Das Tal der erloschenen Dörfer

Folge 12 — Die Gräber

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Anna geht Leonhard und Maria auf einem nebligen, alten Friedhof voraus; Leonhard und Maria halten einander an der Hand, Maria trägt ein Stoffbündel.

Anna hatte sich den Weg zur Polizei mehrfach vorgestellt, seit sie am Vorabend ihren Rucksack gepackt hatte. In jeder dieser Vorstellungen saß Leonhard neben ihr und antwortete selbst, wenn man nach dem 26. August fragte. Nun ging sie vor ihm über den feuchten Pfad zum Friedhof und hörte hinter sich seine Schritte. Sie hatte ihm am Morgen Kaffee eingeschenkt, ohne noch einmal auf die Zusage zurückzukommen; erst beim Hinausgehen hatte sie bemerkt, dass sie seine leere Tasse auf dem Tisch stehen ließ, statt sie wie ihre eigene zur Pumpe zu bringen.

Im Rucksack lagen ihr Notizbuch und Leonhards Feldbuch nebeneinander in der wasserdichten Hülle. Sie hatte am Morgen geprüft, ob beide noch da waren, und den Verschluss mit dem Daumen nachgezogen, obwohl er seit der vergangenen Nacht nicht mehr geklemmt hatte. Nun drückte die feste Kante bei jedem Schritt gegen ihren Rücken. Anna rückte den Riemen zurecht und nahm sich vor, die Bücher erst wieder herauszuholen, wenn sie einen Tisch vor sich hatte, der am nächsten Morgen noch stehen würde.

Hinter ihr sprachen Leonhard und Maria leise miteinander. Anna verstand nicht jedes Wort, hörte aber, wie Leonhard nach dem weiteren Weg fragte und Maria ihm erklärte, sie müssten zunächst den Friedhof erreichen. Der Regen hatte aufgehört, und aus den Wiesen stieg ein dünner Dunst, durch den die Dächer des Dorfes heller wirkten als an den vergangenen Tagen. Ein Mann führte ein Pferd aus dem Stall, während in einem Hof ein Kind versuchte, Wasser aus einem umgestürzten Eimer zurückzuschöpfen.

Anna blieb bei der ersten Biegung stehen und wartete auf die beiden. Leonhard sah auf sein Telefon, bevor er es wieder einsteckte. „Sobald wir Empfang haben, rufe ich Heller an“, sagte er. „Er wartet seit vorgestern auf meine Rückmeldung.“ Dann bat er Anna, Karel zu verständigen, sobald sie aus dem Wald seien. Sie hatte dessen Nummer bereits gespeichert und versprach es, während Maria das Bündel auf den anderen Arm nahm.

Maria hielt seine Hand und hatte das kleine Bündel über den Unterarm gehängt. Anna fragte, ob sie noch etwas aus dem Haus brauche, doch Maria zog nur den Knoten fester und sah zu Leonhard. Im Stoff zeichnete sich die Kante des Brotes ab, das sie am Abend eingepackt hatte. Anna ging weiter und achtete an der nächsten Biegung darauf, den beiden genügend Platz auf dem schmalen Pfad zu lassen.

Der Friedhof lag oberhalb der letzten Gärten. Auf dem Weg dorthin strich Anna unwillkürlich über die verletzte Handfläche, die beim Verschwinden des Steins ins Leere gegriffen hatte. Sie wusste, dass sie den Ort nicht gern noch einmal betreten würde, und ärgerte sich darüber, wie sehr dieser Widerwille bereits ihr Tempo bestimmte. Leonhard und Maria gingen langsamer, ohne zurückzubleiben; als Anna sich vor der Mauer umsah, hob Leonhard die freie Hand und bedeutete ihr, sie solle weitergehen.

Im Eingang blieb sie dennoch stehen. Die Mauer war an diesem Morgen vollständiger als in ihrer ersten Fotografie, aber einige der Kreuze dahinter neigten sich bereits wieder so, wie sie sie zwischen den Ruinen gesehen hatte. Auf Josefs Grab war das Porzellanbild vorhanden, dessen Blick sie am Vortag mit dem Gesicht des Mannes am Küchentisch verglichen hatte. Anna hielt sich an die Richtung zum hinteren Ausgang und versuchte, nicht jedes einzelne Grab daraufhin zu betrachten, ob es beim nächsten Blick noch dasselbe sein würde.

Leonhard blieb kurz vor Josefs Stein stehen und sagte etwas, das Anna nicht vollständig verstand. Maria antwortete leise, worauf er wieder zu ihr sah und ihre Hand fester schloss. Anna wartete neben einem schiefen Kreuz und strich den nassen Ärmel von ihrer verletzten Hand zurück. Die beiden gingen miteinander weiter, ohne zu bemerken, dass sie noch immer auf sie wartete.

„Wir gehen jetzt weiter, Anna“, sagte Leonhard hinter ihr, als sie sich dem schmalen Durchgang zwischen den Gräbern zuwandte. Sie nickte und ging voran, während der Weg unter ihren Sohlen weicher wurde. Hinter der Mauer war der Pfosten zu sehen, an dem das Schild nach Arnolzheim hing. Durch eine Lücke zwischen den Bäumen konnte sie die helle Holzfläche erkennen und hielt auf den Ausgang zu, der in diese Richtung führte.

Das frische Grab lag rechts von ihr. Die Erde war dunkel und locker, ohne dass sich erkennen ließ, wer sie seit gestern bewegt haben konnte, und am Kopfende stand noch das schlichte Kreuz. Anna blickte nicht länger darauf, als nötig war, um die Stelle wiederzuerkennen. Sie hörte Maria einige Schritte hinter sich etwas sagen, dann Leonhards Antwort, deren letzter Teil im Wind unterging.

Anna wandte sich um, weil sie glaubte, er habe ihren Namen genannt. Die beiden waren nicht mehr auf dem Weg. Sie konnte das Tor sehen, durch das sie gekommen waren, und den nassen Boden bis zu Josefs Grab, aber weder Leonhard noch Maria stand zwischen den Steinen. Einen Augenblick lang nahm sie an, die beiden hätten sich hinter einem höheren Denkmal aufgehalten, und wartete auf die Bewegung, die diesen Irrtum erklären würde.

Sie rief Leonhard und ging einige Schritte zurück. Ihre Stimme klang so laut auf dem Friedhof, dass sie beim zweiten Ruf leiser wurde, als müsse sie Rücksicht auf Menschen nehmen, die sich nur verborgen hielten. Hinter Josefs Stein war niemand, und auch der Weg an der Mauer lag leer vor ihr. Anna sah zum Eingang, durch den Maria und Leonhard kaum unbemerkt hätten zurückgehen können, während sie selbst nur wenige Meter entfernt gewesen war.

Erst beim erneuten Blick auf das frische Grab bemerkte sie den Stein anstelle des Holzkreuzes. Er stand nicht schief oder halb eingesunken wie die anderen, sondern aufrecht am Kopfende, als sei der Boden noch nicht fest genug, um ihn dauerhaft zu halten. Anna wollte zunächst nicht hinsehen, weil sie an ihren verletzten Handballen dachte und fürchtete, auch dieses Denkmal könne verschwinden. Dann erkannte sie, dass daneben weitere Steine standen, deren Anordnung sie vorher nicht gesehen hatte.

Der erste trug Rosas Namen. Unter »Rosa Hadrava« stand »† 26. August 1995«, und Anna las den Tag ein zweites Mal, obwohl sie ihn seit Marias Bericht kannte. Von der Mühle kam kein Geräusch mehr herauf. Als sie den Kopf hob, waren hinter der Mauer nur Bäume und bewachsene Fundamente zu sehen; sie suchte zwischen ihnen nach dem hellen Giebel, bevor sie sich dem nächsten Stein zuwandte.

Auf dem Stein über der frischen Erde stand »Leonhard Kern«. Anna las zunächst nur den Namen und versuchte ihn mit dem Mann zu verbinden, dessen Stimme sie eben noch hinter sich gehört hatte. Dann sah sie das Datum darunter: »† 27. August 1995«. Sie legte eine Hand gegen den eigenen Mund und merkte erst am Schmerz in der aufgeriebenen Haut, wie fest sie die Finger gegen das Gesicht presste.

Der dritte Stein stand auf der anderen Seite von Leonhards Grab. Er trug »Maria Hadrava« und darunter »† 28. August 1995«. Anna ging einen Schritt zur Seite, bis sie alle drei Inschriften gleichzeitig sehen konnte, und kehrte dann vor Leonhards Stein zurück. Dort lag ein kleines Blatt auf der frischen Erde, das sich im Wind drehte, ohne von seiner Stelle fortzukommen.

Anna sank auf die Knie, ohne es zu beabsichtigen. Ihr Rucksack zog sie seitlich gegen den Weg, und sie musste sich mit beiden Händen im Schlamm abstützen, ehe sie ihn von den Schultern bekam. Sie hatte mit Leonhard gesprochen, seine Hände berührt, mit ihm gestritten und in Karels Wohnzimmer gesehen, wie ein Mann seine frühere Schuld zu verstehen begann. Dieser Mensch konnte nicht seit einunddreißig Jahren unter der Erde liegen, die noch immer aussah, als sei sie erst an diesem Morgen aufgeworfen worden.

„Leonhard, ich bin noch hier“, sagte sie schließlich und wartete, während ihr Blick zwischen den Steinen und dem Eingang hin und her ging. „Du hast gesagt, dass du mitkommst, und ich warte auf dich.“ Sie hielt den Atem an, als sie hinter der Mauer etwas hörte, doch es war nur ein Zweig, von dem Wasser tropfte. Noch beim nächsten Ruf versuchte sie, sich vorzustellen, dass er ihr antwortete, und fürchtete sich vor seiner Stimme.

Sie stand mühsam auf und ging noch einmal zum Eingang. Dort waren ihre eigenen Fußspuren im feuchten Boden sichtbar, aber hinter Josefs Grab verlor sich das Durcheinander der Abdrücke im Gras. Anna suchte trotzdem weiter, bis ihre Hände vor Kälte zitterten und sie den Eindruck bekam, sich beim nächsten Umdrehen selbst nicht mehr auf demselben Friedhof zu befinden. Sie fand weder Marias Bündel noch Leonhards Rucksack und keine Spur, die zu einem anderen Ausgang führte.

Am hinteren Rand der Mauer sah sie zum Pfosten hinüber. Das Schild nach Arnolzheim war verschwunden, und hinter dem nackten Holz stand dichtes Unterholz, durch das kein Weg weiterging. Anna trat bis an die Brombeerranken und suchte nach einer Stelle, an der ein Mensch sich hindurchgedrängt haben könnte. Sie fand weder abgebrochene Zweige noch niedergetretene Halme und kehrte zur Mauer zurück, an deren rauen Steinen sie mit der unverletzten Hand entlangstrich.

Sie ging noch einmal zu den Gräbern zurück und schlug das Notizbuch auf. Bei Leonhards Namen brach die Bleistiftspitze, und Anna betrachtete das kleine Stück Graphit, das auf der feuchten Seite liegen geblieben war. Sie suchte im Rucksack nach einem zweiten Stift, doch ihre Finger verfingen sich am Verschluss der Hülle, bis sie beide Hände darauf liegen ließ. Als sie endlich die Namen und Daten fertig abschreiben konnte, war die Zeile unter seinem Namen nass geworden, obwohl es nicht mehr regnete.

Als sie das Buch schloss, fühlte sie durch die Hülle auch Leonhards Feldbuch darunter. Er hatte es ihr selbst gegeben und ihr noch geholfen, den Verschluss zu schließen; Anna fuhr mit den Fingern darüber, ehe sie die Hülle verstaute. Anna nahm den Rucksack auf und ging zum vorderen Ausgang, über den sie den Forstweg zu finden hoffte. Erst am Tor blieb sie stehen, zog beide Riemen fest und ging dann weiter, ohne sich nach den Gräbern umzudrehen.

Der Wald jenseits der Mauer war wieder gewöhnlich laut. Wasser tropfte von den Ästen, irgendwo stritt ein Vogel mit einem zweiten, und nach einer Weile kam aus der Ferne ein Motorengeräusch hinzu. Anna hielt sich an den breiteren Weg, dessen Reifenspuren sie beim ersten Besuch fotografiert hatte, und prüfte das Telefon erst, als die Bäume lichter wurden. Das Display zeigte den 26. September 2026 und mehrere verpasste Anrufe, bevor sie Hellers Nummer wählen konnte.

Sie brachte zunächst nur seinen Namen hervor. Heller fragte, wo sie sei und ob Leonhard bei ihr wäre, und Anna musste stehen bleiben, weil sie die zweite Frage nicht beantworten konnte, ohne das Verschwinden auszusprechen. „Ich bin auf dem Weg zum Parkplatz, dessen Lage Leonhard dir geschickt hat“, sagte sie schließlich. „Leonhard ist nicht mehr bei mir, und ich brauche jemanden, der mit mir zurückgeht.“ Sie erwähnte die Gräber noch nicht, weil sie zuerst einen Menschen erreichen wollte, der ihren Standort verstehen konnte.

Als sie wenig später den Wagen zwischen den Bäumen sah, stand dort bereits ein anderes Fahrzeug. Anna ging auf die Menschen davor zu und zog die Schulter hoch, als einer ihr den Rucksack abnehmen wollte. Sie musste sich erst vergewissern, dass die Hülle mit den beiden Büchern geschlossen war, bevor sie ihn loslassen konnte. Der Mann öffnete die Wagentür für sie, und Anna setzte sich, während er noch fragte, ob es jemanden gebe, den er verständigen solle.

Epilog

Vier Wochen später lag auf Anna Bergers Schreibtisch eine Mappe, deren Inhalt mit jeder Ergänzung schwerer zu verstehen wurde. Sie hatte Leonhards Verschwinden gemeldet, den Rückweg zum Friedhof beschrieben und den Menschen, die sie begleiteten, gezeigt, an welcher Stelle Maria und er zuletzt hinter ihr gegangen waren. Die Suche hatte an diesem Tag nur den verwilderten Friedhof und die Ruinen erreicht. Neben Josefs altem Grab waren weder die drei neuen Steine noch der frische Erdhügel gefunden worden, dessen Erde Anna noch an ihren Hosenknien getragen hatte.

Sie hatte trotzdem ausgesagt und den Bericht noch einmal gelesen, als man ihn ihr vorlegte. Auf ihre Bitte war an zwei Stellen ergänzt worden, wer ihr etwas erzählt hatte und was sie selbst gesehen hatte. Der Mann, der ihre Aussage aufnahm, fragte nach dem Sturz am Friedhof und betrachtete die inzwischen verheilende Handfläche. Anna beschrieb ihm den verschwundenen Stein und zeigte ihm anschließend die Seiten, auf denen sie ihre Beobachtungen noch in der Mühle festgehalten hatte.

Karel hatte sie ebenfalls angerufen und später in Brünn besucht. Sie erzählte ihm von Rosas Verletzung, von Leonhards Flucht nach dem Schuss und davon, dass Maria ihre Schwester nach eigener Aussage noch lebend gefunden hatte. Bei diesem Besuch hatten sie einander das Du angeboten, ohne die vorsichtige Höflichkeit ganz abzulegen. Karel stand auf, als Anna von der Buche sprach, und blieb vor der Kommode stehen, bis sie mit dem Bericht fertig war. Erst dann fragte er nach Maria. „Ich habe ihren Namen auf einem Grabstein gelesen“, sagte Anna. „Dort stand der 28. August 1995, aber ich weiß nicht, wie sie gestorben ist.“

Karel wollte wissen, ob Leonhard die Wahrheit gekannt habe. Anna erzählte von seiner wiederkehrenden Erinnerung, seiner Weigerung und davon, wie er ihr am Abend das Feldbuch gebracht hatte. Während sie sprach, nahm Karel Rosas Foto von der Kommode und stellte es auf den Tisch, mit dem Bild zu ihnen beiden. Er habe über die Pistole ausgesagt, sagte er schließlich, auch über den Streit hinter der Mühle. Danach fragte er Anna, ob sie noch einen Kaffee wolle, und sie wartete bei dem Foto, bis er mit zwei Tassen zurückkam.

Leonhards Leben nach dem Sommer 1995 war durch Menschen und gewöhnliche Unterlagen belegt. Mit Hellers Hilfe sprach Anna mit ehemaligen Kollegen, verglich datierte Fotografien und las Briefe, die Leonhard selbst aufbewahrt hatte und die ihr für die Suche zur Verfügung gestellt worden waren. Der Bericht vom 29. August verwies auf seine Behandlung nach der Rückkehr zur Unterkunft am Vortag; im Feldbuch standen vom selben Tag an wieder geologische Notizen, zunächst als Nachträge zu früheren Messungen. Danach folgten Studium, Abschluss, Arbeit und all die unscheinbaren Spuren, die ein Mensch hinterlässt, ohne damit jemals seine Existenz beweisen zu wollen.

Anna gehörte inzwischen selbst zu diesen Zeugen. Manchmal spürte sie wieder Leonhards Hand an ihrem Arm, wenn sie den Rucksack anhob oder mit der heilenden Hand nach etwas griff. Sie hatte ihm beim Essen gegenübergesessen und mit ihm gestritten; am letzten Morgen hatte er sie gebeten, Karel anzurufen. In ihrem Notizbuch standen die drei Grabdaten in ihrer eigenen Schrift, und sie fand keinen Fehler beim Abschreiben.

An einem späten Abend nahm Anna das Feldbuch aus der Hülle, in der sie es seit der Übergabe in der Mühle aufbewahrte. Der Eintrag vom 25. August war noch vorhanden, ebenso der Satz über Rosa, die am nächsten Morgen gehen wollte. Unter der Skizze des Friedhofs fehlte jedoch der Name Arnolzheim. Anna hielt die Seite schräg unter die Lampe und suchte nach einer Radierung, fand aber nur unbeschädigtes Papier, an dessen unterem Rand eine weitere Zeile stand.

Sie erkannte Leonhards Handschrift, ehe sie den Satz vollständig gelesen hatte: »Anna, komm nicht zurück.« Lange hielt sie die Seite offen und versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie das Buch zuletzt auf genau diese Stelle hin angesehen hatte. Schließlich schloss sie es und ließ die Hände auf dem Einband liegen, während irgendwo im Gebäude Wasser zu rauschen begann.