Das Tal der erloschenen Dörfer

Folge 7 — Anna betritt das Tal

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Leonhard und Anna stehen im Regen vor einem Haus und Garten im wieder lebendig gewordenen Althütten; Anna hält eine Kamera, neben ihnen stehen Ruinen.

Auf der Rückfahrt von Brünn überließ Anna Leonhard das Steuer und las ihre Notizen, ohne zunächst etwas hinzuzufügen. Er sah gelegentlich zu ihr hinüber und bemerkte, dass sie an denselben Seiten hängen blieb, während draußen die Häuser seltener wurden und die Landschaft wieder in Felder und Wald überging. Karel hatte am 27. August vor Ruinen gestanden; Leonhard hatte nach Marias Erzählung am Vorabend dieselbe Mühle schwer verletzt erreicht. Beide Angaben ließen sich nicht ohne Weiteres auf dieselbe gewöhnliche Landschaft beziehen, und Leonhard wartete darauf, dass Anna eine Erklärung fand, an die auch er sich hätte halten können.

Sie klappte das Notizbuch erst zu, als sie schon eine Weile wieder durch die ländliche Gegend fuhren. „Ich würde gern wissen, weshalb Sie auf Karels Beschreibung des zerstörten Dorfes überhaupt nicht überrascht reagiert haben“, sagte sie. „Sie haben mich angesehen, als hätte er gerade etwas bestätigt, das Sie mir noch nicht erzählen wollten.“ Leonhard hielt den Blick auf der Straße und gab zu, dass er selbst nach einer Nacht in Althütten zwischen Ruinen aufgewacht war. Anna bat ihn, an der nächsten sicheren Stelle anzuhalten, weil sie den Rest nicht hören wollte, während er einen Wagen lenkte.

Sie standen schließlich auf einem kleinen Parkplatz am Waldrand, während Leonhard seine bisherigen Auslassungen ergänzte. Er berichtete vom frischen Grab, von Maria und Josef, von Rosa vor dem Fenster und den Stimmen, die in der Mühle und im Gasthaus seinen eigenen Klang benutzt hatten. Anna unterbrach ihn nur, wenn unklar blieb, ob er etwas gesehen oder sich daran erinnert hatte. Als er die Nacht im Hirschen beschrieb, fragte sie nach seinen Einträgen im Feldbuch und las sie, ohne ein einziges Mal über den unmöglichen Inhalt zu lächeln.

„Sie erwarten offenbar, dass ich jetzt entweder an Geister glaube oder Sie nach Hause schicke.“ Anna gab ihm das Buch zurück und ließ die Hand noch auf dem Einband liegen. „Beides hilft uns im Augenblick wenig; ich möchte zuerst sehen, welchen Ort Sie meinen, und dann entscheide ich, was ich davon halten kann.“ Leonhard fragte, ob sie mit nach Althütten kommen würde. Sie erklärte, das werde sie tun, sofern er künftig nicht für sie entscheide, welcher Teil einer Geschichte vernünftig genug sei, ausgesprochen zu werden.

In Slavonice nahmen sie zwei Zimmer in derselben Pension und besprachen beim Abendessen den nächsten Tag. Anna markierte den vorgesehenen Zugang auf einer gewöhnlichen Karte und schob sie zu Leonhard. „Heller sollte wissen, wo wir losgehen und wann wir zurück sein wollen“, sagte sie, während er das Telefon aus der Tasche nahm. Leonhard rief seinen Projektleiter an und vereinbarte, sich am nächsten Abend nach der Rückkehr zu melden. Anschließend schickte er ihm die Lage des Parkplatzes und, auf Annas Vorschlag, auch ihre Telefonnummer. Anna speicherte ihrerseits Hellers Nummer, ehe sie die Karte zusammenlegte.

Am nächsten Morgen lag Nebel über den Feldern, und auf der Fahrt begann leichter Regen. Anna hatte wetterfeste Kleidung, eine Kamera, ein GPS-Gerät und Ersatzbatterien mitgebracht; in der äußeren Tasche ihres Rucksacks steckten Notizbuch und Bleistifte in einer wasserdichten Hülle. Leonhard bemerkte die sorgfältige Vorbereitung, als sie am Forstweg ausstiegen. „Skepsis ist kein Grund, schlechte Schuhe anzuziehen“, sagte Anna und fotografierte die Einmündung des Weges, bevor sie ihm in den Wald folgte.

Die Motorsäge war schon vom Parkplatz aus zu hören, und auf dem Forstweg hatten schwere Reifen frischen Schlamm aus den Spuren gedrückt. Leonhard nahm an der ersten Gabelung den schmaleren Pfad, blieb dann jedoch stehen, bis Anna die Abzweigung auf ihrer Karte gefunden hatte. Sie fragte diesmal nicht, weshalb er diesen Weg gewählt habe, sondern zeigte ihm die Linie, die sie für den Rückweg einzeichnete.

Bei den ersten Fundamenten verglich Anna den Mauerverlauf mit dem historischen Plan auf ihrem Gerät. Leonhard wartete, während sie sich neben einen verschütteten Kellereingang kniete und mit der Schuhspitze eine abgestürzte Ecke unter dem Laub freilegte. „War das das Haus, in dem gestern jemand Holz gestapelt hat?“, fragte sie. Als er bestätigte, machte sie eine Aufnahme und bat ihn, ihr den Friedhof zu zeigen.

Das namenlose Grab lag noch immer am hinteren Rand, mit dunkler Erde und einem Holzkreuz, an dem keine Inschrift zu erkennen war. Anna beugte sich darüber, ohne den Boden zu berühren, und notierte den Zustand. Als Leonhard von den Schlägen erzählte, richtete sie sich langsam auf und lauschte; von einer Baumkrone fiel Wasser auf einen Stein, sonst blieb es still.

Vor Josefs Grab nahm Anna die Kamera heraus und fotografierte das Porzellanbild zusammen mit der Inschrift. „Genau dieser Mann hat mit Ihnen gesprochen und gesagt, dass das Todesjahr stimmt“, wiederholte sie, während sie die Aufnahme auf dem Display vergrößerte. „Sollte er heute wieder auftauchen, möchte ich ihn selbst fragen, woran er sich von 1946 erinnert.“ Leonhard bemerkte, dass sie für eine skeptische Historikerin erstaunlich makabere Fragen vorbereite. Anna erwiderte, ein Toter mit Auskunftsbereitschaft wäre in ihrem Beruf immerhin eine seltene Gelegenheit, und steckte die Kamera ein, ehe der Scherz sie beruhigen konnte.

Hinter dem Friedhof zeigte Leonhard ihr den Pfosten an der ersten Wegbiegung. Anna ging einmal darum herum, strich mit der Hand über das Holz und fotografierte ihn zusammen mit dem Baum daneben. Wo Leonhard die Kerben gesehen hatte, war nichts zu lesen; sie vermerkte die Stelle auf ihrer Karte, ehe sie weitergingen.

Der Regen wurde dichter, während sie weiter nach Norden gingen. Als Leonhard seine Position prüfen wollte, zeigte das GPS keine verlässliche Ortsbestimmung mehr, und Annas Gerät verlor kurz darauf ebenfalls den Empfang. Sie erklärte, das könne eine gewöhnliche Ursache haben, sprach jedoch leiser, als die Motorsäge verstummte und auch das entfernte Geräusch des Flugzeugs verschwand. Leonhard blieb stehen, weil die Stille nicht allmählich eingetreten war, sondern sich wie eine geschlossene Tür hinter sie gelegt hatte.

Vor ihnen bellte ein Hund, und wenige Sekunden später hörten sie Kinder über einen Weg laufen. Anna hob den Kopf, ohne eine Frage zu stellen, und folgte Leonhard bis zu einer Öffnung zwischen den Bäumen. Dort stand eine Mauer, die vorhin noch als kniehohes Fundament zwischen Farnen gelegen hatte; dahinter erhob sich das Dach eines Schuppens, von dem Wasser in einen gepflegten Hof lief. Leonhard ging nicht weiter, sondern wartete, bis Anna neben ihm stand und denselben Garten betrachtete.

„Wir sind hier nicht vorbeigegangen, ohne das Haus zu sehen“, sagte sie schließlich. Sie ging einige Schritte zurück und suchte den Blickwinkel, aus dem sie die Ruinen fotografiert hatte, doch der Weg verlief nun zwischen Zäunen. Ein Apfelbaum stand an derselben Stelle, während unter ihm eine Frau einen Korb vom Boden nahm. Als sie Leonhard im Vorbeigehen zunickte, erwiderte er den Gruß und wusste ebenso wenig wie beim ersten Besuch, wer sie war.

Anna fotografierte das Haus und hielt die Kamera danach so, dass sie Gebäude und Display gleichzeitig sehen konnte. Die Aufnahme zeigte zunächst das verputzte Mauerwerk, doch beim erneuten Öffnen lag dort nur noch der bewachsene Keller. „Bleiben Sie bitte genau hier stehen“, bat sie Leonhard und wechselte den Standort, ohne das Haus aus den Augen zu lassen. Eine zweite Aufnahme ergab wieder die Ruine, und Anna ließ die Kamera langsam sinken, während sie mit der anderen Hand nach dem wirklichen Gartenzaun griff.

Das Holz war unter ihren Fingern nass und rau. Anna strich darüber, als wolle sie sich die Berührung einprägen, und nahm danach ihren Bleistift heraus. „Wenn ich nicht festhalten kann, was ich fotografiere, werde ich wenigstens aufschreiben, was ich dabei sehe“, sagte sie. „Sie müssen mich nicht überzeugen, Leonhard; ich hätte im Augenblick lieber jemanden, der mir erklärt, dass ich mich irre.“ Er erwiderte, diese Erklärung habe er seit seinem ersten Abend gesucht, und führte sie weiter zur Mühle.

Maria stand unter dem Vordach der Mühle und wartete, bis beide auf dem Hof waren. Sie trug das Haar im Nacken zusammengebunden, und an den Schläfen waren die grauen Strähnen deutlicher zu erkennen als beim ersten Besuch. Leonhard stellte die beiden Frauen einander vor und sagte, dass er Anna von Rosa erzählt habe. Maria sah ihn an, ließ sich aber nicht sagen, wie viel, sondern trat beiseite und öffnete die Küchentür.

Anna blieb im Eingang stehen, bis Maria ihren nassen Mantel von einem Stuhl genommen hatte. „Ich möchte hören, was Sie von Rosa wissen“, sagte sie und stellte den Rucksack ab. Maria sah zu Leonhard, der sich noch nicht gesetzt hatte. „Er wird dabei bleiben müssen, auch wenn ihm nicht gefällt, was ich sage.“ Leonhard zog einen Stuhl heran und setzte sich, bevor Anna darauf antwortete.

Anna öffnete ihr Notizbuch und legte die Kamera daneben, ohne einen weiteren Versuch zu machen. Sie bat Maria, beim Morgen des 26. August zu beginnen, und fragte zunächst nach Kleidung, Gepäck und dem Aufbruch. Maria berichtete, Leonhard und Rosa seien kurz nach Sonnenaufgang mit zwei Rucksäcken gegangen; den Geologenhammer habe Rosa ihm schon auf dem Hof abgenommen, weil er ihn beinahe im Haus vergessen hätte. Leonhard erinnerte sich nicht an die Bewegung, sah aber plötzlich Rosas Hand an der Lederschlaufe vor sich.

Als Anna die Pistole erwähnte, legte Maria das Tuch aus der Hand. „Die beiden haben hinter der Mühle gestritten, aber ich bin nicht noch einmal hinausgegangen“, sagte sie. „Von der Waffe wusste ich nichts.“ Über die Abreise habe sie anschließend mit Karel gesprochen, bestätigte sie auf Annas Frage; Leonhard und Rosa hätten früh gehen wollen, und sie habe ihrem Bruder gesagt, dass sie es wusste. Anna blätterte zu seiner Aussage zurück, unterstrich eine Zeile und bat Maria weiterzuerzählen.

Maria nahm den Krug vom Tisch und füllte ihr Glas nach, obwohl sie kaum daraus getrunken hatte. „Leonhard kam noch am Abend des 26. August zurück, nachdem es dunkel geworden war“, fuhr sie fort. „Er schlug gegen die Hintertür, und als ich öffnete, hing er beinahe nur noch an dem Rahmen. Rosa war nicht bei ihm, und auf meine Fragen nach ihr bekam ich zunächst keine verständliche Antwort.“ Leonhard spürte, wie sein Körper sich auf diese Beschreibung einstellte, ohne ihm eine vollständige Erinnerung zu geben.

Anna schrieb das Datum an den Rand und fragte noch einmal nach, ob Maria wirklich den Abend des 26. meinte. Maria bestätigte es und rückte ihr Glas neben den Krug. Auf Annas Seite blieben zwischen diesem Eintrag und dem Morgen des 28., an dem Leonhard bei seiner Unterkunft aufgetaucht war, mehrere Zeilen frei.

Josef hatte geholfen, Leonhard ins Bett zu bringen und die Wunde zu versorgen. Als Leonhard wieder sprechen konnte, berichtete er von einem Stein und von Rosa, die verletzt draußen liege; Maria ließ Josef bei ihm und ging. Auf Annas Frage, ob sie ihre Schwester gefunden habe, begann sie zu antworten, sah dann aber Leonhard an. „Du weißt noch immer nicht, was dort zwischen euch geschehen ist“, sagte sie. „Ich habe lange genug für dich erzählt, ich möchte es nicht noch einmal tun.“ Anna legte den Stift quer ins Buch. „Sie werden mir trotzdem sagen müssen, was Sie dort gefunden haben.“

Maria stand auf und bat die beiden, mit zum Friedhof zu kommen. Sie wollte Anna die Stelle zeigen, an der der Weg zurück in die verlassene Siedlung manchmal wieder sichtbar wurde. Leonhard folgte den Frauen durch den Hof und blieb vor einem Garten stehen, dessen Tür ins Leere führte; dahinter wuchs Gras bis an einen alten Mauerrest, obwohl bei ihrem Gang zur Mühle noch ein Schuppen dort gestanden hatte.

Anna hielt neben ihm an und zeichnete den stehen gebliebenen Türrahmen in ihr Notizbuch. Maria betrachtete die feuchten Angeln und sagte, sie habe hier schon einmal einen Bekannten vor dessen Haus gebracht und am nächsten Morgen keine Tür mehr gefunden. Sie nannte keinen Namen, und Leonhard fragte nicht danach, sondern ging dicht hinter ihr weiter.

Auf dem Friedhof stand hinter dem namenlosen Grab ein dunkler Stein, der am Morgen nicht dort gewesen war. Anna ging näher, konnte jedoch unter dem laufenden Regen weder Namen noch Datum lesen. Sie legte die Hand an die obere Kante und beugte sich vor, während Maria einige Schritte entfernt stehen blieb. Ein dumpfer Glockenschlag kam vom Dorf, und unter Annas Fingern gab der Stein plötzlich nach, obwohl er nicht umstürzte.

Ihre Hand griff ins Leere, und sie fiel mit einem Knie auf den Boden. Leonhard bekam sie am Oberarm zu fassen, während sie die freie Hand zwischen den Steinen abstützte und scharf Luft holte. Er half ihr auf, doch sie verlagerte das Gewicht zunächst nicht von seinem Arm und sah an ihm vorbei auf das Gras, das nun anstelle des Denkmals wuchs.

„Lassen Sie mich noch einen Augenblick so stehen“, bat Anna, als Leonhard seinen Griff lockern wollte. Maria kam näher, doch Anna wich ihrer Hand aus und drückte die verletzte Handfläche gegen die eigene Jacke. Erst nach einigen Atemzügen sah sie wieder auf den Boden und bat Leonhard, mit ihr bis zum befestigten Weg zu gehen.

Vom frischen Grab kam ein dumpfer Schlag, und Anna schloss die Finger fester um Leonhards Ärmel. Sie gingen die letzten Schritte gemeinsam zurück, ohne sich von der Erde abzuwenden. Beim zweiten Geräusch blieb Maria vor ihnen stehen; als Anna fragte, ob sie es ebenfalls höre, antwortete Maria, sie wolle nicht länger hierbleiben.

Auf dem Weg zur Mühle hielt Anna den Rucksack nur an einem Riemen, weil die andere Hand sie schmerzte. Leonhard bot an, ihn zu tragen, doch sie bat ihn stattdessen, nicht so weit vorauszugehen. In der Küche legte sie das Notizbuch auf den Tisch und begann zu schreiben, während Maria Wasser holte; Leonhard sah, wie sie den Stift zwischendurch ablegte und die Finger vorsichtig streckte.