur Abzweigung.

Dieses Mal nahm ich links.

Georg kam mir entgegen.

Er hielt einen großen Schraubenschlüssel in der Hand. Bei jedem anderen hätte mich das beunruhigt. Bei Georg war ich in diesem Augenblick ausgesprochen froh darüber. Der technische Leiter der Piefke 5 brauchte keine lange Erklärung, um zu verstehen, weshalb mein Jackenärmel halb herunterhing und hinter mir ein Mann mit einem Stahlhebel auftauchte.

Der Projektkoordinator blieb stehen. Georg hob den Schraubenschlüssel nicht besonders hoch, musste das aber auch nicht. Er war ein Kärntner, hatte einen Dreitagebart und sah mit Werkzeug grundsätzlich so aus, als sei eine falsche Entscheidung des Gegenübers Teil seines Tagesplans.

Der Mann wich zurück.

Hinter ihm kam Shani eine schmale Metalltreppe herunter.

Für einen Augenblick war er zwischen uns eingeklemmt. Ich glaubte tatsächlich, die Sache sei vorbei. Dann schleuderte er den Stahlhebel nach Georg.

Der Kärntner duckte sich. Das Werkzeug schlug gegen eine Stütze, sprang zurück und fiel klirrend auf den Boden. Im selben Moment stieß der Projektkoordinator eine Materialkiste zur Seite, sprang über eine niedrige Absperrung und verschwand in einem zweiten Gang.

Georg setzte ihm sofort nach. Shani nahm die Treppe wieder nach oben, um ihn von der anderen Seite abzuschneiden.

Ich blieb beim Stahlhebel zurück.

Er lag im Staub zwischen zwei Kabeln. An einer seiner Kanten sah ich eine dunkle Verfärbung. Mehr brauchte ich nicht. Ich war Geologe, kein Gerichtsmediziner, und hatte keinerlei Ehrgeiz, an einem möglicherweise blutigen Werkzeug herumzureiben, um meine Fachkenntnisse zu erweitern.

Neben der offenen Materialkiste lag noch immer die schwarze Mappe.

Die hob ich auf.

Darin steckten Rechnungen. Viele Rechnungen. Tribünenteile, Transporte, technische Dienstleistungen, Absperrgitter, Materiallagerung und schließlich mehrere Seiten mit einem Wort, bei dem ich unwillkürlich stehen blieb.

Geruchskonzept.

Der Ehrenhof hatte also nicht nur einen Mord, sondern auch ein Geruchskonzept.

Die Rechnung für Eau de Hof war so hoch, dass man dafür vermutlich einen echten Stall samt Pferd hätte kaufen können. Mehrere Positionen tauchten doppelt auf, manche sogar dreifach. Leistungen waren abgerechnet worden, die nach meiner Erinnerung nie stattgefunden hatten. Dieselbe Lieferfirma erschien immer wieder, egal ob es um Bauteile, Transport oder künstliche feuchte Erde ging. Wenn diese Firma auch Bestattungen angeboten hätte, wäre Sebastian wahrscheinlich schon vollständig abgewickelt gewesen.

Zwischen den Rechnungen lagen handschriftliche Notizen. Ich kannte Sebastians Schrift nicht, aber sein Name stand auf mehreren Seiten. Daneben befanden sich Summen, Fragezeichen, Pfeile und immer wieder dasselbe Kürzel aus der Projektkoordination. Sebastian hatte nachgerechnet. Der junge Mann hatte offenbar entdeckt, dass jemand den Aufbau des Reitturniers wie eine private Geldquelle behandelte.

Damit bekam auch sein Ehrgeiz eine neue Bedeutung. Sebastian hatte am Hof aufsteigen wollen. Wenn er dem Obersthofmeister nachweisen konnte, dass bei einem großen Prestigeprojekt Geld verschwand, wäre das für seine Karriere vermutlich genauso nützlich gewesen wie für die Karriere des Projektkoordinators schädlich.

Ein Schatten fiel über die Mappe.

Ich zuckte zusammen.

Oberinspektor Stippschitz stand vor mir.

Hinter ihm kamen zwei Männer vom Sicherheitsdienst. Sein Blick wanderte von meinem zerrissenen Ärmel zur schwarzen Mappe, weiter zum Stahlhebel und schließlich zurück in mein Gesicht. Dabei wurde seine Miene immer ruhiger. Bei anderen Menschen war Ruhe beruhigend. Bei Stippschitz bedeutete sie meistens, dass unter der Oberfläche einiges abgekühlt werden musste.

Ich erklärte ihm hastig, dass wir natürlich nicht ermittelt hatten. Wir seien dem Projektkoordinator lediglich unter eine Tribüne gefolgt, hätten einen möglichen Mordgegenstand gefunden und seien dabei fast erschlagen worden.

Selbst mir fiel auf, dass diese Beschreibung seiner Definition von Nichtermittlung wahrscheinlich nicht entsprach.

Er zog Untersuchungshandschuhe an, nahm die Mappe und ließ den Stahlhebel sichern. Dann wollte er wissen, wohin der Mann gelaufen war.

Zum ersten Mal an diesem Tag konnte Georgs technische Begeisterung für die Tribünen tatsächlich unser Leben erleichtern.

Unter den Sitzreihen gab es drei brauchbare Ausgänge. Einer führte zum offenen Ehrenhof, einer in einen eingezäunten Technikbereich und einer in eine schmale Servicegasse direkt neben dem Reitplatz. Der erste war inzwischen von Sicherheitsleuten besetzt. Der Technikbereich endete an einem geschlossenen Tor. Wenn der Projektkoordinator nicht irgendwo zwischen Kabelkisten wohnen wollte, musste er zur Servicegasse.

Georg hatte das offenbar schon erkannt.

Als Stippschitz und ich den Ausgang erreichten, lag der Reitplatz direkt vor uns. Nur eine niedrige Absperrung trennte die Servicegasse vom Parcours. Ein Pferd galoppierte über den Sand. Weiter rechts rannte der Projektkoordinator.

Von der anderen Seite kam Georg.

Über uns bewegte sich Shani auf einer schmalen Treppe entlang.

Der Mann war fast eingekreist.

Er erkannte das ebenfalls und traf eine Entscheidung, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Er sprang über die Absperrung.

Mitten auf den Reitplatz.

Für die Zuschauer sah das zunächst offenbar aus wie ein Teil der Veranstaltung. Einige klatschten sogar. Vielleicht hielten sie es für eine neue Disziplin. Flucht vor Piefke 5. Internationales Niveau.

Der Projektkoordinator rannte quer über den Sand. Ein Pferd kam aus der entgegengesetzten Richtung. Der Reiter reagierte sofort, zog das Tier nach außen und verhinderte einen Zusammenstoß. Mir blieb für einen Moment die Luft weg. Danach hatte ich genug davon, nur zuzusehen.

Georg war bereits über die Absperrung geklettert.

Ich folgte.

Stippschitz blieb zurück.

Das unterschied den ausgebildeten Kriminalbeamten von uns.

Auf dem Reitplatz lagen die Hindernisse plötzlich ganz anders vor mir als vom Rand. Sie waren höher, breiter und standen so dicht, dass man beim Laufen ständig entscheiden musste, auf welcher Seite man vorbeikam. Der Projektkoordinator erreichte eine Stange, riss sie aus der Halterung und warf sie nach Georg. Der Kärntner warf sich zur Seite. Die leichte Stange schlug in den Sand.

Shani war inzwischen außen herumgelaufen und erreichte vor dem Flüchtenden das Tor zum Pferdeausgang. Er musste wieder abdrehen. Vor ihm kam Stippschitz mit mehreren Sicherheitsleuten in den Ehrenhof. Rechts standen Tribüne und Absperrung, links der Ausgang. Hinter ihm Georg.

Für einen kurzen Moment schien die Flucht beendet.

Dann sah der Projektkoordinator mich.

Natürlich nahm er den Weg, an dessen Ende ich stand.

Ich wollte zur Seite springen, blieb aber mit dem Fuß an der Stange hängen, die er nach Georg geworfen hatte. Noch bevor ich verstand, was passierte, lag ich im Sand.

Schon wieder.

Der Boden des Ehrenhofs entwickelte sich langsam zu einem Ort, mit dem ich intimer vertraut war als mit manchen Menschen.

Der Projektkoordinator sprang über mich hinweg. Dabei fiel ihm ein Schlüsselbund aus der Tasche. Ich griff danach, mehr aus Reflex als aus einem strategischen Plan. Wenigstens irgendetwas wollte ich beitragen, wenn ich schon wieder auf dem Boden lag.

Als ich aufstand, war er bereits hinter der Tribüne.

Georg folgte ihm. Shani ebenfalls.

Ich rannte hinterher.

Meine Knie protestierten. Meine Lunge auch.

Hinter den Tribünen standen Transportboxen, Kabelwagen und Materialkisten. Einige der Flakons von Eau de Hof waren noch nicht weggeräumt. Eine Kiste stand offen.

Der Projektkoordinator griff hinein.

Ich erwartete eine Waffe.

Er zog einen Flakon heraus.

Für einen Augenblick wusste keiner von uns, was er damit anfangen wollte.

Dann drückte er auf den Sprühkopf.

Eine dichte Wolke künstlichen Pferdegeruchs schoss zwischen die Kisten. Ich bekam sie direkt ins Gesicht. Meine Augen tränten, meine Nase brannte, und plötzlich roch ich so intensiv nach Stall, dass wahrscheinlich selbst ein Fiakerpferd Abstand gehalten hätte. Georg begann neben mir zu husten. Shani hielt sich den Ärmel vor Mund und Nase.

Der Projektkoordinator sprühte weiter.

Es war die absurdeste Verteidigungswaffe, die ich je erlebt hatte.

Wir verfolgten einen mutmaßlichen Mörder während eines internationalen Reitturniers und wurden mit künstlichem Pferdegeruch zurückgedrängt. Wenn mir das jemand im Männerwohnheim erzählt hätte, hätte ich ihm aus gesundheitlichen Gründen den Doppler weggenommen.

Der Mann nutzte den Nebel und verschwand zwischen den Materialstapeln.

Ich sah nur noch einen Schatten.

Dann hörte ich einen überraschten Schrei und unmittelbar danach einen dumpfen Aufschlag.

Als sich der Duftnebel verzog, lag der Projektkoordinator auf dem Boden.

Jakub stand neben ihm.

In der Hand hielt er einen Besen.

Offenbar hatte der slowakische Vorarbeiter im richtigen Moment das praktischste Werkzeug des Tages eingesetzt und dem Flüchtenden die Beine weggezogen. Jakub sah dabei nicht besonders stolz aus. Eher so, als habe er endlich Gelegenheit bekommen, sich für die Pferdeduftwolke vom Vortag zu revanchieren.

Die Sicherheitsleute erreichten den Mann wenige Sekunden später. Sie drehten ihn auf den Bauch und legten seine Hände auf den Rücken.

Dieses Bild kam mir bekannt vor.

Nur dass dieses Mal jemand anderes den Ehrenhof aus nächster Nähe betrachten durfte.

*

Das Turnier wurde nach einer kurzen Unterbrechung fortgesetzt.

Die Zuschauer bekamen wieder ihre Pferde, die Pferde ihre Hindernisse und der Ehrenhof seinen Applaus. Die meisten Menschen auf den Tribünen dürften kaum verstanden haben, weshalb ein Mann mitten durch den Parcours gerannt war. Vielleicht würde später irgendwo stehen, es habe eine technische Verzögerung gegeben.

Wir bekamen stattdessen Stippschitz.

Er führte Georg, Shani, Jakub und mich in denselben Container, in dem wir nach Sebastians Tod gesessen hatten. Dieses Mal lagen keine Handschellen auf dem Tisch. Vor dem Oberinspektor befanden sich die schwarze Mappe und der in Kunststoff verpackte Stahlhebel.

Die ersten Befunde passten zu dem, was wir unter der Tribüne gesehen hatten. Der Hebel war von Form und Gewicht her geeignet, Sebastians tödliche Kopfverletzung verursacht zu haben. An einer Kante waren Spuren gesichert worden. Die endgültige Auswertung musste das Labor übernehmen.

Die Unterlagen in der Mappe waren allerdings schon jetzt deutlich genug.

Sebastian hatte über längere Zeit Rechnungen gesammelt und miteinander verglichen. Der Projektkoordinator hatte wiederholt Lieferungen über ein mit ihm verbundenes Unternehmen abrechnen lassen. Material war doppelt berechnet worden, Transporte mehrfach, und Leistungen erschienen auf Rechnungen, obwohl sie entweder nie oder nur in wesentlich geringerem Umfang erbracht worden waren.

Auch Eau de Hof gehörte dazu.

Die Duftflakons waren nie als Strafe für Georg und mich bestellt worden. Sie waren von Anfang an Teil eines vollkommen überteuerten Veranstaltungskonzepts gewesen. Unsere Strafarbeit hatte lediglich den Vorteil gehabt, dass man bereits vorhandenes Material sinnvoll verbrauchen konnte. Sinnvoll war in diesem Zusammenhang ein großzügiger Begriff.

Sebastian hatte die Unregelmäßigkeiten entdeckt und seine Chance erkannt. Er wollte die Unterlagen dem Obersthofmeister übergeben. Sicher spielte dabei auch sein Ehrgeiz eine Rolle. Ein junger Mann, der einen Betrug in einem prestigeträchtigen Hofprojekt aufdeckte, konnte sich Hoffnungen auf einen schnellen Aufstieg machen.

Für den Projektkoordinator bedeutete derselbe Vorgang das Ende seines Geschäfts.

Am Tag des Kranunfalls hatten sich die beiden zwischen den Materialstapeln gestritten. Shani hatte die schwarze Mappe gesehen. Jakub hatte Teile des Streits gehört. Sebastian wollte die Unterlagen nicht herausgeben.

In einem schmalen Bereich hinter den gestapelten Bauteilen griff der Projektkoordinator nach dem Stahlhebel und schlug zu.

Ein einziger Schlag genügte.

Sebastian brach zusammen.

Dann geschah etwas, das der Täter nicht geplant hatte.

Georg stieg in den Kran.

Ich stand unten und gab hektische Handzeichen. Die Europalette hing bereits in der Luft und begann zu schwingen. Der Projektkoordinator erkannte offenbar innerhalb weniger Sekunden, was für eine Gelegenheit sich ihm bot. Hinter den Materialstapeln war Sebastian zunächst kaum zu sehen. Der Täter zog den reglosen Körper bis an den Rand des Bewegungsbereichs der Last und verschwand wieder in der Deckung.

Die Palette schwenkte weiter.

Das Fenster des Obersthofmeisters zerbrach.

Bauteile und die schwingende Last trafen Sebastian zusätzlich.

Danach sah alles so aus, wie es aussehen sollte.

Ein außer Kontrolle geratener Kran.

Ein toter Vorgesetzter.

Ein Kärntner in der Kabine.

Ein Piefke, der vom Boden aus Handzeichen gab.

Dazu mehrere Zeugen, die Georg und mich den ganzen Vormittag über Sebastian raunzen gehört hatten.

Es war kein perfekt geplanter Mord gewesen. Es war schlimmer. Der Projektkoordinator hatte eine plötzlich entstandene Gelegenheit erkannt und innerhalb weniger Augenblicke aus einem Totschlag einen vermeintlichen Arbeitsunfall gemacht. Georg und ich hatten ihm den Rest geliefert, ohne es zu wissen.

Die schwarze Mappe hatte er anschließend an sich genommen und unter der Tribüne versteckt. Mit Beginn des Turniers wollte er sie holen, die belastenden Papiere aussortieren und verschwinden lassen.

Dann kamen wir.

Wieder einmal.

Vielleicht bestand unsere größte Begabung tatsächlich darin, anderen Menschen im denkbar ungünstigsten Moment im Weg zu stehen.

Stippschitz ließ sich danach endlich die ganze Geschichte mit dem roten Laserpunkt erzählen.

Shani bestätigte, dass sie ihn auf meiner Stirn gesehen hatte. Ich musste erklären, warum ich diese Information zurückgehalten hatte. Der Oberinspektor war weder von meinem Versprechen noch von der romantischen Komponente meiner Entscheidungsfindung beeindruckt.

Paradeisers Gewehr war inzwischen untersucht worden. Es war nicht geladen gewesen. Die Laserzielhilfe funktionierte allerdings tadellos. Paradeiser hatte darauf bestanden, lediglich Beobachtungen durchgeführt zu haben. Weshalb eine Beobachtung ein Gewehr mit Zielhilfe benötigte, blieb seine sehr persönliche Interpretation professioneller Polizeiarbeit.

Mit Sebastians Tod hatte er nach dem Stand der Ermittlungen nichts zu tun.

Der beigefarbene Hut war also eine falsche Spur gewesen.

Eine ausgesprochen unangenehme falsche Spur.

Stippschitz teilte uns mit, dass Paradeiser vorläufig wieder dort bleiben würde, wo Fachleute seine weiteren Beobachtungen besser beobachten konnten.

Damit konnte ich leben.

*

Am späten Nachmittag saß ich am Rand des Ehrenhofs und sah den Pferden zu.

Das Turnier lief weiter, als wäre der Mord nur eine technische Störung gewesen, die man während einer kurzen Pause behoben hatte. Pferde sprangen über die Hindernisse, die Tribünen hielten, und Georg betrachtete die Konstruktionen mit jener Zufriedenheit, die nur ein technischer Leiter empfinden konnte, dessen Bauwerk weder zusammengebrochen war noch jemanden erschlagen hatte.

Jakub sang wieder.

V dolinách zog leise zwischen den Materialbereichen hindurch. Der Mann hatte seine gute Laune zurück. Vermutlich half es, dass der künstliche Pferdegeruch endlich aus dem Ehrenhof gezogen war.

Shani saß auf einer niedrigen Absperrung vor der Tribüne. Ihr Helm lag neben ihr. Zum ersten Mal sah ich ihre roten Haare vollständig im Licht des Nachmittags. Ich setzte mich zu ihr, während Georg einige Meter entfernt ein Gitter kontrollierte, das seit Tagen fertig war.

Ich ließ ihm diese Form von Diskretion.

Am nächsten Morgen war Shanis Einsatz in Schönbrunn beendet. Das Piefke-5-Programm schickte sie weiter. Wohin genau, wusste sie noch nicht. Irgendeine Veranstaltung, irgendeine Tribüne, irgendein guter Österreicher, der den Menschen auf der Baustelle erklären würde, wie man arbeitet.

Ich hätte sie gern gefragt, ob wir uns wiedersehen würden.

Das tat ich nicht.

Vielleicht war ich feige. Vielleicht hatte ich nach den letzten Tagen einfach genug von Fragen, deren Antworten mein Leben verändern konnten.

Shani sah mich eine Weile an. Dann beugte sie sich zu mir und küsste mich kurz auf die Wange.

Mehr passierte nicht.

Mehr musste auch nicht passieren.

Sie nahm ihren Helm und ging zurück über den Ehrenhof. Nach ein paar Schritten drehte sie sich nicht noch einmal um. Ihre roten Haare verschwanden zwischen den Tribünen und den Menschen, die dort arbeiteten.

Damit endete etwas, das kaum begonnen hatte.

Vielleicht war das besser so.

In meinem Leben hielten Beziehungen selten länger als Mordermittlungen.

Georg kam zu mir, nachdem Shani verschwunden war. Er sagte nichts. Sein Gesicht genügte. Wahrscheinlich grinste ich wieder ziemlich deppert.

Dieses Mal war mir das egal.

*

Am Abend leerte sich der Ehrenhof.

Das Turnier war für diesen Tag beendet. Die Besucher strömten durch die Ausgänge, Arbeiter sammelten Müll ein, Pferde wurden zurück in ihre Bereiche geführt. Das Licht auf den Tribünen brannte weiter und ließ die Aufbauten plötzlich wieder wie eine Baustelle wirken.

Georg und ich gingen langsam zu unserer Eingangstür unter der Ehrenhofstiege.

Wir waren frei.

Nicht vollständig, aber deutlich freier als am Morgen.

Kein Mordverdacht.

Keine Handschellen.

Keine Duftflakons.

Kein Paradeiser.

Das war für einen einzigen Tag ein bemerkenswerter Fortschritt.

Oberinspektor Stippschitz wartete vor der Tür.

Er trug seine kaffeebraune Lammfell-Lederjacke und hatte eine Akte unter den Arm geklemmt.

Ich mochte diese Akten inzwischen nicht mehr.

Dieses Mal begann er mit einer guten Nachricht.

Wir würden nicht nach Deutschland abgeschoben.

Georg hob erleichtert die Arme. Ich spürte, wie die Anspannung der letzten Tage aus meinem Körper wich. Für einen Moment glaubte ich wirklich, die Sache sei vorbei.

Dann kam der zweite Teil.

Wir würden Österreich trotzdem verlassen.

Nur in die andere Richtung.

Die Stabsstelle des Piefke-5-Programms hatte unsere nächsten Wochen neu geplant. Nach den Ereignissen im Ehrenhof hielt man eine grenzüberschreitende Integrationsmaßnahme für angebracht.

Schon das Wort grenzüberschreitend reichte, um meine gute Laune wieder einzufangen.

Unser Ziel lag in der Slowakei.

Levoča.

Eine alte Stadt in der Zips. Historisch, schön und weit genug von Deutschland entfernt, dass ich zunächst keinen unmittelbaren Grund zur Panik sah.

Dann erklärte Stippschitz, weshalb wir dorthin sollten.

Mitten auf dem historischen Platz von Levoča stand ein Pranger aus dem 16. Jahrhundert. Früher hatte man dort Menschen wegen kleinerer Vergehen öffentlich dem Spott ausgesetzt.

Das Piefke-5-Programm hielt diese pädagogische Tradition offenbar für zeitlos.

Georg und ich sollten für eine Woche dort ausgestellt werden.

Offiziell wurden wir ausgeliehen.

Inoffiziell wurden wir abgeschoben, nur nicht weit genug, um uns loszuwerden.

Stippschitz hatte eine Liste der Gründe dabei. Unerlaubte Kranbenutzung, Beschädigung eines Fensters im kaiserlichen Hofstaat, eigenmächtige Ermittlungen in einem Mordfall, mehrfache Missachtung polizeilicher Anweisungen und schließlich die großflächige Geruchsbelästigung des Ehrenhofs.

Beim letzten Punkt hätte ich gern protestiert.

Die Pferdeduftaktion war angeordnet gewesen.

Stippschitz wusste das.

Piefke 5 wusste das.

Es stand trotzdem auf der Liste.

Wahrscheinlich brauchte man für einen Pranger eine bestimmte Anzahl von Punkten.

Georg interessierte vor allem, ob diese Tätigkeit bezahlt wurde.

Natürlich nicht.

Ich interessierte mich dafür, ob es in Levoča Bier gab.

Davon ging ich aus.

Das half.

Ein wenig.

Stippschitz übergab mir den neuen Arbeitsplan. Anfang Oktober sollten wir Wien verlassen. Eine Woche öffentliche Präsentation am historischen Pranger, anschließend weitere Tätigkeiten vor Ort. Welche Tätigkeiten das waren, stand nicht auf dem Blatt.

Das machte mich misstrauisch.

Sehr misstrauisch.

Ich sah noch einmal über den Ehrenhof. Auf die Tribünen, auf den Reitplatz und auf das Fenster des Obersthofmeisters, das inzwischen provisorisch verschlossen war. Hinter den Aufbauten schnaubte irgendwo ein Pferd. Jakubs Gesang war nur noch schwach zu hören.

Shani war längst verschwunden.

Ich faltete den Arbeitsplan zusammen und steckte ihn in meine Tasche.

Eine Woche am Pranger.

Was sollte dabei schon passieren?

ENDE

Juri Sonnenburg und Georg kehren im Oktober zurück.

Nächster Fall: Levoča.