PIEFKE 5 · Juri Sonnenburgs Mordgeschichten

Der Ehrenhofmörder

Teil 3: Der Mann mit dem beigefarbenen Hut

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Gemäldeartiger Blick auf den Ehrenhof von Schönbrunn während des Reitbetriebs mit Tribünen, Zelten, Pferden und Reitern.
© Torsten Schönberg

Chefinspektor Paradeiser.

Ich kannte diesen Hut.

Beigefarben, mit einer schmalen dunklen Krempe. Darunter ein Gesicht, das ich auch aus dreihundert Metern Entfernung lieber nicht gesehen hätte. Der Mann stand zwischen den gestapelten Bodenplatten im Ehrenhof und hielt ein langes schwarzes Futteral in der Hand. Dann drehte er den Kopf und schaute direkt zu unserem Fenster.

Ich ging einen Schritt zurück.

Chefinspektor Paradeiser war ein alter Bekannter. Georg und ich hatten bereits während des Falls um den Stempelmörder das zweifelhafte Vergnügen gehabt, seine Bekanntschaft zu machen. Er hatte uns damals das Leben schwer genug gemacht. Danach war es mit seiner eigenen Karriere ebenfalls nicht gerade steil bergauf gegangen. Wenn ich Paradeiser sah, war meistens jemand tot, wir wurden verdächtigt oder beides.

Dieses Mal lag Sebastian tot im Ehrenhof.

Das war kein gutes Zeichen.

Über mir knarrte Georgs Bett. Er war wach geworden und wollte wissen, warum ich so angestrengt aus dem Fenster starrte. Als ich ihm Paradeisers Namen nannte, war es mit seiner morgendlichen Gleichgültigkeit vorbei. Er setzte sich auf, strich sich über die Bartstoppeln und kletterte herunter.

Gemeinsam sahen wir wieder in den Ehrenhof.

Paradeiser war verschwunden.

Der Platz zwischen den Materialstapeln war leer. Kein beigefarbener Hut. Kein schwarzes Futteral. Nur ein Arbeiter zog einen kleinen Wagen mit Kabelrollen über den Hof.

Georg hielt es für möglich, dass ich geträumt hatte. Ich hielt es für möglich, dass er zu viel geschlafen hatte. Wir einigten uns nicht. Das war bei uns nichts Ungewöhnliches.

Seit gestern wusste ich, dass jemand einen roten Laserpunkt auf meiner Stirn gesehen hatte. Shani hatte mich deswegen zu Boden gerissen. Ohne sie hätte ich vielleicht nicht mit dem Gesicht im Dreck gelegen, sondern mit einem Loch im Kopf. Sie hatte mich gebeten, niemandem davon zu erzählen, und ich hatte mein Wort gegeben.

Es war eines dieser Versprechen, die schon wenige Stunden später wie ein Fehler wirkten.

Georg erinnerte sich daran, dass Paradeiser doch eigentlich im Narrenturm sein sollte. Ich erinnerte mich ebenfalls daran. Angeblich hatte er dort einige Monate als Patient verbracht. Ob Patienten des Narrenturms mit Gewehrfutteral spazieren gehen durften, wusste ich nicht. Bei Paradeiser wollte ich nichts ausschließen.

Dann klingelte es an der Wohnungstür.

Wenn man unter Mordverdacht stand, klang eine Klingel anders. Lauter, bestimmter, fast amtlich. Wahrscheinlich bildete ich mir das nur ein.

Vor der Tür stand Oberinspektor Stippschitz. Er trug seine kaffeebraune Lammfell-Lederjacke und klemmte eine dünne Akte unter den Arm. Ich ließ ihn hinein. Georg setzte sich auf mein Bett. Sein eigenes benutzte er nach dem Aufstehen grundsätzlich nur noch als Aussichtspunkt von oben. Besitz war für den technischen Leiter einer Widerstandsgruppe offenbar eine sehr flexible Angelegenheit.

Stippschitz hatte Neuigkeiten von der Gerichtsmedizin.

Sebastian war nicht durch die Europalette getötet worden.

Für einen kurzen Moment war ich erleichtert. Georg noch mehr. Der Kärntner interpretierte die Nachricht bereits als vollständigen Freispruch und sah aus, als wolle er sich selbst gratulieren. Stippschitz holte ihn schnell wieder auf den Boden zurück.

Sebastian hatte kurz vor dem Palettenunfall einen massiven Schlag gegen den Kopf bekommen. Die Verletzung war tödlich gewesen. Erst danach war sein Körper vom Unfallgeschehen erfasst worden. Die zusätzlichen Verletzungen hatten zunächst den Eindruck erweckt, die schwingende Last habe ihn getötet.

Das änderte vieles.

Leider nicht genug.

Georg war weiterhin verdächtig. Ich ebenfalls. Der tödliche Schlag war wenige Minuten vor dem Kranunfall erfolgt. Wir hatten uns in dieser Zeit im Ehrenhof aufgehalten, uns über Sebastian beschwert und anschließend eine schwere Palette durch die Luft bewegt. Ich hatte Georg dabei auch noch sichtbar Handzeichen gegeben.

Meine Erklärung, ich hätte lediglich auf einen freien Platz neben der Tribüne gezeigt, hatte Stippschitz bereits mehrfach gehört. Dass der Platz immer noch frei war, beeindruckte ihn weiterhin nicht.

Die Polizei suchte nun nach einem schmalen, schweren und kantigen Gegenstand. Auf einer Baustelle mit mehreren Tonnen Metall war das ungefähr so hilfreich wie die Suche nach einem Biertrinker in einem Wiener Wirtshaus.

Immerhin war unsere unmittelbare Abschiebung vorläufig ausgesetzt.

Wir durften die Wohnung wieder verlassen.

Zur Arbeit.

Der Arbeitsplan von Piefke 5 blieb nämlich gültig. Mordverdacht war offenbar kein anerkannter Grund für Arbeitsunfähigkeit. Damit war auch geklärt, welchen Stellenwert die Unschuldsvermutung im Verhältnis zur österreichischen Beschäftigungspolitik hatte.

Stippschitz untersagte uns Kräne, Fahrzeuge und Duftstoffe. Der letzte Punkt war Georg unverständlich. Mir nicht. Der Ehrenhof hatte am Vortag am Nachmittag eine gewisse Ähnlichkeit mit einem schlecht belüfteten Pferdestall entwickelt. Selbst Jakub hatte aufgehört, Karol Duchoň zu singen. Wahrscheinlich war das der Augenblick gewesen, in dem die Hofverwaltung die Grenzen authentischer Atmosphäre entdeckt hatte.

Wir sollten stattdessen bei den letzten Arbeiten an den Tribünen helfen. Ohne Maschinen. Ohne Chemie. Ohne eigene Ermittlungen.

Der letzte Punkt war eindeutig an mich gerichtet.

Bevor Stippschitz ging, fragte ich möglichst beiläufig nach Paradeiser. Mich interessierte angeblich nur das Wohlergehen eines alten Bekannten. Das glaubte mir der Oberinspektor ungefähr so lange, wie ich brauchte, um den beigefarbenen Hut zu erwähnen.

Als ich schließlich zugab, Paradeiser vor wenigen Minuten im Ehrenhof gesehen zu haben, wurde Stippschitz ernst. Der Chefinspektor befand sich nach seinem Kenntnisstand weiterhin in Behandlung. Mein Hinweis auf das schwarze Futteral verbesserte seine Stimmung nicht.

Ich verschwieg den roten Laserpunkt.

Noch.

*

Eine Stunde später standen Georg und ich im Ehrenhof und arbeiteten.

Zumindest sah es für einen entfernten Beobachter so aus.

Ich hielt eine Liste in der Hand und kontrollierte die Nummern an Absperrgittern. Georg prüfte, ob sie fest standen. Die Arbeit war nicht schwer. Wahrscheinlich hatte der Obersthofmeister entschieden, dass man zwei Mordverdächtigen nichts geben sollte, was sich als Waffe benutzen ließ.

Das schränkte die Tätigkeiten beim Veranstaltungsaufbau erheblich ein.

Überall wurde geschraubt, getragen und gehämmert. Die Tribünen waren fast fertig. Der Reitplatz nahm Gestalt an. Männer zogen Kabel durch schmale Kanäle, andere richteten Absperrungen aus. Im hinteren Bereich standen bereits große Transportfahrzeuge für die Pferde.

Ich hielt nach einem beigefarbenen Hut Ausschau.

Nichts.

Dafür entdeckte ich rote Haare.

Shani stand auf einer der unteren Tribünenreihen und befestigte eine Abdeckung. Sie trug ihren Bauarbeiterhelm. Ich sah nur einen Teil ihres Gesichts.

Meine Mundwinkel bewegten sich von allein.

Georg bemerkte das natürlich sofort. Der Kärntner musste keine Mordfälle lösen, um eine unangenehme Beobachtung im richtigen Moment zu machen.

Shani kam herunter und erkundigte sich nach meiner Wange. Vom Dreck des Vortags war nichts mehr zu sehen. Ich hatte mich vorsichtshalber zweimal gewaschen. Sie selbst wirkte, als wäre das ganze Geschehen für sie bereits wieder Teil eines normalen Arbeitstages geworden.

Dann wurde sie ernst.

Sie wollte wissen, ob ich Stippschitz vom Laserpunkt erzählt hatte.

Ich hatte es nicht getan.

Das erleichterte sie. Mich weniger.

Sie hatte aber noch etwas beobachtet.

Kurz bevor Georg in den Kran gestiegen war, hatte Sebastian mit einem Mann gestritten. Der Mann gehörte zu jenen guten Österreichern, die meist herumstanden und anderen erklärten, wie sie arbeiten sollten. Davon gab es im Ehrenhof genügend.

Dann erwähnte sie den Kaffeebecher.

Ich wusste sofort, wen sie meinte.

Der gute Österreicher, der uns am Vormittag erklärt hatte, wie man schwere Teile richtig aus den Knien hebt, ohne selbst auch nur eines davon anzugreifen.

Sebastian hatte eine schwarze Mappe bei sich gehabt. Shani war zu weit entfernt gewesen, um alles zu verstehen. Es war aber um Rechnungen gegangen. Sebastian hatte außerdem deutlich gemacht, dass der Obersthofmeister die Unterlagen sehen werde.

Der Mann mit dem Kaffeebecher hatte versucht, ihm die Mappe abzunehmen.

Dann war Shani weitergegangen.

Dass sie diese Beobachtung am Vortag nicht erwähnt hatte, konnte ich verstehen. Ein Toter, ein Laserpunkt auf meiner Stirn, Sicherheitsleute und ein außer Kontrolle geratener Kran waren ausreichend, um selbst eine aufmerksame Piefke 5 kurzzeitig von einer ordentlichen Zeugenaussage abzuhalten.

Offiziell aussagen wollte sie trotzdem nicht.

Sie wurde über Piefke 5 landesweit bei Veranstaltungen eingesetzt. Wer bei jedem Auftrag Probleme machte, bekam irgendwann keine Arbeit mehr. Das System, das uns zum Arbeiten zwang, erwartete von uns gleichzeitig, dass wir froh waren, arbeiten zu dürfen.

Ich hätte ihr gern widersprochen. Leider kannte ich dieses Prinzip ziemlich gut.

Shani überließ uns ihre Beobachtung und ging zurück zur Tribüne.

Ich sah ihr nach.

Georg musste dazu nichts sagen. Sein Gesicht reichte.

Ich erzählte ihm vom Streit mit Sebastian.

Der Kärntner erinnerte sich sofort an den Mann. Er hatte uns am Vortag mehrfach Material umstapeln lassen. Für Georg reichte das bereits als Charakterbeschreibung.

*

Hinter der Tribüne standen mehrere Paletten mit Material. Daneben befand sich ein kleiner Lagerbereich hinter mobilen Zäunen.

Dort fanden wir die Flakons.

Eau de Hof.

Ich hatte gehofft, diese Dinger nie wiederzusehen.

Die überdimensionalen Glasbehälter mit dem Wappen des erfundenen Habsburger-Hofstaats waren inzwischen in Holzkisten verstaut. Auf jeder Kiste klebte ein weißes Etikett. Ich beugte mich über eine davon.

Georg wies mich vorsichtshalber darauf hin, nichts anzufassen.

Das war eine berechtigte Warnung.

Ich fasste trotzdem etwas an.

Auf dem Etikett stand eine Liefernummer und darunter ein Datum.

Die Lieferung war bereits am Tag vor dem Kranunfall erfolgt.

Das konnte nicht stimmen.

Zumindest nicht mit der Geschichte, die man uns erzählt hatte.

Unsere Pferdeduft-Strafarbeit war angeblich eine spontane Idee des Obersthofmeisters nach dem zerstörten Fenster gewesen. Die dazugehörigen Flakons hatten Schönbrunn aber schon vorher erreicht. Entweder konnte der Obersthofmeister in die Zukunft schauen oder jemand hatte eine bereits geplante Arbeit nachträglich zur Strafe erklärt.

Die zweite Variante erschien mir wahrscheinlicher.

In einer Klarsichthülle steckte eine Kopie des Lieferscheins. Georg erinnerte mich daran, dass ein Papier ebenfalls als Gegenstand galt und ich es damit sehr wohl anfasste. Ich ignorierte diese technische Spitzfindigkeit.

Die Bestellung war größer, als ich erwartet hatte.

Nicht nur Pferdestall.

Auch Leder, Heu und feuchte Erde waren als verschiedene Geruchsrichtungen aufgeführt.

Feuchte Erde.

Ich versuchte mir vorzustellen, welcher gute Österreicher darüber entschieden hatte, dass trockene Erde für ein internationales Reitfest nicht authentisch genug roch.

Am unteren Rand des Lieferscheins befand sich ein Feld für die Projektkoordination. Die Unterschrift war nicht zu entziffern. Daneben stand ein Kürzel.

Wir steckten das Blatt wieder zurück.

Hinter uns begann jemand zu singen.

Jakub.

Zum ersten Mal seit der Duftwolke hörte ich wieder Karol Duchoň im Ehrenhof. Die Luft musste sich deutlich verbessert haben.

Jakub bestätigte uns, dass die Kisten bereits vor zwei Nächten angeliefert worden waren. Den Mann, der die Lieferung entgegengenommen hatte, konnte er nicht beim Namen nennen. Er imitierte allerdings eine Hand mit einem Kaffeebecher vor dem Mund.

Das genügte.

Auch Sebastian war bei der Lieferung dabei gewesen. Zwischen den beiden Männern hatte es Streit gegeben. Jakub hatte nur einzelne deutsche Wörter verstanden.

Rechnungen.

Geld.

Sebastian war wütend gewesen.

Damit hatten wir plötzlich zwei Menschen, die unabhängig voneinander denselben Streit beobachtet hatten.

Leider wollten beide nichts mit der Polizei zu tun haben.

Jeder wollte, dass der Mord aufgeklärt wurde.

Niemand wollte Zeuge sein.

Das machte die Sache nicht einfacher.

*

Wir brachten die Absperrgitterliste zur Materialausgabe.

Der Mann mit dem Kaffeebecher war nicht dort.

Shani ebenfalls nicht.

Dafür entdeckte ich am Ende eines Seitengangs einen beigefarbenen Hut.

Ich blieb stehen.

Georg lief beinahe in mich hinein.

Der Hut verschwand hinter einem Container.

Stippschitz hatte uns ausdrücklich verboten, Paradeiser zu folgen.

Also gingen wir zufällig in dieselbe Richtung.

Der Container stand zwischen zwei technischen Bereichen. Dahinter führte ein schmaler Weg zu einer Nebenzufahrt.

Paradeiser stand dort.

Das schwarze Futteral lag auf einer Holzkiste.

Er hatte uns zunächst den Rücken zugedreht, bemerkte uns aber sehr schnell. Sein Blick verriet, dass er sich über unsere Anwesenheit ungefähr genauso freute wie wir über seine.

Rein äußerlich machte er einen besseren Eindruck als bei einigen unserer früheren Begegnungen. Der beigefarbene Hut saß ordentlich, der Mantel war geschlossen, und er wirkte nicht wie jemand, der eigentlich in einer Krankenanstalt untergebracht sein sollte.

Das beruhigte mich nicht.

Paradeiser machte deutlich, dass er weiterhin ermittelte. Seine Beurlaubung betrachtete er offenbar eher als Empfehlung denn als verbindlichen Zustand. Stippschitz schien für ihn ein Mann zu sein, der sich Kompetenzen anmaßte, die ihm nicht zustanden.

Mich interessierte vor allem das Futteral.

Als Paradeiser es öffnete, lag darin tatsächlich ein Gewehr.

Ich wusste wenig über Waffen. Dafür hatten wir Georg. Aber selbst ich erkannte das kleine Gerät, das oben auf der Waffe montiert war.

Eine Laserzielhilfe.

Paradeiser demonstrierte ihre Funktion an der Seitenwand des Containers.

Ein roter Punkt erschien.

Mein Mund wurde trocken.

Ich dachte an Shani.

An meine Stirn.

Georg stellte sich leicht vor mich. Es war manchmal beruhigend, einen technischen Leiter zu haben, der seine Aufgaben nicht nur theoretisch verstand.

Ob Paradeiser am Vortag auf mich gezielt hatte, ließ er offen. Er erklärte nichts, was man später gegen ihn hätte verwenden können. Das hatte er wahrscheinlich während seiner Dienstzeit gelernt.

Dann kamen Schritte.

Oberinspektor Stippschitz bog mit zwei Männern vom Sicherheitsdienst um den Container.

Sein Blick fiel zuerst auf das Futteral, dann auf uns.

Er hatte uns ausdrücklich angewiesen, nicht zu Paradeiser zu gehen.

Wir hatten andererseits einen Arbeitsauftrag für Absperrgitter. Dass sich die betreffenden Gitter auf der anderen Seite des Ehrenhofs befanden, schwächte unsere Argumentation etwas.

Zwischen den beiden Polizisten entstand sofort jene Atmosphäre, die entsteht, wenn zwei Männer gleichzeitig der Meinung sind, für die Situation zuständig zu sein.

Paradeiser berief sich auf seinen Rang.

Stippschitz auf dessen Beurlaubung.

Paradeiser betrachtete die Beurlaubung als vorübergehend.

Stippschitz betrachtete die psychiatrische Behandlung als noch nicht ausreichend abgeschlossen.

Ich hielt mich ausnahmsweise zurück.

Das Gewehr beschäftigte Stippschitz deutlich mehr als die Frage, wer gerade wem Befehle erteilen durfte. Paradeiser versicherte, dass es nicht geladen sei. Die Laserzielhilfe bezeichnete er sachlich als Zielhilfe.

Wofür sie gebraucht wurde, blieb unklar.

Schließlich nahm Stippschitz das Futteral an sich.

Paradeiser sollte zum Haupttor gehen. Dort wartete ein Wagen, der ihn zurück zum Kahlenberg bringen würde.

Das gefiel ihm überhaupt nicht.

Bevor die Sicherheitsleute ihn wegführten, sah er mich noch einmal an. Seine Botschaft war einfach: Der Stempelmörder sei nur der Anfang gewesen. Ich würde Morde offenbar anziehen.

Das fand ich unfair.

Ich konnte wirklich nichts dafür.

Als der beigefarbene Hut hinter den Tribünen verschwand, blieb Stippschitz bei uns.

Natürlich wollte er wissen, ob Paradeiser am Vortag auf mich gezielt hatte.

Ich wusste es nicht.

Das war sogar wahr.

Ich wusste nur, dass Shani einen roten Punkt auf meiner Stirn gesehen hatte.

Ob jemand etwas beobachtet hatte, wollte Stippschitz ebenfalls wissen.

Jetzt musste ich lügen.

Nicht dass ich wüsste.

Der Oberinspektor sah mich lange an. Wahrscheinlich glaubte er mir nicht. Das war sein Beruf.

Ich dachte an Shanis Job.

An ihre hellblauen Augen.

An die Möglichkeit, dass mein Versprechen an sie irgendwann noch ein sehr großes Problem werden konnte.

Stippschitz warnte mich davor, ihm etwas zu verschweigen, wenn dadurch jemand zu Schaden kommen konnte.

Ich behielt meine Antwort für mich.

Dafür erzählten Georg und ich ihm von den Flakons, dem Lieferdatum und Jakubs Beobachtung.

Shani ließen wir weg.

Der Oberinspektor hörte aufmerksam zu. Als er nach dem Namen des Mannes mit dem Kaffeebecher fragte, mussten Georg und ich uns ansehen.

Den wussten wir nicht.

Das war peinlich für eine Widerstandsbewegung mit strategischer und technischer Leitung.

Stippschitz stellte fest, dass wir angeblich nicht ermittelten, inzwischen aber Lieferdaten, Projektzuständigkeiten und Zeugenaussagen gesammelt hatten.

Ich hielt uns lieber für aufmerksam.

Er hielt uns für lästig.

Beides konnte stimmen.

*

Bis zum Abend verwandelte sich der Ehrenhof.

Die Baustelle wurde zu einer Veranstaltung.

Wo am Tag zuvor Kisten, Kabel und Bodenplatten herumgelegen hatten, standen jetzt Absperrungen, Pflanzenkübel und sauber ausgerichtete Wegweiser. Die Tribünen waren nahezu fertig. Die letzten Planen wurden gespannt. Hinter den Kulissen putzte jemand Metall, das spätestens am nächsten Tag wieder schmutzig sein würde.

Die ersten Pferde waren angekommen.

Ich hatte noch nie verstanden, warum Menschen freiwillig ein Tier kauften, das mehr Pflege brauchte als Georg und ich zusammen. Die Tiere glänzten. Manche hatten geflochtene Mähnen. Ihre Besitzer und Pfleger bewegten sich mit Decken, Bürsten und Taschen durch den Ehrenhof, als würden sie in einem Fünf-Sterne-Hotel einchecken.

Ein Pferd schnaubte.

Ich roch nichts.

Keinen Stall.

Keinen Mist.

Vielleicht hatte der Obersthofmeister recht gehabt.

Oder unsere Duftaktion hatte den natürlichen Pferdegeruch für die nächsten Wochen endgültig vertrieben.

Georg und ich durften weiter auf dem Gelände bleiben. Unser Bewegungsradius bestand aus Dienstwohnung, Ehrenhof und Arbeitsbereichen. Hausarrest mit Aussicht.

Shani kam am frühen Abend noch einmal zu uns.

Meine Mundwinkel reagierten wieder schneller als mein Verstand.

Georg bemerkte auch das.

Shani hatte inzwischen erfahren, dass Stippschitz mit Jakub gesprochen hatte. Sie selbst hatte weiterhin nichts gesagt. Als ich ihr erzählte, dass Paradeiser abgeholt worden war und in seinem Futteral tatsächlich ein Gewehr mit Laserzielhilfe gelegen hatte, wurde ihr Gesicht ernst.

Damit bekam ihre Beobachtung vom Vortag ein anderes Gewicht.

Der rote Punkt war keine Einbildung gewesen.

Trotzdem wussten wir weiterhin nicht, ob Paradeiser ihn verursacht hatte.

Shani hielt es inzwischen selbst für sinnvoll, Stippschitz davon zu erzählen.

Ich erinnerte sie daran, dass sie dasselbe tun konnte.

Damit waren wir quitt.

Wir verschoben die Wahrheit.

Keine gute Strategie für den strategischen Leiter der Piefke 5.

*

Am nächsten Vormittag war der Ehrenhof kaum wiederzuerkennen.

Die Zuschauer kamen durch die Eingänge und suchten ihre Plätze. Mitarbeiter liefen mit Funkgeräten zwischen den Tribünen und dem Reitplatz herum. Die letzten Kabel verschwanden unter Abdeckungen. Hindernisse wurden kontrolliert und nochmals ausgerichtet.

Das große Reitfest begann.

Georg und ich bekamen Westen.

Keine besonders guten Westen.

Piefke-5-Westen.

Damit jeder auf den ersten Blick unterscheiden konnte, wer zuschaute und wer für die anderen arbeitete.

Unsere Aufgabe bestand darin, die Seitengänge der Tribüne freizuhalten und darauf zu achten, dass niemand dort Material abstellte. Georg empfand diese Tätigkeit als unter seiner technischen Qualifikation. Ich war zufrieden. Je weniger Verantwortung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, noch einmal unter Mordverdacht zu geraten.

Shani arbeitete weiter oben auf der Tribüne. Hin und wieder sah ich ihren roten Haarschopf zwischen den Besuchern.

Dann begann die Veranstaltung.

Musik lief über die Lautsprecher. Die Zuschauer klatschten. Ein Pferd wurde auf den Reitplatz geführt. Das Tier bewegte sich ruhig. Sein Fell glänzte. Der Reiter saß kerzengerade im Sattel.

Georg betrachtete vor allem die Hindernisse. Für ihn war plötzlich weniger das Pferd interessant als die Konstruktion, über die es springen sollte. Der technische Leiter hatte endlich eine Pferdeveranstaltung gefunden, die er ohne Interesse an Pferden genießen konnte.

Ich sah in Richtung des abgesperrten Bereichs unter der Tribüne.

Ein Mann ging dort entlang.

Er trug keinen Kaffeebecher.

Trotzdem erkannte ich ihn sofort.

Der gute Österreicher vom ersten Arbeitstag.

Der Mann, der uns erklärt hatte, wie man richtig hebt.

Der Projektkoordinator.

Unter seinem Arm klemmte eine schwarze Mappe.

Ich machte Georg auf ihn aufmerksam.

In diesem Moment kam Shani die Tribünenstufen herunter. Sie wollte an uns vorbei, blieb dann aber stehen.

Ihr Blick folgte dem Mann.

Sie packte meinen Arm.

Es war derselbe Mann.

Der Mann, der kurz vor Sebastians Tod bei ihm gestanden hatte.

Der Projektkoordinator öffnete eine schmale Tür unter der Tribüne und verschwand in einem Bereich, der für die Zuschauer gesperrt war.

Auf dem Reitplatz setzte das erste Pferd zum Hindernis an.

Der Ehrenhof wurde für einen Moment still.

Dann sprang das Pferd.

Der Applaus brach los.

Shani hielt meinen Arm noch immer fest.

Wenn ihre Erinnerung stimmte, bewegte sich der Mann, der kurz vor Sebastians Tod mit ihm über Rechnungen gestritten hatte, gerade unter einer voll besetzten Tribüne.

Mit einer schwarzen Mappe.

Georg und ich hatten von Oberinspektor Stippschitz eine eindeutige Anweisung bekommen.

Wir sollten uns heraushalten.

Das war bisher noch nie gut gegangen.

Fortsetzung folgt.