Aus Annas Zimmer waren in dieser Nacht noch lange leise Bewegungen zu hören. Einmal ging sie über den Flur und kam zurück, ohne bei Leonhard anzuklopfen. Er lag unter der schweren Decke und lauschte auf den Bach hinter dem Haus, bis er das Geräusch nicht mehr von dem Wasser in seiner Wiener Wohnung unterscheiden konnte; erst beim Umdrehen erinnerte ihn der Geruch der Matratze daran, wo er war.
Am Morgen saß Anna bereits in der Küche und schrieb mit einem Bleistift, dessen Spitze sie über einer Untertasse nachgeschärft hatte. An ihrem Handballen war die Haut aufgerieben, wo sie beim verschwundenen Grabstein ins Leere gegriffen hatte. Maria schnitt Brot und vermied es, Anna nach der Hand zu fragen, während Josef am Fenster stand und den angeschwollenen Bach betrachtete. Der Regen fiel gleichmäßig auf den Hof, auf dem sich das Wasser in flachen Rinnen sammelte.
Anna legte den Stift hin, als Josef sich umdrehte. Sie erkannte ihn ohne Leonhards Hilfe und sah dennoch kurz zu ihm, als brauche sie eine Bestätigung, bevor sie den Mann ansprach. „Auf Ihrem Grabstein steht 1946 als Todesjahr, und ich habe das Bild gestern selbst fotografiert“, sagte sie. „Ich weiß nicht, wie man unter diesen Umständen höflich fragt, aber erinnern Sie sich daran, gestorben zu sein?“ Josef betrachtete sie mit einem Ernst, der keine Gelegenheit zu einem Scherz ließ.
„Ich erinnere mich daran, dass meine Frau nicht mehr antwortete, als ich sie rief“, sagte Josef nach einer Weile. „Ob das der Augenblick war, den Sie meinen, kann ich Ihnen nicht sagen.“ Er zog einen Stuhl heran und blieb noch dahinter stehen, während Anna ihren Bleistift wieder aufnahm. Als sie weiterfragen wollte, setzte er sich endlich und schob den Brotkorb zu Leonhard herüber.
Maria stellte Kaffee auf den Tisch, und Leonhard setzte sich neben Anna. Sie betrachtete Josefs Hände, die sich um den Becher schlossen, bevor sie zu Maria aufsah und nach dem Weg nach Arnolzheim fragte. Maria setzte den Krug so vorsichtig ab, dass Leonhard zunächst glaubte, sie habe sich verbrannt; dann nahm sie ihn wieder und stellte ihn außerhalb von Annas Reichweite.
„Gestern bist du noch mit dem Blut an der Hand hier hereingekommen“, sagte Maria zu Anna. „Und du möchtest heute mit ihm hinter Arnolzheim in den Wald gehen, wo euch niemand mehr hört?“ Leonhard antwortete, dass er den Weg nun gesehen haben müsse, ehe sich alles wieder entzog. Maria wandte sich ihm zu. „Du sagst immer, du müsstest etwas tun. Damals hast du auch gesagt, dass du unbedingt gehen müsstest.“
Anna zog die verletzte Hand vom Tisch und schob den Stuhl zurück. „Ich komme mit ihm“, sagte sie, und Maria antwortete zunächst nichts. „Ich würde lieber umkehren, das dürfen Sie mir glauben. Aber wenn ich heute nur nach Hause fahre, sitze ich morgen wieder vor denselben drei Blättern und überlege, was ich hier nicht gefragt habe.“ Sie suchte den Reißverschluss ihres Rucksacks, den sie mit der schmerzenden Hand nur langsam schließen konnte.
Maria wandte sich Leonhard zu und fragte, was er tun werde, wenn ihm das wiederkehrende Bild nicht gefalle. Er sah auf seine Hände, mit denen er die vergangenen Jahre gearbeitet hatte, ohne sich an einen der Menschen in dieser Küche zu erinnern. „Dann werde ich nicht behaupten, dass es ein anderer gewesen sein muss, nur weil ich heute älter bin.“ Der Satz kam ihm schwerer über die Lippen, als er erwartet hatte, und Maria blickte für einen Augenblick weg.
Josef sagte, er habe am frühen Morgen den Pfad hinter dem Friedhof erkennen können. Maria hörte zu und sah schließlich zu Leonhard, der auf ihre Antwort wartete. „Ich bringe euch bis an den zweiten Bach“, sagte sie. „Dort werde ich zurückbleiben, aber ihr geht nicht weiter, ohne euch den Übergang genau anzusehen.“ Sie stand auf und holte ihren Mantel, während Josef den Krug vom Tisch nahm.
Sie gingen kurz darauf durch das Dorf, dessen Bewohner trotz des Regens ihrer Arbeit nachgingen. Ein Mann richtete die verkeilte Klappe eines Schuppens, eine Frau leerte einen Eimer neben der Mühle, und auf der Wiese unterhalb der Häuser standen Kühe mit dunklen Flanken. Leonhard hätte diese gewöhnlichen Tätigkeiten beinahe beruhigend gefunden, wäre ihm nicht aufgefallen, wie selten jemand zu den drei Wanderern hinübersah. Maria grüßte einige Menschen, bekam ein Nicken zurück und ging weiter, als wolle sie keine Gelegenheit zu einem Gespräch geben.
Hinter dem Friedhof lag der schmale Pfad wieder offen. Am Waldrand erreichten sie den alten Pfosten, an dem das Schild nach Arnolzheim im Regen hing, und Anna blieb davor stehen, ohne ihre Kamera hervorzuholen. Sie beschrieb die Schrift stattdessen in ihrem Notizbuch und notierte auch, dass die Entfernung noch immer mit drei Kilometern angegeben war. Leonhard zeigte ihr die Kerben darunter, an denen er sich an seine eigene Hand mit dem Messer erinnert hatte.
„Kannst du dich daran erinnern, wann ich das hineingeschnitten habe?“, fragte er Maria. Sie betrachtete die Buchstaben länger als nötig und erklärte schließlich, sie sei dabei gewesen, aber nicht an dem Morgen, an dem er mit Rosa ging. „Du hattest Angst, wieder zu vergessen, wo du gewesen warst“, sagte sie. „Was du damit festhalten wolltest, hast du mir damals nicht mehr erklären können.“ Leonhard nahm die Hand vom Holz und ließ den Satz stehen, weil die wenigen erhaltenen Worte gerade genug waren, um seinen eigenen Gedächtnislücken nicht länger ohne Widerstand zu glauben.
Der Bach hinter der nächsten Biegung war über sein gewöhnliches Bett getreten. Zwischen den braunen Strömungen lagen flache Granitplatten, die Maria einzeln prüfte, ehe sie die beiden nachkommen ließ. Anna nahm die Schuhe nicht ab, sondern setzte die Füße vorsichtig auf die Steine, weil das Wasser schneller lief, als es von oben aussah. Leonhard blieb einen Augenblick am diesseitigen Ufer stehen und bemerkte, dass der Weg auf der anderen Seite bereits deutlicher zu sehen war, seit Maria dort wartete.
Als er hinüberging, veränderte sich zuerst der Klang des Regens. Das Rauschen hinter ihm schien an Abstand zu gewinnen, obwohl er sich nur wenige Schritte vom Wasser entfernte, und der Wald wurde heller, ohne dass die Wolken aufrissen. Anna sah ebenfalls zurück und notierte, an welcher Stelle die Geräusche anders geworden waren. „Die Bäume stehen noch da, aber sie wirken, als gehörten sie nicht mehr alle zu demselben Wald“, sagte sie, während Maria die beiden bat, auf dem erkennbaren Pfad zu bleiben.
Zwei alte Fahrspuren verliefen durch das Gras, und am Rand standen niedrige Steine mit eingeschlagenen Zeichen. Leonhard las auf dem ersten ein A und die Zahl eins; weiter vorn ragte der helle Ast einer gegabelten Buche quer über den Weg. Er zeigte Anna den Baum und wartete, bis sie ihn auf ihrer Skizze eingetragen hatte, ehe sie Maria folgten.
An der nächsten Steigung griff sich Leonhard unwillkürlich an die Schulter, als spüre er dort wieder den Druck des Rucksackriemens aus jenem Sommer. Er erinnerte sich daran, wie Rosa sich über eine nasse Karte gebeugt und die aneinanderklebenden Falten vorsichtig mit dem Fingernagel gelöst hatte. Als Maria bemerkte, dass er zurückblieb, erzählte er ihr von der Erinnerung, und sie verlangsamte ihren Schritt, während sie ihm zuhörte.
Nach einer weiteren Wegbiegung endete der Wald an einem Hang, unter dem Arnolzheim lag. Etwa zwei Dutzend Häuser standen um eine kleine Kirche, deren Turm kaum über die oberen Dächer hinausragte. Einige Fassaden waren frisch verputzt, andere hatten vernagelte Fenster, und aus einem Schornstein stieg Rauch, obwohl das Dach darunter an mehreren Stellen eingefallen wirkte. Anna blieb neben Leonhard stehen und betrachtete die Straße, auf der ein altes Fahrrad gegen eine Mauer lehnte.
Anna blieb vor einem Haus mit vernagelten Fenstern stehen und zeigte auf den Rauch, der aus seinem Schornstein kam. Maria ging an ihr vorbei und sagte nur, hier solle sie nicht versuchen, nach einem bestimmten Jahr zu fragen. Aus dem Haus war das Klappern von Geschirr zu hören, doch zwischen den Brettern lag kein Licht, und Anna schloss zu den anderen auf.
Sie betraten eine schmale Gasse, in der das Wasser an den Hauswänden hinunterlief. Vor einer Werkstatt unterbrachen zwei Männer ihr Gespräch, sobald sie Maria sahen; der eine trat zurück ins Haus, während der andere stehen blieb und Leonhard musterte. Leonhard drehte sich nach der nächsten Ecke noch einmal um, konnte den Eingang von dort aber nicht mehr sehen.
An der Kirche las sie über dem Portal eine verwitterte Jahreszahl und den Namen Arnolzheim. Sie hielt die Buchstaben in einer Skizze fest, während Leonhard unter dem Vordach wartete und dem Tropfen aus der Rinne zuhörte. Dann bemerkte er zwei Menschen am Anfang der Gasse, deren Bewegung ihm vertrauter vorkam als ihre zunächst undeutlichen Gesichter. Der Mann trug einen Rucksack und ein kariertes Hemd, die Frau hatte einen Geologenhammer über die Schulter gelegt.
Anna hob ebenfalls den Kopf, und Maria bat beide, zur Seite zu treten. Der junge Mann kam näher, ohne sie wahrzunehmen, während die Frau neben ihm mit der freien Hand nach seiner Karte griff. Leonhard erkannte sich selbst im Alter von fünfundzwanzig Jahren und wusste zugleich, dass Rosa gleich etwas sagen würde. Seine eigene Erinnerung setzte einen Augenblick früher ein als die Bewegung ihres Mundes, sodass er nicht entscheiden konnte, ob er die Worte tatsächlich hörte.
„Du wirst die Wohnung genauso ausmessen, oder?“, fragte Rosa und hielt ihm die gefaltete Karte hin, nach der er vergeblich griff. „Dein Schreibtisch kommt ans Fenster, das haben wir ausgemacht. Ich will beim Lesen nicht immer eine Lampe brauchen.“ Der junge Leonhard lachte und meinte, sie solle dann wenigstens die Blumen dort wegräumen, worauf Rosa ihm das Blatt zurückgab. „Blumen habe ich noch gar keine, du denkst an die bei Maria auf dem Fensterbrett.“
Die beiden gingen an ihnen vorbei, ohne auszuweichen. Anna blieb dicht an der Hauswand und fragte Leonhard, weshalb er gelächelt habe. Als er Rosas Bemerkung wiederholte, schüttelte sie den Kopf. „Ich habe gesehen, wie sie Ihnen die Karte gegeben hat, aber gehört habe ich nur den Regen.“ Leonhard sah den Gestalten nach; die Stimmen waren für ihn noch immer deutlicher als das Wasser, das unmittelbar neben ihm vom Dach tropfte.
Maria ließ sie vorangehen und folgte ihnen erst, als die Gestalten am Ende der Gasse undeutlicher wurden. Leonhard roch für einen Augenblick Rosas Haar und musste den Kopf wenden, obwohl die Frau neben ihm Anna war. Die Erinnerung brach ab; vor ihm lag wieder die Gasse, und Rosa ging mit dem jungen Mann um die nächste Biegung.
Hinter den letzten Häusern führte ein Hohlweg zum zweiten Bach. Das Wasser floss flacher als am ersten Übergang über helle Granitplatten, und auf der anderen Seite begann ein gewöhnlicher Waldweg. Rosa blieb in Leonhards Erinnerung am Ufer stehen und zog die Schuhe aus, während der junge Leonhard die Karte zusammenfaltete. „Wenn wir drüben sind, gehen wir weiter“, sagte sie und nahm seine Hand. „Ich möchte nicht an jedem Weg fragen müssen, ob du es dir inzwischen anders überlegt hast.“
Der junge Leonhard versprach, dass sie nach Wien weitergehen würden, und Rosa trat ins Wasser, bevor er noch etwas hinzufügen konnte. Sie drehte sich zu ihm um und streckte ihm die freie Hand entgegen, weil die Strömung gegen ihre Beine drückte. Für einen Augenblick empfand der heutige Leonhard das kalte Wasser um die Füße, obwohl er noch am Ufer stand; dann sah er Marias Gesicht in der offenen Tür, während Rosa vor ihm auf den nächsten Schritt wartete.
Anna berührte seinen Ärmel und holte ihn damit so weit in die Gegenwart zurück, dass er Maria neben dem Bach stehen sah. Sie würde an dieser Stelle warten, erklärte sie, sofern der Weg sie nicht ebenfalls fortführe. „Wenn ihr auf dem Rückweg Stimmen hört, sucht trotzdem nach dem Wasser und den Steinen, die ihr gesehen habt“, sagte sie. „Folgt nicht jemandem, nur weil er behauptet, euch zu kennen; auch meine Stimme wäre dafür kein ausreichender Grund.“ Anna wiederholte die Warnung, damit Maria wusste, dass sie verstanden worden war.
Leonhard prägte sich die alte Erle am diesseitigen Ufer ein, deren freigelegte Wurzeln über einer hellen Granitplatte lagen, ehe er ins Wasser stieg. Anna folgte ihm, den Rucksack hoch auf den Schultern, und beide hielten den Blick auf die Granitplatten gerichtet. Als sie am anderen Ufer zurücksahen, stand Maria nicht mehr zwischen den Bäumen. Auch der Hohlweg nach Arnolzheim war verschwunden, doch der Bach floss weiter, und am gegenüberliegenden Ufer ließen sich noch die freigelegten Wurzeln der Erle erkennen, die Leonhard sich vor dem Überqueren eingeprägt hatte.
Auf dem Waldweg vor ihnen erschienen die beiden jungen Gestalten noch einmal zwischen den Bäumen. Leonhard hörte Rosa fragen, weshalb er stehen geblieben sei, und vernahm seine eigene Antwort, dass er an Maria denke. Rosa nahm ihre Hand aus seiner und zog den Rucksack höher, während Anna neben dem heutigen Leonhard darauf wartete, dass er weiterging.