PIEFKE 5 · Juri Sonnenburgs Mordgeschichten

Der Ehrenhofmörder

Teil 2: Eau de Hof

Sprache dieser Folge

Gemäldeartiger Blick auf den Ehrenhof von Schönbrunn mit den nahezu fertig aufgebauten Tribünen und der Veranstaltungsfläche.
© Torsten Schönberg

Ich lag mit dem Gesicht im Dreck des Ehrenhofs. Jemand drückte meinen Kopf nach unten. Meine Hände waren auf dem Rücken verschränkt und auf ihnen lastete ein Knie. Ich versuchte, mich aufzurichten. Das Knie hatte etwas dagegen.

Vor meiner Nase lag ein kleiner Stein. Als Geologe hätte ich ihn gern näher untersucht. Dazu hätte ich allerdings etwas Abstand gebraucht.

Ich stöhnte und drehte den Kopf so weit, dass ich den Kran sehen konnte. Zwei Männer zerrten Georg aus der Kabine. Er hielt sich am Türrahmen fest und erklärte etwas mit großer Überzeugung. Dann landete auch er auf dem Boden. Sein Ausflug in den Traumberuf war beendet.

Noch eben hatte die voll beladene Europalette auf das Fenster des Obersthofmeisters zugeschwungen. Ich erinnerte mich an das Klirren, an einen Ruck an meiner Schulter und an einen dumpfen Schlag. Danach hatte ich den Hof nur noch aus nächster Nähe gesehen. Jetzt hing die Last still. Das Bürofenster war zerstört. Ein Stück des weißen Rahmens baumelte nach außen. Vom Obersthofmeister fehlte jede Spur.

Dafür schaute Oberinspektor Stippschitz durch die Öffnung. Er war in Zivil und trug seine kaffeebraune Lammfell-Lederjacke. Sogar aus dieser Lage erkannte ich ihn. Er deutete nach unten und rief etwas. Ich hätte ihm gern zugewinkt, aber meine Hände waren anderweitig beschäftigt.

Dann drehte ich den Kopf in die andere Richtung.

Ein Mann lag nur wenige Schritte von mir entfernt. Blut klebte an seiner Schläfe und zog sich über die Wange. Ich sah das Funkgerät neben seiner Hand, die staubige Jacke und schließlich sein Gesicht.

Sebastian.

Ich wartete darauf, dass er die Augen öffnete. Dass er uns anschrie, weil wir auf dem Boden herumlagen, während die Tribünen noch immer nicht fertig waren. Ein Sanitäter kniete bei ihm. Ein zweiter holte eine Decke.

Mir wurde kalt. Ich hatte Sebastian nicht gemocht. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn man ihn auf eine andere Baustelle versetzt hätte. Aber nicht das.

Die Palette musste ihn getroffen haben, nachdem sie das Fenster zertrümmert hatte. Anders konnte ich es mir in diesem Moment nicht erklären. Gesehen hatte ich es nicht. Ich lag rechtzeitig im Dreck, um den entscheidenden Teil zu verpassen, aber leider nicht früh genug, um unbeteiligt zu wirken.

Ich fluchte und versuchte erneut, hochzukommen. Das Knie verschwand von meinen Händen. Jemand packte mich unter den Armen und zog mich hoch. Ich stand vor einer Frau mit hellblauen Augen. Unter ihrem Bauarbeiterhelm quollen rote Haare hervor. Auf ihrer Wange klebte Staub. Sie hielt mich noch einen Augenblick fest, bis ich sicher stand.

Die Frau hatte mich zu Boden geworfen? Ich schaute von ihr zu meinen Händen und wieder zurück. Sie wollte wissen, ob mir schwindlig sei. Ich hatte einige Fragen an sie, aber einer der Sicherheitsleute griff bereits nach meinem Arm. Hinter uns deckten die Sanitäter Sebastian zu.

Die Rothaarige trat zur Seite. An ihrem Arbeitsausweis erkannte ich dieselbe Programmkennzeichnung wie an meinem. Piefke 5. Ausgerechnet eine von uns. Das hätte ich gern ausdiskutiert. Doch wir wurden zu einem Bürocontainer geführt. Georg kam hinter mir her und behauptete, man hätte ihn den Kran wenigstens ordentlich abstellen lassen müssen. Niemand wollte diese Diskussion führen.

Im Container stand ein Tisch zwischen zwei Stuhlreihen. An der Wand hing ein Plan des Ehrenhofs. Mein Name und Georgs Name standen auf einem Blatt daneben. Für heute waren wir beim Tribünenaufbau eingetragen. Es gab sogar ein Kästchen, in dem jemand unsere Leistung beurteilen sollte. Ich hoffte, dass es noch leer war.

Stippschitz kam herein und legte sein Notizbuch auf den Tisch. Er sei gerade beim Obersthofmeister gewesen, als die Palette das Fenster getroffen habe. Sie hätten unsere weiteren Arbeitseinsätze besprochen. Der Obersthofmeister sei unverletzt, befinde sich im Nebenbüro und wünsche vorläufig keinen Besuch von uns.

Das konnte ich nachvollziehen.

Der Oberinspektor setzte sich. Er wollte wissen, wer Georg die Erlaubnis gegeben hatte, den Kran zu bedienen. Georg erklärte, er habe nur die Arbeit erleichtern wollen. Die Metallteile hätten zum vorgesehenen Platz neben der Tribüne gehört. Er sei weder zum Fenster gefahren noch zu Sebastian. Jedenfalls nicht absichtlich.

Stippschitz schrieb etwas auf. Dann teilte er uns mit, dass gegen uns wegen des Verdachts auf vorsätzlichen Mord ermittelt werde.

Ich sah ihn an. Mord? Georg hatte einen Kran bedienen wollen. Dass er dabei die Grenzen seiner Möglichkeiten erst nach dem Start überprüfte, war ein Problem. Aber doch kein Mordplan.

Angeblich hatten wir uns den ganzen Vormittag über Sebastian beschwert. Wir hätten seine Anweisungen kritisiert, ständig geraunzt und mehrfach verlangt, dass uns jemand von ihm befreie. Es gebe Zeugen. Stippschitz schaute Georg über den Rand seines Notizbuchs hinweg an. Der Kärntner bestritt das Raunzen nicht. Er wollte nur präzisieren, dass es nicht auf den Vormittag beschränkt gewesen sei.

Ich trat ihm unter dem Tisch gegen den Schuh.

Natürlich hatten wir uns beschwert. Sebastian hatte uns die schweren Teile mehrmals hin und her tragen lassen. Dafür musste man kein potenzieller Mörder sein, sondern nur einen Rücken haben. Und Georg war nicht gewalttätig. Na ja. Er war nicht immer gewalttätig. Bei der Verteidigung meines besten Freundes musste ich aufpassen, nicht selbst ins Stolpern zu geraten.

Ich erklärte dem Oberinspektor, dass Georg kein Mörder sei. Mich hätte man vorhin winken sehen, wandte Stippschitz ein. Ich hätte Georg offenbar Anweisungen gegeben. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass ich auf den freien Platz neben der Tribüne gezeigt hatte. Nicht auf Sebastian. Nicht auf das Fenster. Der freie Platz wäre immer noch frei. Er könne das überprüfen.

Stippschitz nahm den Stift vom Papier und schaute uns lange an. Er könne uns nicht ständig aus Schwierigkeiten herausholen. Wir seien noch keine guten Österreicher. Wenn sich der Verdacht bestätige, hätten wir hier keine Zukunft. Die Fremdenpolizei warte bei uns nicht auf eine weitere Gelegenheit, sondern sammle sie bereits.

Georg senkte den Kopf. Unter dem Tisch stellte er seinen Schuh neben meinen. Er stieß mich kurz an, diesmal ohne böse Absicht. Ich ließ meinen Fuß stehen.

Bis die Abläufe geklärt seien, dürften wir Schönbrunn nicht verlassen. Wir müssten für weitere Verhöre jederzeit zur Verfügung stehen. Mit Maschinen hätten wir ab sofort nichts mehr zu tun. Wegen des beschädigten Fensters und der eigenmächtigen Kranbenutzung habe der Obersthofmeister außerdem eine besondere Arbeit für uns angeordnet. Diese Arbeit ändere nichts an den Ermittlungen.

Ich hatte gehofft, wir müssten das Fenster putzen. Dafür war nicht mehr viel Glas übrig.

Stippschitz legte ein zweites Blatt auf den Tisch. Es ging um Pferdegeruch.

Das große Reitfest im Ehrenhof war ein Springreitturnier. Die Pferde mussten über Hindernisse springen, während ihre Besitzer dafür sorgten, dass ihnen selbst möglichst nichts im Weg stand. Besonders reiche Besitzer wurden am Hof mit großer Aufmerksamkeit behandelt. In unserem Fall hatte diese Aufmerksamkeit zu einer schriftlichen Anweisung geführt.

Laut diesem Papier rochen die heutigen Luxuspferde nicht mehr ausreichend nach Pferd. Man wasche sie, pflege sie und behandle sie mit teuren Parfüms, bis sie eher in eine Empfangshalle als in einen Stall passten. Die gstopften Besitzer hätten offenbar Angst, nach dem Streicheln ihrer Tiere selbst nach Tier zu riechen. Das verstand ich sogar ein wenig. Allerdings hätte ich mir dann kein Pferd gekauft.

Für das Reitfest sei eine unverfälschte Atmosphäre erwünscht. Die Pferde sollten sich heimisch fühlen. Die guten Österreicher ebenfalls. Deshalb müsse der typische Geruch vor Turnierbeginn im Ehrenhof verteilt werden.

Georg deutete durch das Containerfenster auf einen Fiaker. Dort gebe es zwei Mitarbeiter, die diese Aufgabe seit ihrer Geburt beherrschten.

Stippschitz ließ sich nicht ablenken. Der Obersthofmeister wünsche einen gleichmäßigen, kontrollierten Pferdeduft. Keine zufälligen Gerüche. Wir sollten uns an den Plan halten und die uns zugewiesenen Bereiche gründlich bearbeiten. Falls wir auch dabei versagten, könne uns niemand mehr helfen.

Eine Viertelstunde später standen wir vor dem Container. Jeder von uns hielt einen überdimensionalen Flakon im Arm. Auf dem Glas prangte das Wappen des Habsburger-Hofstaats. Den goldfarbenen Sprühkopf zierte ein kleiner Doppeladler. Auf dem Etikett stand »Eau de Hof – Pferd«.

Ich drückte vorsichtig. Ein feiner Nebel schwebte vor mir in der Luft. Georg beugte sich neugierig hinein und wich sofort zurück. Es roch nach einem Stall, dessen Bewohner beschlossen hatten, die Reinigung selbst zu organisieren. Vergeblich.

Wir durften die Flaschen nicht beschädigen. Sie waren teurer als alles, was wir trugen. Den Inhalt sollten wir dagegen großzügig verteilen. Ich zeigte auf den Hofplan. Georg wollte rechts anfangen, ich links. Wir einigten uns darauf, gemeinsam anzufangen. Den Vorwurf, ich hätte ihm wieder falsche Richtungen angezeigt, konnte ich heute nicht mehr gebrauchen.

Rund um das beschädigte Fenster war ein Bereich abgesperrt. Dort arbeiteten die Leute von der Spurensicherung. Wir hielten Abstand. Sebastian war inzwischen fortgebracht worden. Ich schaute nicht zu der Stelle, an der er gelegen hatte. Georg tat es auch nicht.

An der Tribüne begannen wir mit unserer neuen Aufgabe. Ich sprühte unter die Sitzreihen. Georg nahm sich die Gänge vor. Eine leichte Brise trug den Duft zu einem Mann, der oben eine Strebe festschraubte. Er richtete sich auf, schnupperte und kontrollierte seine Schuhe. Dann entdeckte er uns.

Ich hob den Arbeitsauftrag hoch. Georg hob den Flakon hoch. Das war unglücklich, weil dabei ein weiterer Sprühstoß entwich.

Wir bekamen sehr genaue Anweisungen, wohin wir mit unseren Flaschen gehen sollten. Dieser Ort war auf dem Hofplan nicht eingezeichnet.

Am nächsten Stapel geriet ein Arbeiter in Georgs Duftnebel. Der Mann legte seine Handschuhe ab und kam auf uns zu. Ich erklärte ihm die Anordnung des Obersthofmeisters. Er wollte sie sehen. Ich zeigte auf das Wappen, dann auf das Blatt. Er las, schüttelte den Kopf und gab es mir zurück. Den Einwand, dass man diese Arbeit nicht unbedingt während seiner Kaffeepause erledigen müsse, fand ich berechtigt.

Wir warteten, bis er einen Schluck genommen hatte.

Das war auch nicht richtig.

Georg versuchte inzwischen, die Größe der Sprühwolke mit dem Druck seines Daumens abzustimmen. Kleine Stöße für kleine Flächen, große für große Flächen. Er nahm die Sache ernst. Nach dem Kran brauchte er anscheinend ein Gerät, das tat, was er wollte. Ich war froh, dass die Flakons keine Fahrerkabine hatten.

Mit der Zeit rief man uns schon von Weitem zu, wir sollten stehen bleiben. Fenster wurden geschlossen. Ein Lieferfahrer setzte sich wieder in seinen Wagen und kurbelte die Scheibe hoch. Ich verstand seine Reaktion gut. In der Nacht hatte ich wegen seinesgleichen das Fenster zugemacht. Jetzt waren die Rollen vertauscht.

Am späten Nachmittag lag der Ehrenhof unter einer Pferdeduftwolke. Jakub stand neben den Bodenplatten und hielt sich ein Tuch vor den Mund. Sonst hörten wir ihn, bevor wir ihn sahen. Jetzt sang er nicht einmal mehr leise. Für Karol Duchoň waren die Arbeitsbedingungen ebenfalls unzumutbar geworden.

Wir hatten die eingezeichneten Bereiche abgearbeitet. Auf dem Plan fehlte nur noch eine Markierung hinter einem Materialstapel. Georg schaute mich an. Ich schaute ihn an. Dann machten wir auch dort zwei Sprühstöße. Unser Aufenthaltsstatus hing an diesem Mist. An künstlichem Mist, um genau zu sein.

Vor der Wagenburg fanden wir eine freie Bank. Ich stellte den Flakon vorsichtig zwischen meine Schuhe und setzte mich. Georg ließ sich neben mir nieder. Eine Weile sagten wir nichts. Von hier aus konnte man den Aufbau hören, ohne selbst etwas tragen zu müssen. Ich lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, kam die rothaarige Frau auf uns zu.

Ich setzte mich gerade hin. Meine Mundwinkel bewegten sich nach oben, ohne dass ich etwas dafür konnte. Georg schaute mich an. Ich räusperte mich und versuchte, mein Gesicht wieder unter Kontrolle zu bekommen. Das gelang nur teilweise.

Die Frau blieb in einiger Entfernung vor der Bank stehen. Sie hieß Shani und wollte sich entschuldigen. Vorhin sei sie ziemlich grob gewesen. Sie deutete auf meine Wange. Ich wischte mit dem Handrücken darüber und bekam noch ein wenig Ehrenhof zu fassen.

Dann erklärte sie, warum sie mich umgeworfen hatte.

Auf meiner Stirn sei ein roter Laserpunkt gewesen.

Ich hörte auf zu grinsen.

Sie habe mich an der Schulter gepackt und zu Boden gedrückt. Als ich wieder hochwollte, habe sie mich unten gehalten. Erst danach seien die Sicherheitsleute gekommen. Sie habe nicht gewusst, woher der Punkt kam. Aber sie habe auch nicht abwarten wollen, ob jemand abdrückte.

Ich fuhr mir über die Stirn. Dort war nichts. Natürlich war dort nichts. Trotzdem musste ich nachsehen. Während ich Georg beim Kranfahren zugeschaut hatte, hatte womöglich jemand auf mich gezielt. Und ich hatte die Frau verflucht, die mich daran gehindert hatte, ordentlich getroffen zu werden.

Ich bedankte mich. Es klang etwas unbeholfen. Shani lächelte kurz und legte mir die Hand auf die Schulter. Meine Gedanken mussten sich entscheiden, womit sie sich zuerst beschäftigen wollten. Mit dem Laserpunkt wäre vernünftig gewesen.

Sie bat uns, niemandem davon zu erzählen. Vor allem nicht, dass die Beobachtung von ihr stammte. Sie brauche ihre Arbeit. Als Piefke 5 werde sie im ganzen Land zu Veranstaltungen geschickt, meistens zum Tribünenaufbau. Wer Schwierigkeiten mache, bekomme schnell Schwierigkeiten zurück. Einen Schützen hatte sie nicht gesehen. Wenn aus ihrer Warnung eine Aussage bei der Polizei werde, müsse sie am Ende womöglich beweisen, dass sie sich nichts ausgedacht hatte.

Das verstand ich leider sehr gut. Ich nickte trotzdem nicht sofort. Georg zog die Stirn kraus. Jemand hatte möglicherweise auf mich gezielt. Das war keine Kleinigkeit, die man aus Rücksicht einfach verschwieg. Aber Shani sah mich so ernst an, dass ich versprach, sie nicht hineinzuziehen. Wie ich das anstellen sollte, wusste ich noch nicht.

Sie betrachtete uns beide und wollte wissen, ob wir tatsächlich die Anführer der Piefke-5-Widerstandsbewegung seien. Von uns höre man auch außerhalb von Wien. Auf den Baustellen erzähle man sich unsere Geschichten.

Georg wurde bis zu den Ohren rot. Er strich mit der Hand über seine Bartstoppeln und erklärte, dass er für die technische Leitung zuständig sei. Was heute mit dem Kran passiert war, entspreche keinesfalls seinem üblichen Arbeitsstandard.

Ich hätte dazu etwas sagen können. Stattdessen versuchte ich, meine strategische Zuständigkeit in einem vollständigen Satz zu erklären. Ich musste zweimal anfangen. Shani wartete geduldig. Das machte es nicht leichter.

Schließlich zeigte sie auf die Flakons zwischen unseren Füßen. Ob das schon zum Widerstand gehöre?

Ich erklärte ihr, dass wir die Regierung diesmal auf ausdrücklichen Wunsch des Hofs in Verruf brächten. Georg nickte. Shani lachte. Ich war sofort dafür, solche Gespräche öfter zu führen. Ohne Flakons. Vielleicht mit Kaffee.

Sie setzte ihren Helm auf und wollte zurück an die Arbeit. Nach ein paar Schritten drehte sie sich noch einmal um. Es gebe noch etwas. Sie habe gehört, dass sich einige Pferdebesitzer schon im Vorfeld nach dem Piefke-5-Widerstand erkundigt hätten. Ob er auch in Schönbrunn aktiv sei. Der Obersthofmeister soll darüber laut gelacht haben.

Dann hob sie kurz die Hand und ging.

Ich sah ihr nach. Bis zum Laserpunkt hatte ich geglaubt, unser größtes Problem säße in einer Krankabine. Jetzt interessierten sich offenbar auch Leute für uns, die wir überhaupt nicht kannten. Leute, die sich Pferde leisten konnten, deren Shampoo wahrscheinlich mehr kostete als unser Mittagessen für einen Monat.

Georg berührte mich am Arm und deutete mit dem Kinn auf Stippschitz.

Der Oberinspektor kam auf uns zu. Für einen Moment schaute er Shani hinterher und wäre beinahe gegen eine der historischen Laternen gelaufen. Er korrigierte seine Richtung, rückte die Lederjacke zurecht und blieb vor unserer Bank stehen. Ich nahm mir vor, das mit der Laterne nicht anzusprechen. Vielleicht brauchten wir noch eine freundliche Entscheidung von ihm.

Er hatte keine dabei.

In seiner Hand hielt er ein ausgedrucktes Foto. Darauf sah man mich mit erhobenem Arm neben dem Kran. Georg saß in der Kabine. Eine Zeugenaussage bestätige inzwischen, dass ich ihn gezielt eingewiesen hätte. Unsere Beschwerden über Sebastian seien ebenfalls protokolliert. Für seine Kollegen ergebe das ein eindeutiges Bild.

Ich erklärte noch einmal, wohin ich gezeigt hatte. Stippschitz steckte das Foto ein. Man werde die Einzelheiten überprüfen. Vorerst seien wir festgenommen. Georg gelte als der Ehrenhofmörder, ich als sein Gehilfe. Die Fremdenpolizei werde über unsere Abschiebung verständigt.

Georg stand auf. Ich hielt ihn am Ärmel fest. Es war heute bereits genug passiert.

Ein paar Hinweise fehlten noch, sagte Stippschitz. Dann könne man den Fall abschließen. Mich beunruhigte besonders, wie wenig ihn diese fehlenden Hinweise beunruhigten. Ich holte Luft, um von dem roten Punkt zu erzählen.

Shani kletterte gerade auf die Tribüne. Ihr Helm erschien zwischen zwei Streben. Ich dachte an ihr Gesicht, als sie uns gebeten hatte, sie nicht hineinzuziehen. Und ich dachte an den Mann vor mir, der ein Foto von meinem ausgestreckten Arm in der Tasche hatte und darin bereits einen Mordplan sah.

Ich schwieg. Es war keine gute Entscheidung. Ich hatte nur gerade keine bessere fertig.

Die Düfte dürften wir ab sofort ebenfalls nicht mehr verteilen, ergänzte der Oberinspektor. Es habe Beschwerden gegeben. Georg schaute auf den Flakon. Ausgerechnet für die einzige Arbeit, die wir heute nach Vorschrift erledigt hatten, wurden wir nun auch noch gerügt.

Stippschitz nahm uns die Flaschen ab und stellte sie vor den Container. Dann führte er uns ins Schloss. Wir würden vorläufig in unserer Dienstwohnung festgehalten. Keine Spaziergänge, keine Besuche, keine Ausflüge in den Ehrenhof. Die weitere Untersuchung und die Vorbereitung unserer Abschiebung liefen parallel. Er wolle uns dort antreffen, wann immer er komme.

Im Fahrstuhl standen wir zu dritt. Der Oberinspektor rückte an die Tür. Georg schaute betont unbeteiligt zur Decke. Der Geruch kam dieses Mal tatsächlich nicht allein von ihm.

Im dritten Stock öffnete Stippschitz unsere Wohnungstür. Ein Wachmann sollte vor dem Aufgang bleiben. Wir dürften uns waschen, teilte er uns mit. Das klang weniger nach einer Erlaubnis als nach einer dringenden Bitte.

Dann waren wir allein.

Georg setzte sich auf mein Bett und starrte auf seine Hände. Er habe Sebastian nicht umbringen wollen, sagte er. So leise hatte ich ihn lange nicht gehört. Ich setzte mich neben ihn. Ich wusste das. Mit dem Fuß stieß ich kurz gegen seinen Schuh.

Wir blieben einen Moment so sitzen. Dann stand er auf und kletterte in sein Bett über meinem. Das Holz knarrte. Ich ging zum Fenster und blieb seitlich hinter dem Rahmen stehen.

Unten wurde weitergebaut. Ich suchte zwischen den Sitzreihen nach dem roten Haar unter dem Helm. Shani bewegte sich sicher über die noch unfertige Tribüne. Sie nahm einem Kollegen ein Teil ab und zeigte ihm, wo es hingehörte. Ich hoffte, sie würde nach oben schauen. Dann hätte ich wenigstens kurz winken können. Ohne Kran in der Nähe.

Ein Mann kam an den gestapelten Bodenplatten vorbei. Er trug einen beigefarbenen Hut und ein langes Gewehrfutteral. Ich folgte ihm mit den Augen. Er blieb stehen, als müsste er überlegen, welchen Weg er nehmen wollte.

Dann drehte er sich um und schaute direkt zu unserem Fenster.

Ich nahm die Hand von der Eisenstange.

Diesen Mann kannte ich. Stippschitz hatte mir erzählt, er sei vom Dienst beurlaubt und werde im Narrenturm am Kahlenberg behandelt. Ich hatte mich auf diese Auskunft verlassen.

Chefinspektor Paradeiser.

Fortsetzung folgt.