Hinter ihnen floss der Bach zwischen den dichten Bäumen, während Anna die Schnürung ihrer nassen Schuhe fester zog. Leonhard sah zur Erle am gegenüberliegenden Ufer und prägte sich ein, wie ihre Wurzeln über der hellen Granitplatte lagen. Der Weg nach Arnolzheim war verschwunden, aber den Baum konnte er noch erkennen, als er sich zum Waldpfad vor ihnen wandte.
Anna nahm den Kompass heraus und wartete, bis die Nadel sich beruhigt hatte. „Wir kehren um, bevor es dunkel wird“, sagte sie, während Leonhard den Gestalten zwischen den Bäumen nachsah. Er versprach es, ohne zu ihr hinüberzublicken, und ging erst weiter, als sie die Richtung in ihrem Notizbuch festgehalten hatte.
Die beiden jungen Gestalten waren nur gelegentlich zwischen den Bäumen zu sehen. Anna konnte ihre Bewegung erkennen, hörte jedoch nach eigener Aussage weder Rosas Stimme noch die Antworten des jungen Mannes. Leonhard dagegen wusste schon vor einer flachen Kuppe, dass der Weg dahinter nach links abfallen würde, und erinnerte sich an den Geruch von nasser Rinde auf dieser Seite des Hanges. Er erklärte Anna die nächste Biegung, bevor sie sichtbar wurde, und merkte, wie aus ihren vorsichtigen Fragen ein konzentriertes Beobachten wurde.
An einem großen Granitblock blieb er stehen. Über dessen Oberfläche verlief eine helle Ader, die von Flechten teilweise verdeckt war, und Leonhard legte die Hand darauf, ehe er wusste, weshalb gerade dieser Stein wichtig war. Er hörte Anna hinter sich nach seinem Befinden fragen, doch zugleich veränderte sich das Licht zwischen den Bäumen. Die kühle Gegenwart blieb an seinen Fingern, während in seiner Erinnerung der späte Augustwald des Jahres 1995 entstand.
Rosa ging nur wenige Schritte vor ihm. Ihr Rucksack saß schief auf den Schultern, weil sie ihn am Bach eilig übergezogen hatte, und sie drehte sich um, sobald der junge Leonhard wieder langsamer wurde. „Du hast mir versprochen, dass wir weitergehen, sobald wir draußen sind“, sagte sie. „Wir stehen noch nicht einmal an der nächsten Straße, und du tust schon so, als hättest du etwas in der Mühle vergessen.“ Er antwortete, dass es nicht um einen vergessenen Gegenstand gehe, und vermied dabei ihren Blick.
Er hatte gehofft, dass es leichter würde, sobald das Wasser hinter ihnen zurückblieb. Auf dem Weg hatte er nach einem Geräusch von der Straße gelauscht und sich vorgestellt, wie sie in Wien die Tür zu seiner Wohnung aufschlössen. Doch jedes Mal war ihm statt dieser Tür der Eingang zur Mühle eingefallen, in dem Maria gestanden hatte, bis er endlich Rosa von sich ließ.
„Ich muss noch einmal mit Maria reden“, sagte der junge Leonhard. Rosa stellte den Rucksack ab und sah ihn an, während er nach einem Zusatz suchte, der den Satz kleiner machen konnte. „Wir können nicht einfach so fortgehen, nachdem sie uns gestern gesehen hat.“ Er hielt die Karte noch in der Hand und begann, sie zusammenzufalten, obwohl sie bereits gefaltet war.
Rosa ließ ihn mit der Karte hantieren, bis er aufsah. „Und was mache ich in der Zeit? Warte ich in deiner Wohnung, bis ihr fertig geredet habt?“ Leonhard wollte antworten, doch sie trat dicht vor ihn und nahm ihm das Blatt aus der Hand. „Ich gehe nicht wieder mit dir vor ihre Tür und warte dort, während du hineingehst.“ Sie gab ihm die Karte zurück und ließ den Rucksack zunächst am Boden stehen.
„Ich liebe Maria“, sagte er, als Rosa die Karte wieder in seine Hand drückte. Sie nahm den Kopf zurück und schloss die Finger um den Riemen, ohne den Rucksack aufzuheben. „Gestern warst du lange genug bei mir, um mir das auch zu sagen.“ Leonhard wollte nach ihrer Hand greifen, doch sie nahm den Rucksack hoch und zog ihn zwischen sie beide. „Was war ich dann für dich, solange du noch in der Mühle warst?“ Er fand keine Antwort, die er aussprechen konnte, und folgte ihr, als sie weiterging.
Anna legte ihm in der Gegenwart die Hand an den Ärmel, und Leonhard drehte den Kopf, ohne den Stein loszulassen. Sie stand nahe genug, dass er ihr Gesicht wiedererkannte, während Rosas Schritte noch immer in seiner Erinnerung zu hören waren. „Ich bleibe hier bei dir“, sagte sie und war dabei ins Du geraten. Er nickte ihr zu, bevor er sich wieder dem Bild zuwandte; ihre Hand blieb an seinem Arm.
Der Weg fiel zwischen Granitblöcken ab, und Rosa blieb dort stehen, wo die Bäume einen schmalen Streifen Wiese freigaben. „Ich gehe zurück“, sagte Leonhard, als er sie eingeholt hatte. Rosa schüttelte den Kopf, während er noch hinzufügte, dass er jetzt gehen müsse und nicht erst nach ihrer Ankunft in Wien. „Dann sag wenigstens, dass du mich hierlassen willst. Sag es, ohne mir zu erklären, was für Maria besser ist.“ Zum ersten Mal hörte er, wie schwer sie atmete.
„Ich begleite dich bis zur Straße und gebe dir das Geld für die Fahrt“, sagte Leonhard. „Du kannst heute noch nach Wien, und ich komme nach, sobald ich mit ihr gesprochen habe.“ Beim Griff nach seiner Jackentasche merkte er, dass Rosa nicht mehr auf sein Gesicht sah. „Steck es wieder ein, ich habe dich nicht um Fahrgeld gebeten.“ Er ließ die Hand sinken und konnte ihr nicht sagen, wann er tatsächlich nachkommen würde.
Als er an ihr vorbei zum Bach zurückgehen wollte, trat sie ihm in den Weg. „Du wirst ihr sagen, dass ich dich überredet habe“, sagte Rosa. „Morgen weiß dann jeder, dass du nur einen Fehler gemacht hast, und ich kann sehen, wo ich bleibe.“ Leonhard bat sie, ihn durchzulassen, doch sie wich nicht zurück und sah ihn weiter an.
Sie packte seinen Ärmel und hielt ihn zurück, bis er die Hand aus ihrem Griff zog. Daraufhin bekam sie den Riemen an seiner Schulter zu fassen und zerrte ihn wieder zu sich; er musste einen Schritt auf sie zu machen, um auf dem unebenen Boden das Gleichgewicht zu halten. „Sieh mich wenigstens an, wenn du mir das sagst“, verlangte Rosa, und Leonhard wurde wütend auf ihre Hand, die ihn noch immer nicht losließ. „Lass mich los, ich gehe nicht mit dir weiter.“ Er stieß sie mit beiden Händen zurück, ohne auf den Stein hinter ihr zu achten.
Rosa wich zwei Schritte zurück, wobei ihr Fuß an einer freiliegenden Wurzel hängen blieb. Leonhard sah noch, wie sie den Arm hob, ehe der Rucksack ihr Gewicht zur Seite zog und ihre rechte Schläfe gegen den niedrigen Granitblock schlug. Das Geräusch ging beinahe im Rauschen des Waldes unter; er hatte schon die Hand nach ihr ausgestreckt und hielt sie einen Augenblick länger in der Luft, als Rosa bereits am Boden lag.
Der heutige Leonhard löste die Hand vom Stein und taumelte zurück, sodass Anna ihn am Ellbogen festhalten musste. Er zeigte auf eine Rinne, in der das Regenwasser dunkler stand als auf der übrigen Oberfläche, brachte aber zunächst keinen Satz hervor. Anna fragte, ob er sich setzen wolle. Statt zu antworten, legte er die Finger wieder auf den Granit und wartete, bis Rosas Körper an derselben Stelle sichtbar wurde.
Rosa lag neben dem Block, das Haar vor dem Gesicht und einen Arm unter dem Rucksack eingeklemmt. Der junge Leonhard kniete sich hin und schob den Träger von ihrer Schulter, während er nach ihrer Hand griff. „Rosa, hörst du mich? Ich bin hier, du musst nur die Augen aufmachen.“ Als sie ihn schließlich ansah, sagte er, es werde schon wieder; erst danach bemerkte er, wie langsam ihr Blick ihn fand und wie das Blut unter ihren Haaren hervorlief.
„Bleib bitte liegen, ich muss sehen, wo du dich verletzt hast“, sagte er und zog den Rucksack ein wenig zur Seite. Rosa stieß seine Hand fort und versuchte, sich aufzusetzen, verlor jedoch sofort wieder das Gleichgewicht. Leonhard fing ihre Schulter ab, worauf sie ihn mit einer Heftigkeit ansah, die ihn zurückweichen ließ. „Du sollst mich nicht anfassen, nachdem du mich gegen diesen Stein geschlagen hast.“ Ihre Worte waren undeutlich, aber an der Bedeutung konnte er nichts missverstehen.
Leonhard zog die Hand von ihrer Schulter zurück und sah sich auf dem Weg um, als müsse dort inzwischen jemand stehen. „Wir suchen die nächste Straße, und dann bringe ich dich zu einem Arzt“, sagte er. Rosa schüttelte den Kopf und zog den Rucksack an ihre Knie; als er ihr helfen wollte, die eingeklemmte Schnalle zu lösen, drückte sie seine Finger weg. Er nahm daraufhin die Wasserflasche aus seiner eigenen Tasche und drehte sie auf.
„Du wolltest doch zurück, dann geh endlich“, sagte Rosa, ohne zu der Flasche hinzusehen, die er ihr hinhielt. Sie tastete in ihrem Rucksack und schob die Kleidung beiseite, während Leonhard sie bat, wenigstens etwas zu trinken. Als ihre Hand wieder hervorkam, hielt sie die Pistole darin, und er brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was das dunkle Metall vor ihrer Bluse war.
In seiner Erinnerung wusste Leonhard nichts von Karel oder dessen Waffe. Er sah den Lauf, der mit Rosas zitternder Hand auf ihn zukam, und ging einen Schritt zurück, bis die offene Wasserflasche an seinem Bein anschlug. Rosa hielt den Arm ausgestreckt, während sich an ihrem Kinn ein Blutstropfen sammelte und auf den Kragen fiel.
„Leg sie bitte neben dich, dann kann ich dir helfen“, sagte er, während er die Flasche abstellte. „Ich komme nicht näher, aber nimm den Finger dort weg.“ Rosa sah ihn so angestrengt an, dass er nicht wusste, ob sie die Worte verstanden hatte. „Du musst nicht länger so tun, als wolltest du bleiben“, antwortete sie schließlich. „Ich habe dich schon verstanden, auch wenn du es noch einmal sagst.“ Leonhard hob beide Hände und sah auf den Lauf, der sich mit ihrem Arm bewegte.
Leonhard konnte später nicht sagen, ob sie den Lauf senken wollte oder ob ihr die Kraft im Arm nachließ. Er sah nur die kleine Bewegung, machte unwillkürlich einen weiteren Schritt und begann noch einmal ihren Namen zu sagen. Der Schuss fiel, während er zurückwich, und der Schlag gegen die linke Seite nahm ihm für einen Augenblick die Luft. Er blieb auf den Beinen und sah, wie Rosa die Pistole sinken ließ, erschrocken über etwas, das sie selbst ausgelöst hatte.
Als Leonhard die Hand an die Flanke presste, quoll Blut zwischen seinen Fingern hervor. Rosa ließ die Pistole auf den Boden fallen und streckte die freie Hand nach ihm aus. „Ich wollte, dass du stehen bleibst“, sagte sie. „Komm her, Leonhard, ich wollte nicht, dass es so passiert.“ Sie versuchte aufzustehen, sank jedoch gegen den Stein zurück und hielt sich die verletzte Seite des Kopfes.
Er wich weiter zurück, obwohl die Waffe nun neben ihr lag. Rosa beugte sich vor, um nach seinem Ärmel zu greifen, und er entzog sich ihrer Hand so rasch, dass der Schmerz ihm bis unter die Rippen zog. Sie rief seinen Namen und bat ihn zu warten, doch er drehte sich um und lief zwischen die Bäume, eine Hand gegen das blutende Hemd gepresst.
Hinter der ersten Biegung konnte er sie nicht mehr sehen und blieb für einen Atemzug stehen. Er hatte Rosas letzte Worte nicht verstanden, hörte aber noch, wie sie versuchte, ihn zu rufen. Als er die Hand von der Wunde nahm, war die Haut bis zum Handgelenk rot; er presste sie wieder darauf und ging in Richtung des Baches weiter. Er müsse Hilfe holen, sagte er sich, während er nach der Stelle suchte, an der er ins Tal zurückkam.
Leonhard nahm die Hand vom Stein und ließ sich am Wegrand auf den Boden sinken. Anna kniete sich einige Schritte entfernt hin, bis er von sich aus zu sprechen begann. Er erzählte ihr vom Streit und vom Zurückstoßen, blieb dann lange beim Augenblick hängen, in dem Rosa die Augen wieder geöffnet hatte. Anna ließ ihn reden und rückte nur näher, als seine Stimme kaum noch zu hören war.
„Ich habe sie mit beiden Händen weggestoßen“, sagte er und sah auf seine Finger. „Danach hat sie mich noch gerufen, als ich schon zwischen den Bäumen war. Ich hätte sie hören können, wenn ich stehen geblieben wäre.“ Anna fragte, ob er sie habe sterben sehen. „Als ich ging, hat sie gelebt“, antwortete er und hob endlich den Kopf. Hinter Anna lag der Stein, mit Wasser in derselben dunklen Rinne.
Anna nahm das Notizbuch erst hervor, als er wieder ruhiger atmete, und hielt fest, was er ihr erzählt hatte. Leonhard beobachtete den Stift, der über die Seite ging, und bat sie, ihm die Zeilen über den Stoß vorzulesen. Sie tat es, ohne die Formulierung abzuschwächen. „Jetzt müssen wir Maria fragen, was danach geschehen ist“, sagte sie und ließ das Buch aufgeschlagen, bis er nickte.
Bei der Stelle über den Schuss unterbrach Leonhard sie. „Ich weiß nicht, ob sie wirklich abdrücken wollte“, sagte er. „Ich habe ihren Arm gesehen und dann den Treffer gespürt, aber ich weiß es nicht.“ Anna änderte die Zeile, las sie ihm noch einmal vor und steckte das Buch ein. Danach half sie ihm auf, und er brauchte ihre Hand länger, als er geglaubt hatte.
Auf dem Rückweg fanden sie den breiteren Pfad nicht mehr. Junge Fichten standen dort, wo Leonhard vorhin die Fahrspuren gesehen hatte, und Annas Kompass begann wieder unruhig zu werden. Sie hielten inne, ehe sie sich trennten, und suchten gemeinsam nach dem Wasser, dessen Rauschen unterhalb des Hanges noch zu hören war. Leonhard erkannte die Neigung der Granitplatten wieder und schlug vor, dem Ufer bis zu der Erle zu folgen, die sie sich am Übergang eingeprägt hatten.
Weiter oben zwischen den Bäumen rief Rosa, er solle warten. Leonhard blieb so unvermittelt stehen, dass Anna gegen seinen Rücken stieß; noch immer lag der Stein kaum einige Minuten hinter ihnen, und er konnte nicht weitergehen, ohne zu lauschen. Beim nächsten Ruf glaubte er Marias Stimme zu erkennen, doch die Bitte war dieselbe geblieben. Anna legte die Hand an seinen Arm. „Du musst mich jetzt bis zum Bach mitnehmen, Leonhard. Ich kann hier nicht allein bleiben.“
Leonhard sah zu Anna und ging erst weiter, als sie den Arm nicht mehr ganz so fest umklammerte. Die Stimmen riefen noch immer hinter ihnen, und einmal glaubte er auch den eigenen Klang darunter zu hören, doch er achtete auf das Wasser unterhalb des Hanges. Anna hielt mit seinen Schritten mit, bis sie das Ufer erreichten. Jenseits des Baches lag schon Dämmerung zwischen den Bäumen, als ein einzelner Glockenschlag die Rufe unterbrach.