Rosa stand noch immer vor dem Fenster, als der fünfte Glockenschlag verklungen war. Leonhard wartete darauf, dass ihr Gesicht mit einer Bewegung seines Kopfes verschwand, doch die Frau draußen blieb an derselben Stelle. Regen rann durch ihr Haar und tropfte vom Kinn auf die helle Bluse, während die dunkle Blutspur an der Schläfe unverändert blieb. Ihre Hand glitt ein wenig über das Glas und hinterließ neben dem ersten Abdruck eine schmale, blanke Stelle im Beschlag.
Maria beobachtete ihre Schwester mit einer angespannten Ruhe, die Leonhard inzwischen als Warnzeichen begriff. Er wartete darauf, dass sie die Tür öffnete oder wenigstens ein Tuch für die Blutspur holte, doch sie blieb neben ihm stehen. „Sie will nicht hereinkommen, jedenfalls nicht auf diese Weise“, erklärte Maria, als er sie danach fragte. „Rosa würde die Tür nehmen, wenn sie mit mir reden wollte; das Fenster ist für dich.“
„Du redest darüber, als wäre es schon oft geschehen, und vielleicht macht mir genau das am meisten Angst.“ Leonhard hielt den Blick auf die Frau vor der Scheibe gerichtet, deren Hand noch immer am Glas lag. „Deine Schwester ist verletzt, Maria, und ich soll hier stehen bleiben und mir erklären lassen, dass sie andere Absichten hat als jemand, der Hilfe braucht.“ Maria erwiderte, dass sie Rosas Verletzung nicht mehr versorgen könne, und die Traurigkeit in ihrer Stimme ließ ihn auf die nächste Frage verzichten.
Mit dem sechsten Glockenschlag nahm Rosa die Hand von der Scheibe. Langsam wandte sie sich vom Fenster ab, ging einige Schritte über den Hof und blieb dann stehen, als warte sie darauf, dass Leonhard ihr folgte. Er legte bereits die Hand auf die Türklinke, als Maria ihn am Unterarm festhielt und ihn daran erinnerte, dass nur noch wenig Zeit bis zum letzten Glockenschlag blieb.
„Vorhin sollte ich keiner vertrauten Stimme folgen, und jetzt lässt du mich zu ihr hinaus.“ Leonhard hatte die Tür nur einen Spalt geöffnet, als Maria ihm den Rucksack in die Hand drückte, den er in der Küche abgestellt hatte. „Weil du ohnehin gehen wirst, sobald ich dich loslasse“, antwortete sie. „Aber bleib nicht bis zum letzten Glockenschlag bei ihr, ganz gleich, was sie dir verspricht.“ Er nahm ihre Warnung mit hinaus, ohne zu wissen, ob sie der Schwester misstraute oder etwas anderem, das mit ihr auf ihn wartete.
Im Dorf war es inzwischen still geworden. Nur an einem Brunnen stand noch eine ältere Frau, die einen Eimer hochzog; als sie Leonhard bemerkte, machte sie ein hastiges Zeichen mit der Hand und verschwand hinter einer Haustür. Fensterläden wurden geschlossen, Lampen entzündet, und überall entstand der Eindruck, als bereite man sich nicht auf eine gewöhnliche Nacht, sondern auf etwas vor, das draußen bleiben musste.
Rosa wartete am Rand des Hofes. Aus der Nähe sah Leonhard die Ähnlichkeit mit Maria noch deutlicher, doch ebenso deutlich war der verstörendste Unterschied: Rosa war nicht mit ihrer Schwester gealtert. Sie sah aus wie die achtundzwanzigjährige Frau auf dem Foto von 1995, nur mit der dunklen Blutspur an der Schläfe. Rosa wirkte schmaler und zugleich entschlossener, ihr Blick war ungeduldiger, und die Art, wie sie den Kopf leicht nach vorn neigte, erinnerte Leonhard an die Frauenstimme, die er am Apfelbaum gehört hatte.
Leonhard sagte, er habe ihre Stimme schon am Apfelbaum gehört, ehe Maria zu ihm gekommen sei. Rosa blickte zum offenen Eingang der Mühle, in dem ihre Schwester noch immer stand, und für einen Moment verlor ihre Miene die Ungeduld. „Dann kommt mehr zurück, als Maria gehofft hat“, bemerkte sie, bevor sie über den Hof ging. Leonhard folgte ihr und fragte, ob in dieser Familie grundsätzlich jede Erklärung mit einem Spaziergang beginne, worauf Rosa leise lachte und ihn von der Seite musterte.
„Du bist früher oft mit mir zum Friedhof gegangen“, sagte Rosa, während sie einen Zweig vom Weg hob. „Einmal hast du behauptet, du müsstest noch etwas ausmessen, damit Maria nicht mitkommt. Ich habe den ganzen Weg darauf gewartet, dass du deine Karte auspackst.“ Sie warf den Zweig über den Zaun und ging weiter, während Leonhard an dem jungen Mann auf dem Foto nach etwas suchte, das diesen kleinen Betrug bestritt.
Über den Dächern lag noch ein matter Streifen Abendlicht, doch die Gasse vor ihnen war inzwischen leer. Als sie an einem Haus vorbeigingen, wurde von innen ein Fensterladen zugezogen; Rosa wartete, bis Leonhard auf ihrer Höhe war, bevor sie weiterging. Er roch das feuchte Holzfeuer und hörte seine Sohlen auf dem Kies, während von ihren Schritten kaum etwas zu vernehmen war.
Als sie die letzten Häuser erreichten, erinnerte Leonhard sie an Josefs Warnung. „Er hat mir geraten, nicht jedem zu folgen, der meinen Namen kennt, und du tust nicht gerade viel, um ihn zu widerlegen.“ Rosa ging noch einige Schritte, bevor sie stehen blieb und ihn nach dem eigentlichen Grund seines Zögerns fragte. „Ich versuche zu begreifen, ob ich mit einer verletzten Frau spreche oder mit jemandem, der längst nicht mehr lebt“, antwortete er, ohne seine eigene Stimme wiederzuerkennen.
Rosa strich das nasse Haar von ihrer Wange, obwohl sie damit nur noch mehr Blut auf den Fingern verteilte. „Draußen bin ich seit dem 26. August 1995 tot, und ich habe nicht vor, dir das angenehmer zu erklären.“ Sie betrachtete ihn, bis er die Jahreszahl nicht mehr bloß gehört, sondern auf die fehlenden Tage in seinem Feldbuch bezogen hatte. „An diesem Morgen sind wir gemeinsam gegangen, Leonhard, weil du mir versprochen hattest, mich nicht mehr zurückzubringen.“
„Dann wollte ich mit dir fort, und nicht bloß den Weg nach Arnolzheim finden.“ Leonhard sprach langsam, weil sich mit jedem Wort ein Teil seines bisherigen Bildes von jenem Sommer veränderte. Rosa bestätigte, dass dies am Anfang ihr gemeinsamer Wunsch gewesen sei, wobei sie die Einschränkung so deutlich machte, dass er unwillkürlich zu ihr sah. Er dachte an Marias Aussage, nach der er am Abend ohne ihre Schwester wieder in der Mühle gestanden hatte.
Der Weg führte zum Friedhof. Anders als am Nachmittag war die Mauer vollständig erhalten, das Gras kurz, und zwischen den gepflegten Gräbern brannten kleine Lichter. Leonhard fand Josefs Stein an derselben Stelle wie zuvor, nur fehlte nun das Porzellanbild. Rosa erklärte, draußen habe Josef dort ein Grab; hier brauche er keines. Sie sprach darüber nicht, als sei es normal, sondern nur als etwas, an dessen Widerspruch sie sich längst gewöhnt hatte.
Am hinteren Rand des Friedhofs lag das frische Grab. Leonhard blieb stehen. Auch in dieser Version Althüttens war die Erde dunkel und locker, das Holzkreuz namenlos. Die Vorstellung, dass derselbe Erdhügel sowohl im verlassenen Friedhof der Gegenwart als auch in diesem lebenden Dorf existierte, gefiel ihm nicht. Unwillkürlich dachte er an die dumpfen Schläge, die er am Nachmittag unter seinen Füßen gehört hatte.
Leonhard zeigte auf den frischen Erdhügel und erklärte, er habe geglaubt, dies sei ihr Grab. Rosa stellte sich an dessen Fußende, ohne die lockere Erde zu betreten. „Du siehst eine Tote neben einem Grab und glaubst, damit sei schon entschieden, wem es gehört“, sagte sie, während ihr Blick am namenlosen Kreuz hängen blieb. „Das ist nicht mein Grab, Leonhard, und du solltest heute nicht versuchen, das Kreuz herauszuziehen, nur weil darunter vielleicht eine Antwort liegt.“
Er ließ sich auf einem niedrigen Stein am Wegrand nieder und fragte, weshalb sie aus dem Tal hatte fliehen müssen, wenn ihr Bruder längst in Brünn lebte. Rosa blieb vor ihm stehen und schob die Hände unter die Rucksackriemen, als trüge sie noch immer die Last von damals. „Ich konnte Karel besuchen, manchmal für zwei Nächte, und ich konnte nach Slavonice fahren, um etwas zu kaufen. Das Tal ließ mich gehen, solange ich wusste, dass ich zurückkommen würde; erst als ich bleiben wollte, merkte ich, dass Fortfahren und Fortbleiben nicht dasselbe waren.“
Sie erzählte von Karels Gästezimmer in Brünn, in dem sie ihre Sachen zum ersten Mal nicht in der Tasche gelassen hatte. Am nächsten Morgen war sie wieder in der Mühle aufgewacht; die Tasche stand unter dem Fenster, obwohl sie am Abend zuvor alles in einen fremden Schrank geräumt hatte. „Karel hat gefragt, warum ich ihm nicht wenigstens gesagt habe, dass ich heimfahre. Ich wusste ja selbst nicht, wie ich zurückgekommen war.“ Rosa strich über den Stein neben sich, bevor sie sich setzte, und sah dabei nicht zum Dorf hinunter.
„Ich wollte irgendwann ein Zimmer haben, das ich selber bezahlen konnte“, sagte sie. „Es hätte klein sein dürfen, aber einen Tisch am Fenster sollte es haben. In der Mühle musste ich immer wegräumen, wenn jemand den Platz brauchte; selbst ein aufgeschlagenes Buch lag dort anderen im Weg.“ Leonhard fragte, ob sie ihm davon erzählt hatte, und Rosa sah ihn lange an. „Du wolltest mir deinen alten Schreibtisch geben. Ich habe damals überlegt, ob ich die Beine abschrauben müsste, damit er überhaupt durchs Treppenhaus passt.“
Leonhard erinnerte sich an den Schreibtisch, nicht aber daran, ihn Rosa angeboten zu haben. Er hatte das Möbel noch lange nach dem Studium behalten, bis es beim Umzug nicht mehr durch die Tür passte; jetzt hielt er die Hände auf den Knien, während sie neben ihm saß und auf eine Antwort wartete. „Ich weiß nicht mehr, was ich dir alles versprochen habe“, sagte er schließlich. Rosa rückte ein wenig von ihm ab. „Du hast gesagt, wir suchen zuerst etwas Kleines in Wien. Ich hätte auch gearbeitet, Leonhard, ich wollte nicht einfach bei dir unterkommen.“
Er fragte sie, ob sie ihm geglaubt hätte, wenn er ihr bloß einen Weg aus dem Tal gezeigt und sonst nichts versprochen hätte. Rosa blickte auf seine Hand, die dicht neben ihrer lag, ohne sie zu berühren. „Ich wollte mit dir gehen, obwohl du Marias Freund warst. Das habe ich mir damals oft genug anders erklärt, aber du musst mir jetzt nicht dabei helfen.“ Erst als Leonhard aufsah, fügte sie hinzu, dass seine Zweifel hinter Arnolzheim gekommen seien.
Der siebte Glockenschlag kam vom Dorf herauf, und Leonhard erhob sich, weil er an Marias Warnung dachte. Rosa blieb noch einen Augenblick sitzen und legte die Hand auf den Platz, den er gerade verlassen hatte. „Ich halte dich nicht fest, aber geh noch nicht“, bat sie. Als er stehen blieb, sah sie zu ihm auf und begann erst zu sprechen, nachdem die Glocke verklungen war.
„Frag Maria nicht, weshalb wir gestritten haben oder wie ich auf den Stein gefallen bin“, sagte Rosa. „Bei dem, was zwischen uns auf dem Weg geschah, war sie nicht dabei; das wirst du ihr selbst erzählen müssen.“ Leonhard wollte wissen, was seine frühere Freundin ihm dann überhaupt sagen könne. Rosa sah ihm ins Gesicht und antwortete: „Sie kann dir erzählen, wie du zurückgekommen bist und was sie an jenem Abend an dir gesehen hat.“
Leonhard fragte, was sie damit meine, worauf Rosa zwei Finger leicht gegen seine Brust legte. „Du warst voller Blut, und es gehörte nicht alles mir“, erklärte sie, während in ihm das Bild eines nassen Waldweges aufbrach. Er sah seine eigene Hand auf einem durchnässten Hemd und spürte einen stechenden Schmerz in der linken Seite. Der Schuss, den er im nächsten Augenblick zu hören glaubte, ließ ihn so heftig zusammenzucken, dass Rosa die Hand zurücknahm.
„Du hattest eine Waffe bei dir, und ich glaube, dass du auf mich geschossen hast.“ Leonhard griff nach ihrem Arm, als sie sich abwenden wollte, und traf auf feste Haut, deren Kälte ihm durch die Finger zog. Rosa sah auf seine Hand und bat ihn so leise, sie loszulassen, dass er sofort gehorchte. Erst danach bemerkte er, dass sie nicht mehr ihn ansah, sondern an ihm vorbei zwischen die Gräber blickte.
Einige Reihen weiter stand ein Mann, der noch vor wenigen Sekunden nicht dort gewesen war. Leonhard sah zunächst dessen Rücken und die dunkle Kleidung, deren Stoff selbst im Regen keine hellere Stelle zeigte. Auf seine Frage, ob Rosa den Mann kenne, schüttelte sie den Kopf und rückte näher an den Weg. „Geh jetzt zur Mühle zurück, und versuch nicht, sein Gesicht zu erkennen“, sagte sie, ohne den Fremden anzusehen.
Als der Mann sich zu ihnen wandte, fiel das letzte Licht zwischen den Bäumen auf die Stelle, an der sein Gesicht hätte sein müssen. Leonhard konnte weder Augen noch einen Mund erkennen, obwohl die Kontur des Kopfes deutlich vor den helleren Steinen stand. Rosa schob sich zwischen ihn und die Gestalt und drängte ihn mit einer Handbewegung zum Tor, während sie selbst mitten auf dem Weg blieb.
Hinter Rosa knirschte Kies, und Leonhard lief zum Tor, ohne noch einmal nach ihr zu greifen. Er hörte die Schritte, als er den Hang hinunterrannte, langsam und gleichmäßig, obwohl seine eigenen Sohlen immer rascher über den Weg schlugen. Selbst hinter der ersten Biegung blieb das Knirschen so nahe, dass er die Schulter hochzog, als könne ihn dort gleich eine Hand erreichen.
Mit dem achten Glockenschlag erreichte er den Hof der Mühle. Maria wartete bereits in der geöffneten Tür, zog ihn ins Haus, schlug die Tür zu und schob den schweren Riegel vor. Erst als Leonhard sich gegen die Wand lehnte und nach Luft rang, bemerkte er, wie still das Dorf geworden war.
Draußen kamen die Schritte näher und endeten unmittelbar vor der Haustür. Maria löschte die Lampe, bevor Leonhard etwas sagen konnte. Im dunklen Raum hörten beide ein leises Kratzen über das Holz, so langsam und gleichmäßig, als führe jemand mit einem Fingernagel von oben nach unten über die Tür. Das Geräusch dauerte lange genug, dass Leonhard beinahe wieder zu atmen vergaß, dann entfernten sich die Schritte.
Nachdem Maria die Lampe wieder entzündet hatte, berichtete Leonhard von Rosas Worten und dem Schuss in seiner Erinnerung. Maria zog ihm einen Stuhl heran und setzte sich erst, als er nicht mehr so schwer atmete. „Du bist am Abend des 26. August mit einer Wunde an der linken Seite zurückgekommen, und ich habe zuerst nicht gewusst, wie du den Weg überhaupt geschafft hattest.“ Sie betrachtete seine Hand, die unwillkürlich an die Flanke wanderte, und erklärte, Rosa sei nicht bei ihm gewesen.
„Du hast mich trotzdem aufgenommen, obwohl ich an diesem Morgen mit deiner Schwester fortgegangen war.“ Leonhard wartete auf einen Vorwurf, doch Maria strich lediglich das feuchte Haar aus ihrer Stirn und betrachtete die geschlossene Tür. „Ich sah den Mann, den ich liebte, und hatte Angst, dass er mir im nächsten Augenblick unter den Händen wegrutschen würde. Alles andere kam erst später, als ich wieder denken konnte.“
Leonhard fragte, was er ihr bei dieser Rückkehr erzählt hatte, und Maria erklärte, er habe anfangs kaum verständlich sprechen können. „Du hast Rosas Namen gesagt und meinen, und dazwischen immer wieder, dass du zurückwolltest.“ Sie hob den Blick, als Leonhard wissen wollte, ob er das Tal gemeint habe. „Du wolltest zu mir, Leonhard, und damals habe ich mich an diesen Satz gehalten, weil ich sonst nicht gewusst hätte, was ich glauben sollte.“ Er legte die Hände auf den Tisch und begann zu begreifen, dass die verlorenen Tage nicht allein ihm genommen worden waren.
Bevor Leonhard die nächste Frage stellen konnte, knarrte über ihnen eine Diele, deren Geräusch Maria augenblicklich erstarren ließ. Sie hob den Kopf und lauschte, während ein zweites Knarren näher an die Treppe rückte. Auf Leonhards Frage, wer im Obergeschoss sei, schüttelte sie den Kopf, ohne aufzustehen. „Dort ist niemand, den ich heute ins Haus gelassen habe“, sagte sie, und erst jetzt bemerkte er, dass ihre Finger sich um die Tischkante geschlossen hatten.
Die Schritte erreichten den Flur über ihnen und hielten vor der Treppe an, während Maria mit der freien Hand nach der Lampe griff. Leonhard wartete auf den Ruf eines Bewohners oder auf eine Erklärung, die das Haus wieder in eine gewöhnliche Mühle verwandeln würde. Stattdessen hörte er das Holz unter einem Gewicht nachgeben, das sich langsam auf die erste Stufe verlagerte.