Auf der Treppe knarrte jene Stufe, deren Eigenart Leonhard schon beim ersten Anblick der Mühle wieder eingefallen war. Maria löschte die Lampe und zog ihn vom Kücheneingang zurück, sodass er den unteren Teil der Treppe nicht mehr sehen konnte. Im schwachen Licht des Fensters hielt sie den Kopf leicht geneigt und lauschte auf das nächste Geräusch.
„Vielleicht ist Josef zurückgekommen und hat uns nicht gehört“, flüsterte Leonhard, während er sich an Maria vorbei wieder zum Türrahmen beugen wollte. Sie schob ihn mit dem Unterarm zurück und deutete auf den schweren Riegel, den sie vor die Haustür gelegt hatte. Dann wandte sie den Kopf wieder der Treppe zu, auf der das Holz erneut nachgab.
„Maria, ich möchte mit dir reden“, rief eine Frauenstimme von der Treppe, deren vertrauter Klang Leonhard augenblicklich verstummen ließ. Er dachte an Rosa auf dem Friedhof und an die kalte Haut ihres Armes, während Maria die Finger fester um seinen Unterarm schloss. „Sie ist nicht an uns vorbeigegangen, Leonhard, und Rosa steigt nicht durchs Dach in mein Haus.“ Noch während sie sprach, knarrte über ihnen wieder Holz, als käme jemand auf dem Absatz zum Stehen.
Die Stimme bat nun Leonhard selbst, in den Flur zu kommen, und legte in seinen Namen dieselbe Ungeduld, die er am Apfelbaum gehört hatte. Er musste sich zwingen, stehen zu bleiben, obwohl ihn nichts anderes dazu veranlasste als Marias Hand. „Wenn du mit mir sprechen willst, bleib dort, wo ich dich sehen kann“, sagte er schließlich zum leeren Türrahmen. Die Antwort blieb so lange aus, dass Leonhard bereits glaubte, etwas verscheucht zu haben.
Nach dem nächsten Schritt hörte Leonhard seine eigene Stimme aus dem Flur, mit jener leichten hessischen Färbung, die ihm trotz der langen Jahre in Wien geblieben war. Maria tastete an seinem Unterarm entlang, bis sie seine Finger fand und fest umschloss. Er wollte ihr sagen, dass er neben ihr stand, doch aus dem Dunkel kam bereits der nächste Satz.
„Du musst mich nicht ansehen, Maria, du weißt doch, wer vor deiner Tür steht.“ Leonhard öffnete den Mund, um den vertrauten Klang zu übertönen, doch Maria drückte seine Finger so fest zusammen, dass er zu ihr sah. Vom Fenster fiel Licht auf die Wand im Flur, ohne dass zwischen Türpfosten und Treppe ein Schatten erkennbar wurde.
„Du hast mich damals auch hereingelassen, und ich habe mich nicht verändert.“ Die Stimme klang nun leiser, beinahe geduldig, während Maria scharf Luft holte und Leonhard rückwärts zum Tisch zog. Er fragte sie, was mit damals gemeint sei, doch sie legte ihm die Hand auf den Mund, als könne schon seine Frage etwas hereinbitten. Von der Schwelle kam ein letztes, kaum hörbares Flüstern: „Diesmal solltest du es nicht wieder tun.“
Maria schob Leonhard zur Hintertür und drückte den Rucksack gegen seine Brust, damit er nicht noch einmal zum Tisch zurückmusste. Draußen war es ebenso dunkel wie im Flur, doch der schmale Weg am Bach blieb vom Küchenfenster aus ein Stück weit erkennbar. „Wir gehen gemeinsam zum Hirschen und bleiben beieinander, auch wenn uns jemand ruft“, sagte sie, während sie die Tür öffnete. Leonhard wusste, dass sie damit ihre eigene Warnung vor der Nacht missachtete, sah aber ebenso wenig eine Möglichkeit, noch länger auf das zu warten, was in der Mühle stand.
Sie gingen über die schmalen Steinstufen zum Bach und folgten dem Wasser bis zum Dorfweg. Leonhard blickte mehrfach zurück, doch in der Mühle bewegte sich nichts, und gerade diese Ruhe ließ ihn die Hand am Rucksackriemen so fest schließen, dass die Finger schmerzten. Maria erklärte auf seine Frage, solche Stimmen habe es seit seiner Rückkehr im Sommer 1995 gegeben. „Ich sage dir nicht, dass hier draußen nichts passieren kann“, fügte sie hinzu. „Aber das dort drinnen wartet auf deine Antwort, und die soll es heute nicht bekommen.“
Das Gasthaus Zum Hirschen lag nahe dem Dorfplatz. Über der Eingangstür hing ein dunkles Metallschild mit der Silhouette eines Hirsches, während durch die kleinen Fenster warmes Licht auf den nassen Weg fiel. Maria führte Leonhard hinein, wo ein kräftiger Mann mit grauem Bart hinter dem Tresen stand und Gläser abtrocknete. Als er Leonhard erkannte, zeigte er keine Überraschung.
Der Wirt stellte ein Glas ab und begrüßte Leonhard, als habe er ihn nach längerer Abwesenheit erwartet. Er hieß Anton, trug einen grauen Bart und hielt beim Händedruck einen Augenblick länger fest, als Leonhard angenehm war. „Dein Zimmer steht oben noch frei, falls du heute nicht mehr zur Mühle zurückwillst“, sagte er mit einem Blick auf Maria. Leonhard erwiderte, dass er bislang nicht gewusst habe, überhaupt ein Zimmer in diesem Gasthaus zu besitzen, und Anton ließ seine Hand los, ohne darüber zu lächeln.
Maria bat Anton, Leonhard etwas Warmes zu essen zu geben, und wandte sich anschließend wieder der Tür zu. Leonhard stellte sich ihr in den Weg; er wollte nicht, dass sie allein zu dem zurückging, was eben noch auf der Treppe gestanden hatte. „Ich weiß, wo ich mich in meinem Haus einschließen kann“, sagte sie, wobei sie den Blick an ihm vorbei auf die Gasse richtete. „Du kennst dort nicht einmal alle Türen.“ Sie schob sich an ihm vorbei und ging, bevor er wusste, ob er sie festhalten oder ihr folgen sollte; Anton trat neben ihn ans Fenster, und beide sahen ihr nach.
Leonhard setzte sich an den Tresen und nahm das Bier, das Anton ihm hinstellte. Erst nach einigen Schlucken erzählte er vom Friedhof, von Rosa und jener gesichtslosen Gestalt, die ihm bis zur Mühle gefolgt war. Anton hörte aufmerksam zu. Erst als Leonhard die Schritte im Obergeschoss und seine eigene Stimme erwähnte, veränderte sich sein Gesicht.
„Dann hat es dich erkannt“, sagte Anton, als Leonhard von der eigenen Stimme auf der Treppe berichtete. Der Wirt blickte zu den beiden Männern, die am hinteren Tisch Karten spielten und ihre Hände seit einer Weile nicht mehr bewegt hatten. „Manchmal wiederholt das Tal Dinge, die hier geschehen sind; nur weiß niemand, ob es bei einer Wiederholung bleibt. Ich habe Schritte gehört, denen ich hätte einen Namen geben können, und war am nächsten Morgen froh, dass ich sitzen geblieben bin.“ Leonhard fragte, ob Anton glaube, dass dies heute ebenfalls geschehen sei, doch der Wirt erklärte, gerade diese Sicherheit könne er ihm nicht anbieten.
Leonhard erzählte noch einmal, was die Stimme zu Maria gesagt hatte, und bemerkte erst jetzt, dass Anton dem Wort hereingelassen auswich. Der Wirt schob ihm einen Teller hin und wartete, bis er wenigstens das Brot genommen hatte. „Du kannst morgen nachfragen, aber heute bist du so müde, dass du jede Erklärung nehmen würdest, solange sie dir den Weg ins Bett erlaubt.“ Leonhard wollte widersprechen und brachte stattdessen nur einen Husten hervor; die Wärme des Schankraums machte ihm deutlich, wie lange er in nasser Kleidung unterwegs gewesen war.
Anton gab ihm einen Schlüssel und erklärte, das Zimmer liege im ersten Stock, gegenüber dem kleinen Fenster im Flur. „Schließ hinter dir ab und lass heute niemanden herein, selbst wenn du glaubst, einen guten Grund dafür zu hören.“ Als Leonhard fragte, wie er eine vertraute Stimme von ihrem Besitzer unterscheiden solle, strich Anton mit dem Tuch über den Tresen. „Wenn ich das wüsste, würde ich dir nicht raten, bis zum Morgen zu warten.“
Das Zimmer war klein, aber sauber. Ein Bett stand an der Wand, daneben ein Nachttisch, ein Stuhl und eine Waschschüssel. Das Fenster ging auf den Dorfplatz hinaus. Leonhard legte Feldbuch, Handy und GPS-Gerät auf den Tisch und stellte fest, dass beide elektronischen Geräte nicht mehr funktionierten. Er wechselte beim GPS sogar die Batterien, doch das Display blieb dunkel.
Leonhard legte seine Jacke über den Stuhl und schlug das Feldbuch auf einer freien Seite auf. Unter dem Datum, dem 21. September 2026, schrieb er die Namen der beiden Schwestern und versuchte, ihre Worte in der Reihenfolge festzuhalten, in der er sie gehört hatte. Bei Rosas Satz über das Blut stockte er; darunter stand schon die linke Flanke, obwohl er nicht mehr wusste, ob sie die Stelle genannt oder er selbst dort den Schmerz gespürt hatte. Er setzte ein Fragezeichen und blätterte zu den ausgefransten Kanten zurück.
Drei Blätter fehlten, mit unterschiedlich breiten Resten dicht an der Bindung. Leonhard strich darüber und prüfte, ob sich auf der folgenden Seite der Abdruck einer Schrift erkennen ließ. Außer den alten Messwerten fand er nichts; er legte den Bleistift zwischen die Seiten und ließ das Buch offen liegen.
Die Kerben am Wegpfosten ließen ihm keine Ruhe. Jemand hatte sich dort mit einem Messer Zeit genommen, um festzuhalten, dass er schon einmal hier gewesen war; Leonhard erinnerte sich an die eigene Hand, aber nicht an den Anlass. Er hatte damals offenbar befürchtet, etwas zu verlieren, und konnte heute nicht einmal mehr beurteilen, ob die Warnung an ihn selbst gerichtet gewesen war. Während er über diese Möglichkeit nachdachte, klopfte es langsam an der Zimmertür.
Leonhard blieb sitzen und wartete, bis die Schläge sich wiederholten. Erst danach kam Marias Stimme aus dem Flur, müde und mit jener leisen Ungeduld, die er aus der Küche kannte. „Mach bitte auf, Leonhard, ich möchte nicht vor deiner Tür stehen, während du über mich schreibst.“ Er blickte auf das offene Feldbuch und begriff, dass von draußen niemand hatte sehen können, was auf dem Tisch lag.
„Wir können durch die Tür reden, und morgen können wir uns wieder ansehen“, antwortete er, obwohl seine Stimme weniger fest klang als beabsichtigt. Im Flur blieb es still, bis Maria leise sagte, er habe sich damals ebenfalls hinter dieser Tür versteckt. Leonhard trat näher und legte die Hand auf das Holz, ohne den Riegel zu berühren. Er kannte keine Erinnerung, die zu ihrer Behauptung passte, spürte aber, wie dringend er nach einer suchte.
Von draußen kam ein Schluchzen, und Leonhard bemerkte, wie seine Hand bereits am Riegel lag. Er wollte nicht entscheiden müssen, ob Maria dort wirklich weinte, während er sich in einem warmen Zimmer verbarg. „Sag mir etwas, das ich dich heute noch nicht gefragt habe“, bat er schließlich. Die Antwort kam von der anderen Seite des Zimmers, unmittelbar hinter der Fensterscheibe: „Du fragst immer erst, wenn du längst weißt, was du getan hast.“
Er wandte sich dem Fenster zu, hinter dem nur der dunkle Dorfplatz lag, während drei langsame Schläge die Scheibe zittern ließen. Nun hörte er Rosa, die ihn bat, nicht noch einmal wegzugehen, und machte einen Schritt auf das Glas zu. Zugleich schluchzte es hinter der Tür, sodass er zwischen beiden stehen blieb und nach dem Stuhl tastete, ohne den Blick von der Scheibe zu lösen.
Hinter der Tür sprach seine eigene Stimme, ruhig genug, dass Leonhard zunächst nur auf den Klang hörte. „Lass sie nicht herein, solange du nicht weißt, wer mit ihnen kommt.“ Er fragte, wer dort stehe, und bemerkte, dass seine Hand wieder auf dem Riegel lag, als die Antwort kam: „Ich bin der Mann, der zurückkam.“ Langsam nahm er die Finger vom Metall und hielt sie mit der anderen Hand fest.
Noch bevor Leonhard nach dem 26. August fragen konnte, begann die Stimme seine Frage zu stellen. Sie benutzte dieselben Worte und dieselbe kleine Pause, sodass er den Mund wieder schloss, ohne zu sprechen. Über ihm bewegte sich etwas im Gebälk, zunächst langsam, dann in schweren Schritten, zwischen denen aus einer anderen Ecke das Trippeln kleiner Füße kam. Staub rieselte auf das Feldbuch, und Leonhard klappte es zu, zog es vom Tisch und wich damit bis an das Bett zurück.
Marias Stimme rief vom Fenster seinen Namen, Rosa sprach nun vom Flur, und dazwischen hörte Leonhard immer wieder seine eigene Stimme, die ihm etwas zurief, das er im Durcheinander nicht mehr verstand. Die Geräusche wurden nicht lauter, aber dichter, bis er nicht mehr erkennen konnte, welche Richtung überhaupt noch sinnvoll war. Leonhard setzte sich auf die Bettkante und presste die Hände gegen die Ohren. Gerade als er glaubte, das Getöse müsse noch weiter anschwellen, endete alles gleichzeitig.
Nachdem die Geräusche gleichzeitig abgebrochen waren, saß Leonhard noch lange auf der Bettkante und hielt das Feldbuch gegen seine Knie. Er wartete auf ein weiteres Klopfen und wagte kaum, den Kopf zum Fenster zu drehen, weil er dort endlich das Gesicht zu einer der Stimmen sehen könnte. Irgendwann legte er das Buch neben den Rucksack und zog die Decke über sich, ohne sich weiter auszuziehen. Er wollte wach bleiben, bis aus dem Flur gewöhnliche Schritte kamen, verlor jedoch irgendwann das Gefühl dafür, wie lange er schon auf dieselbe Tür sah.
Als Leonhard erwachte, fiel kaltes Morgenlicht durch die leere Fensteröffnung auf das Bettgestell. Über ihm lagen freiliegende Balken, zwischen denen der Putz abgefallen war, und am umgestürzten Tisch klebten die Reste einer Tapete, die seit Jahren feucht sein musste. Er blieb zunächst liegen und versuchte, die Gegenstände in ihre nächtliche Ordnung zurückzudenken. Erst als ein Tropfen vom Dach auf seine Hand fiel, stand er auf und sammelte Feldbuch, Handy und GPS ein, die zwischen seinem Rucksack und dem Bett lagen.
Vom Gasthaus Zum Hirschen war kaum mehr als eine Ruine übrig. Teile der Treppe waren eingestürzt, und vom Schankraum im Erdgeschoss standen nur noch zwei Mauern. Über Schutt gelangte Leonhard hinaus. Althütten war verschwunden. Wo in der Nacht Häuser, Gärten und Stallungen gestanden hatten, lagen wieder überwachsene Fundamente zwischen Gras und jungen Bäumen. Kein Rauch stieg aus einem Schornstein, kein Mensch ging über die Wege, und vom Dorfplatz war nur eine unregelmäßige Lichtung geblieben.
Draußen ließ sich das Handy wieder einschalten und zeigte den Morgen des 22. September 2026. Leonhard ging zu den Fundamenten der Mühle, an denen der Bach genauso vorbeifloss wie in der Nacht, und suchte nach der Steintreppe, über die Maria ihn hinausgeführt hatte. Einige Stufen waren unter Moos erkennbar, doch der obere Teil endete im Gestrüpp. Er rief ihren Namen und wartete, bis ihm die eigene Stimme zwischen den Mauerresten so unangebracht erschien, dass er wieder verstummte.
Auf dem Rückweg kam Leonhard am Friedhof vorbei. Das frische Grab lag noch immer am hinteren Rand, doch er ging diesmal nicht näher heran. Noch weniger wollte er wissen, ob die Geräusche unter der Erde wieder zu hören waren. Der Wegweiser nach Arnolzheim war verschwunden. Nur der nackte Pfosten stand zwischen den Bäumen, auch die eingeritzte Warnung existierte nicht mehr.
Erst im Wagen nahm Leonhard das GPS aus dem Rucksack, um den gestrigen Weg mit seiner Erinnerung zu vergleichen. Das Display leuchtete wieder, und neben der aufgezeichneten Strecke vom Parkplatz stand eine zweite Datei, die er nicht angelegt hatte. Sie war mit dem 26. August 1995 datiert und zeigte einen Weg vom Friedhof nach Norden, in einen Bereich, in dem seine Karte nur Wald verzeichnete. Am Ende dieser Linie befand sich ein Punkt mit dem Namen Arnolzheim.
Eine weitere Spur führte in entgegengesetzter Richtung zur Mühle zurück und trug ebenfalls das Datum des 26. August. Die Linien überlagerten sich an manchen Stellen, an anderen brachen sie ab, sodass weder ein genauer Zeitpunkt noch eine verlässliche Dauer daraus abzulesen war. Leonhard prüfte die Angaben mehrfach, ohne den Bildschirm zu verstehen. Sein Gerät bewahrte offenbar Wege auf, die er lange vor dessen Herstellung gegangen sein sollte, doch es sagte ihm nicht, wer damals neben ihm gewesen war.
Leonhard schaltete das Gerät aus und legte es auf den Beifahrersitz. Die beiden Wege verliefen durch dieselben Waldstücke, ohne irgendwo zu erklären, weshalb nur einer von ihnen zurückführte. Er schob die Karte darüber und nahm das Telefon zur Hand; bevor er noch einmal dorthin ging, wollte er mit jemandem sprechen, der Rosa außerhalb dieses Tales gekannt hatte.
Auf dem Telefon war wieder Empfang, und unter den gewöhnlichen Nachrichten stand Hellers Erinnerung an ihr Treffen. Leonhard schloss sie, ohne zu antworten, und suchte zwischen den Bildern nach Rosas Gesicht, das er am Fenster nicht fotografiert hatte. Erst nach einer Weile steckte er das Telefon ein und drehte den Zündschlüssel.