Die Straße nach Slavonice lag leer vor ihm, als Leonhard den Wald hinter sich ließ. Er hielt sich an die vertrauten Abzweigungen und bremste vor jeder Kuppe etwas früher als nötig, bis am Rand eines Dorfes ein Lieferwagen vor ihm auftauchte. Dessen Bremslichtern folgte er mehrere Kilometer, obwohl der Fahrer ihn bei einer Ausweichstelle hätte vorbeilassen wollen.
In der Pension duschte er lange und zog trockene Kleidung an, ehe er den Laptop auf den kleinen Tisch am Fenster stellte. Draußen stand eine Reisegruppe vor den Fassaden, während der Lieferwagen durch die Gasse weiterfuhr, an deren Einfahrt Leonhard eben abgebogen war. Er nahm das Feldbuch aus dem Rucksack und prüfte die Einträge der vergangenen Nacht. Seine Schrift verlief unter Rosas Namen schräg nach unten, als hätte er beim Schreiben nicht mehr auf die Zeile geachtet; er strich nichts durch und begann, nach ihr zu suchen.
Die ersten Treffer führten zu anderen Menschen, und Leonhard bemerkte, wie wenig er über eine Frau wusste, mit der er offenbar ein gemeinsames Leben hatte beginnen wollen. Er kannte weder ihr Geburtsdatum noch eine Anschrift, die außerhalb des Tales verzeichnet sein konnte. Als er den Zeitraum auf den Spätsommer 1995 eingrenzte und Ortsnamen aus dem Grenzgebiet ergänzte, fand er schließlich einen eingescannten Zeitungsartikel. Darin wurde nach einer achtundzwanzigjährigen Rosa Hadrava gesucht, die seit dem 26. August nicht mehr gesehen worden war.
Er las die wenigen Zeilen mehrfach und suchte anschließend nach späteren Berichten, bis ihm auffiel, dass er das Falsche erwartete. Nirgends war von einem Leichenfund oder einem festgestellten Tod die Rede; Rosa blieb eine Vermisste, auch in dem zweiten Artikel, der einige Wochen später erschienen war. Dort wurde mögliches Fremdverschulden erwähnt, ebenso die Befragung von Personen aus ihrem Umfeld. Leonhard legte die Hände neben die Tastatur und wusste, dass einer dieser Menschen er selbst gewesen sein musste, obwohl er sich an keinen einzigen Polizisten erinnerte.
Noch am Nachmittag rief er Markus Heller an, den Leiter des Projekts, das ihn in die Gegend zurückgebracht hatte. Er erzählte von dem alten Feldbuch und einem Vermisstenfall, der mit seiner Kartierung zusammenzuhängen schien, ließ aber alles weg, was in der vergangenen Nacht geschehen war. „Ich brauche jemanden, der die regionalen Bestände kennt und mir sagen kann, ob es damals weitere Berichte gab“, erklärte er. „Es geht um eine Frau namens Rosa Hadrava, und offenbar habe ich sie besser gekannt, als ich bis gestern wusste.“
Heller fragte zuerst nach den drei Bachquerungen. Leonhard sah auf die aufgeklappte Karte, die noch genauso markiert war wie am Abend in Wien, und musste zugeben, dass er keine davon überprüft hatte. „Dann lass mich bitte nicht nachher mit deiner alten Skizze am falschen Ufer stehen“, sagte Heller. „Wir verschieben den Abgleich, aber melde dich, bevor du wieder allein losziehst.“ Erst danach nannte er Anna Berger in Waidhofen, die zu ungeklärten Fällen in der Grenzregion gearbeitet hatte; Leonhard schrieb den Kontakt auf und versprach, noch am Abend von sich hören zu lassen.
Anna Berger hörte am Telefon zunächst zu, ohne besonderes Interesse erkennen zu lassen. Erst als Leonhard seinen vollständigen Namen nannte, bat sie ihn, noch einmal zu erklären, weshalb er nach Rosa suche. „Ich glaube, dass ich damals mit ihr unterwegs war“, sagte er, während er die ausgefranste Kante einer fehlenden Seite betrachtete. „Ich habe Aufzeichnungen gefunden, die ich mir nicht erklären kann, und seit meiner Rückkehr kommen einzelne Erinnerungen wieder.“ Anna schlug ein Treffen in ihrem Büro vor und bat ihn, das Feldbuch mitzubringen, ohne am Telefon weiter nach den Erinnerungen zu fragen.
Das Büro lag in einem renovierten Haus nahe dem Zentrum von Waidhofen. Leonhard fand einen sachlichen Raum mit Bücherregalen, beschrifteten Schachteln und einem großen Arbeitstisch vor, an dem Anna zwei Tassen bereitgestellt hatte. Sie war ungefähr in seinem Alter, trug das fast weiße Haar kurz und nahm die Brille vom Band an ihrem Hals, sobald er sich gesetzt hatte. Ihre Freundlichkeit wirkte weder einladend noch abwehrend, sondern wie der Anfang eines Gesprächs, dessen Richtung sie noch offenhalten wollte.
„Erzählen Sie mir zuerst, woran Sie sich selbst erinnern, bevor ich Ihnen etwas aus meinen Unterlagen zeige.“ Anna schob ihre Tasse zur Seite und ließ den Tisch zwischen ihnen zunächst leer. „Ich möchte nicht, dass Sie nachher eine Formulierung von mir für einen eigenen Gedanken halten.“ Leonhard berichtete von seiner Diplomkartierung, den fehlenden Einträgen der drei Tage und dem Namen Arnolzheim, den er in keiner seiner Karten hatte finden können. Über die Mühle und die Frauen dort schwieg er, obwohl er bei jeder Auslassung merkte, wie unvollständig seine Erklärung wurde.
Als er sagte, Rosa und er hätten gemeinsam fortgehen wollen, lehnte Anna sich zurück. „Das haben Sie bei Ihrer ersten Befragung 1995 anders dargestellt“, bemerkte sie und wartete darauf, dass er von sich aus weitersprach. „Damals nannten Sie Rosa eine flüchtige Bekannte, die Sie während der Kartierung gelegentlich getroffen hätten.“ Leonhard betrachtete die leere Tischfläche und erklärte, diese Aussage könne nicht stimmen; er habe Maria geliebt und trotzdem mit deren Schwester ein neues Leben beginnen wollen.
Anna ließ ihn ausreden, zog das erste Blatt aber noch nicht zu ihm herüber. „Woran erinnern Sie sich, wenn Sie sagen, Sie wollten ein neues Leben mit ihr anfangen?“ Leonhard begann mit Marias Gesicht in einer offenen Tür und stockte, als er hätte erklären müssen, woher er den übrigen Zusammenhang kannte. Anna wartete, bis er zugab, dass ihm nicht alles als eigenes Bild wiedergekommen war, und machte sich erst dann eine Notiz.
Sie holte eine schmale graue Mappe aus dem Regal und erklärte, ihr damaliges Forschungsprojekt habe ausgewählte Unterlagen und freigegebene Auszüge zu dem Fall auswerten dürfen. Drei Arbeitskopien legte sie vor Leonhard hin, wobei sie mit dem Ärmel einen Kaffeering auf der Tischplatte verwischte, ehe das letzte Blatt dort lag. „Mehr als diese Auszüge habe ich hier nicht. Für den Anfang müssten sie reichen, und die übrigen Fragen bleiben uns ohnehin.“
Die erste Zusammenfassung betraf Rosas Verschwinden. Man hatte persönliche Gegenstände und Blutspuren an einem Waldweg gefunden, aber weder den weiteren Weg der Vermissten noch die Herkunft sämtlicher Spuren klären können. Leonhard suchte nach einer Angabe zur Blutmenge und fragte Anna danach. „Hier steht nichts Genaueres“, sagte sie und beugte sich über das Blatt, während er mit dem Finger bei einer Zeile blieb, unter der schon die nächste Feststellung begann.
Als Leonhard fragte, ob auch sein eigenes Blut darunter gewesen sein könne, hielt Anna das dritte Blatt mit einer Hand auf dem Tisch fest. „Sie wissen also von Ihrer Verletzung. Wann ist Ihnen die wieder eingefallen?“ Er erzählte von einem Schmerz in der linken Flanke und seiner Hand auf dem durchtränkten Hemd, ließ Rosa auf dem Friedhof aber erneut aus. Anna wartete nach dem Ende seiner Antwort so lange, dass er beinahe weitergesprochen hätte; dann notierte sie etwas neben dem heutigen Datum.
Das zweite Blatt enthielt einen Auszug aus seiner Befragung vom 29. August 1995. Leonhard erkannte seine damalige Adresse und die Unterschrift, die unter einer Darstellung stand, an die er sich nicht erinnern konnte. Er hatte eine nähere Beziehung zu Rosa bestritten und zunächst behauptet, in den entscheidenden Tagen allein kartiert zu haben. Beim Lesen schämte er sich für den jungen Mann, dessen Schrift so vertraut war, obwohl er noch nicht wusste, ob dieser gelogen oder tatsächlich nichts mehr gewusst hatte.
In einer späteren Befragung hatte er die gemeinsame Wanderung eingeräumt und Arnolzheim genannt. Leonhard legte den Finger auf den Ortsnamen, während Anna das Blatt ein Stück zu ihm drehte. „Sie haben ihnen einen Weg beschrieben, den sie nicht fanden. Bei der nächsten Befragung wollten Sie sich im Namen geirrt haben.“ Leonhard las auch diesen Absatz, bevor er weiterblätterte; seine Unterschrift darunter unterschied sich kaum von der ersten.
„Welche dieser Aussagen haben sie Ihnen denn geglaubt?“, fragte Leonhard, obwohl Anna damals bei keiner Befragung dabei gewesen war. Sie nahm die Brille ab und legte sie neben die Kopien. „Ich weiß es nicht, und ich werde jetzt auch nicht diejenige aussuchen, mit der Sie am besten weiterleben könnten.“ Er zog das Blatt wieder zu sich, ohne sie anzusehen, und musste die Zeile mit Arnolzheim ein zweites Mal lesen.
Der dritte Auszug bezog sich auf seine medizinische Behandlung. Am Morgen des 28. August war Leonhard bei seiner damaligen Unterkunft aufgetaucht und wegen einer Schussverletzung an der linken Flanke ins Krankenhaus gebracht worden. Die Zusammenfassung vom 29. August erwähnte Blutverlust, Erschöpfung und seine lückenhaften Angaben zum Geschehen. Er suchte auch auf der Rückseite nach einer Fortsetzung, doch Anna hatte nur dieses Blatt.
Die Narbe an seiner Seite hatte Leonhard nie vergessen, nur den Anlass hatte er im Laufe der Jahre zu einem Geländeunfall werden lassen. Er erinnerte sich an Verbände und an Schmerzen beim Aufrichten, ohne diese Bilder noch mit einer Waffe zu verbinden. Jetzt lag vor ihm die Beschreibung einer Verletzung, die sein Körper behalten hatte, während sein Gedächtnis ihr eine andere Geschichte gab.
Leonhard betrachtete die beiden Daten, die nicht zu einem einzelnen Heimweg zusammenfanden. Maria hatte von seiner Rückkehr am Abend des 26. August gesprochen, während die normale Welt ihn erst am Morgen des 28. wiederbekommen hatte. Er sagte lediglich, dass ihm zwischen dem Schuss und der Unterkunft weiterhin Zeit fehle. Anna schob ihm das Glas Wasser hin und wartete, bis er von den Blättern aufsah.
„Sie hätten damals nicht bloß sagen müssen, wo Sie unterwegs waren“, sagte Anna. „Die Ermittler wollten wissen, was zwischen Ihnen und Rosa war. Sie haben zuerst so getan, als hätte es beinahe nichts gegeben.“ Leonhard fragte, ob sie ihn für einen Mörder gehalten hätten, worauf Anna den medizinischen Bericht wieder neben die Befragung legte. „Lesen Sie Ihre erste Antwort noch einmal. Ich verstehe, weshalb sie Ihnen nicht einfach geglaubt haben.“
Er wollte wissen, was aus Maria geworden war, und bemerkte an Annas Gesicht, dass er eine Frage gestellt hatte, deren Antwort sie ihm bisher erspart hatte. Sie erklärte, auch Rosas Zwillingsschwester gelte seit dem 28. August 1995 als vermisst; einen gesicherten späteren Kontakt habe man nicht dokumentiert. Der jüngere Bruder Karel dagegen lebe nach ihren damaligen Recherchen in Brünn. Leonhard stand auf und ging zum Fenster, weil er die Frau mit den grauen Strähnen in der Mühle nicht mit einem Verschwinden vor einunddreißig Jahren zusammenbringen konnte.
Anna ließ ihn eine Weile hinaussehen, ehe sie weiterfragte. „Sie reagieren nicht wie jemand, der nur wissen wollte, wohin eine frühere Freundin gezogen ist.“ Leonhard hielt die Hand am Fensterrahmen und gab zu, dass er ihr einen wesentlichen Teil der Geschichte verschweige. „Ich weiß noch nicht, wie ich ihn erzählen soll, ohne dass Sie alles andere ebenfalls für Unsinn halten.“ Anna antwortete, sie werde ihm nicht versprechen, jede Erklärung zu glauben, und nahm es ihm immerhin ab, dass diese Sorge ernst gemeint war.
Anna suchte nach einem aktuellen Kontakt für Karel und verglich einen Eintrag im Vereinsverzeichnis mit ihren älteren Angaben. Neben einer Nummer setzte sie ein Fragezeichen, während Leonhard versuchte, auf dem Bildschirm etwas von Rosas Bruder wiederzuerkennen. Er wollte nach Brünn fahren und fragte, ob Anna ihn begleiten würde. Sie ließ die Hand auf der Maus liegen und sah ihn über den Rand ihrer Brille an.
„Ich kann fragen, ob er uns empfängt“, sagte Anna. „Aber ich komme nicht mit, um ihm zu erklären, weshalb er Ihnen glauben soll.“ Leonhard erwiderte, er brauche gerade jemanden, der ihm nicht alles abnehme, und sah, dass sie ihm auch diesen Satz nicht ohne Weiteres glaubte. Sie schrieb die Nummer ab und legte den Stift quer darüber. „Bevor ich mit Ihnen in den Wald gehe, erzählen Sie mir den Rest.“
Bevor Leonhard ging, fragte er noch nach der Waffe. Anna fand in ihren Auszügen keinen Hinweis auf eine sichergestellte Pistole und wollte wissen, ob er an einen Besitzer denke. „Ich glaube, Rosa hatte sie bei sich“, antwortete er, fügte aber hinzu, dass er sich an die Waffe selbst noch nicht erinnern könne. Anna schrieb den Namen nicht dazu, sondern fragte, ob er auch dies mit Karel besprechen wolle.
Sie erinnerte ihn an Karels Aussage, Maria habe von den gemeinsamen Plänen nichts gewusst. Leonhard berief sich auf die offene Tür der Mühle und darauf, dass Maria ihn mit Rosa gesehen hatte, doch Anna schüttelte den Kopf. „Dass sie euch gesehen hat, sagt noch nicht, was Karel davon wusste. Ich möchte hören, was Maria ihm selbst gesagt hat.“ Leonhard ließ die Kopie liegen, statt den Satz ein zweites Mal zu verteidigen.
Vor dem Haus blieb Leonhard im hellen Tageslicht stehen, bis er das Telefon aus der Tasche genommen hatte. Er rief Heller an, kündigte die Fahrt nach Brünn an und bat ihn, die drei Querungen vorläufig offen zu lassen. Heller wollte wissen, wann er mit einem neuen Termin rechnen könne; Leonhard nannte diesmal keinen und sagte ihm stattdessen, dass Anna mitfahren würde. Erst danach ging er zum Wagen.