Das Tal der erloschenen Dörfer

Folge 10 — Was Maria verschwieg

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Maria sitzt Leonhard und Anna am Holztisch in der alten Mühle gegenüber; Annas Hand ist verbunden, im Ofen brennt ein Feuer.

Mit dem Glockenschlag verstummten die Stimmen, doch Anna und Leonhard blieben am Wasser. An einer flachen Stelle schlug er vor hinüberzugehen; Anna hielt ihn zurück und zeigte auf das andere Ufer, an dem die Wurzeln der Erle fehlten. Er prüfte den Hang, nahm ihren Rucksack über die zweite Schulter und folgte ihr weiter bergauf.

Weiter oben blieb Anna stehen und zeigte auf eine Erle am gegenüberliegenden Ufer. Ihre freigelegten Wurzeln griffen über einen hellen Stein, hinter dem sich das Wasser dunkel sammelte, wie an der Stelle vom Vormittag. Anna hielt Leonhard die Skizze hin und sah danach wieder zum Baum. „Dort sind wir hergekommen“, sagte sie und ließ ihn zuerst ins Wasser steigen.

Sie gingen vorsichtig über die Granitplatten, wobei Leonhard Anna die Hand reichte, sobald das Wasser zwischen zwei Steinen tiefer wurde. Am gegenüberliegenden Ufer musste sie sich mit der verletzten Hand an einer Wurzel abstützen und verzog das Gesicht, sagte jedoch nichts. Leonhard zog sie auf den festen Boden und blieb neben ihr stehen, bis beide wieder ruhig genug atmeten. Hinter ihnen rauschte der Bach weiter, während die bläuliche Dämmerung zwischen den Bäumen langsam heller wurde.

Am anderen Ufer fanden sie zunächst nur eine Reihe eingelassener Steine. Leonhard ging langsam daran entlang, bis oberhalb eine niedrige Mauer aus dem Farn ragte und dahinter das Pflaster einer Gasse begann. Am Kirchenportal gab er Anna den Rucksack zurück; sie stellte ihn unter das Vordach und trocknete die unverletzte Hand an ihrer Jacke ab, bevor sie wieder nach dem Riemen griff.

Hinter den letzten Häusern fanden sie die A-Steine und an der nächsten Biegung die gegabelte Buche. Leonhard schob den hellen Ast zur Seite, den er am Morgen Anna gezeigt hatte, und ließ sie darunter hindurchgehen. Sie blieb noch einen Augenblick am Stamm stehen und sah auf den abfallenden Pfad, ehe sie ihm zum ersten Bach folgte.

Maria stand unter dem Vordach der Mühle, als sie die kleine Brücke erreichten. Anna stieg die bekannten Steinstufen hinauf und setzte sich auf die obere, während Leonhard den eigenen Rucksack ablegte. Er sagte, sie hätten den Stein gefunden. Maria sah auf seine Hände, bevor sie die Küchentür öffnete und ihnen Platz machte.

In der Küche brannte Feuer, und auf dem Herd stand ein Topf, dessen Deckel leise vibrierte. Josef war nicht dort, aber sein Stuhl stand noch am Fenster, als könne er jeden Augenblick zurückkehren. Maria gab Anna ein sauberes Tuch für die aufgeriebene Hand und stellte warmes Wasser daneben. Erst nachdem Anna die Wunde gesäubert hatte, setzte sie sich mit ihrem Notizbuch an den Tisch und bat Leonhard, zunächst selbst zu erzählen, was er am Stein erinnert hatte.

Leonhard berichtete von Rosas Griff an seinen Ärmel und dem Stoß, während Maria vor ihm am Tisch saß. Sie unterbrach ihn nicht und sah erst weg, als er erzählte, Rosa habe noch nach ihm gerufen. Anna ließ das Notizbuch offen neben sich liegen, schrieb aber nur an einer Stelle etwas dazu; sie hatte seine erste Schilderung am Stein bereits festgehalten.

„Rosa hat gesagt, du warst beim Streit nicht dabei“, wandte Leonhard sich schließlich an Maria. „Sie hat mir geraten, dich zu fragen, wie ich zurückgekommen bin, und ich glaube inzwischen, dass du sie danach gefunden hast.“ Maria legte beide Hände um den Becher vor sich und bestätigte es. „Ich habe sie noch lebend gefunden, und sie hat mir erzählt, was zwischen euch geschehen war.“ Leonhard sah zum Fenster, weil er für einen Augenblick weder die Schwester noch Anna ansehen konnte.

Maria begann bei dem Abend des 26. August. Nach dem Aufbruch der beiden hatte sie zunächst versucht, in der Mühle zu arbeiten, doch jede gewöhnliche Tätigkeit war ihr irgendwann wie eine Beleidigung vorgekommen. Sie hatte den Brotteig stehen lassen und immer wieder zum Weg gesehen, obwohl sie nicht wusste, wen sie dort eigentlich zurückerwartete. Erst nach Einbruch der Dunkelheit schlug jemand gegen die Hintertür, und Maria fand Leonhard am Rahmen, das Hemd an der linken Seite voller Blut.

„Du hast meinen Namen gesagt und dann Rosas, aber zuerst wusste ich nicht, ob du mich überhaupt erkanntest.“ Maria hielt den Becher so fest, dass ihre Fingerknöchel heller wurden. „Ich hatte mir den ganzen Tag ausgemalt, was ich dir sagen würde, falls du wieder vor mir stündest, und als es geschah, wollte ich nur verhindern, dass du auf den Boden fielst.“ Sie hatte Josef gerufen, der half, Leonhard ins Bett zu bringen und die Blutung notdürftig zu versorgen. Beide konnten sehen, dass er schwer verletzt war, wussten aber nicht, was im Inneren seines Körpers geschehen war.

Als er klarer wurde, sprach Leonhard von Rosa, einem Stein und einem Weg hinter dem zweiten Bach. Er versuchte aufzustehen und sagte, sie liege dort allein, brach jedoch bereits am Bettrand wieder zusammen. Maria ließ Josef bei ihm und nahm eine Laterne sowie einen Mantel mit hinaus. „Ich hatte Angst, dass ich den Übergang am Morgen nicht mehr finden würde“, erklärte sie. „Es war noch derselbe Abend, und ich wollte nicht warten, bis Rosa eine weitere Nacht draußen liegen musste.“

Der Weg wurde im Regen schwerer, als Maria erwartet hatte. An einer Stelle kehrte sie zum selben Bach zurück, obwohl sie glaubte, gerade davon weggegangen zu sein, und erst beim zweiten Versuch fand sie jenseits des Übergangs Blut an einem Stein. Sie folgte den Spuren, soweit sie im Schlamm noch zu erkennen waren, und rief Rosas Namen, ohne eine Antwort zu bekommen. Bei dem niedrigen Granitblock lag eine Pistole, deren Anblick ihr zum ersten Mal erklärte, weshalb Leonhard angeschossen gewesen war.

Rosa saß einige Meter weiter unter einer Buche, mit dem Rücken an einer Wurzel und den Beinen halb im Laub. Maria stellte die Laterne so ab, dass das Licht nicht unmittelbar in ihr Gesicht fiel, und kniete sich neben sie. Ihre Schwester brauchte eine Weile, um sie zu erkennen; dann verzog sie den Mund und sagte: „Natürlich kommst ausgerechnet du.“ Als Maria ihren Mantel öffnete, griff Rosa nach dem Ärmel und ließ ihn nicht mehr los.

„Ich habe versucht, sie auf die Beine zu bringen“, sagte Maria. „Sie hing an mir, und ich bekam nicht einmal den Mantel richtig um ihre Schultern. Wir mussten uns wieder setzen.“ Rosa hatte sich übergeben, und Maria schob das nasse Laub unter ihren Knien fort, ehe sie erneut nach ihrer Hand suchte. Als sie aufstehen wollte, um den Weg zur Straße anzusehen, schloss Rosa die Finger um ihre. Maria blieb unter der Buche.

Rosa hatte von Leonhards Entschluss erzählt und davon, wie sie ihn festzuhalten versucht hatte. Manchmal begann sie denselben Satz von vorn, bevor Maria verstand, an welcher Stelle des Streits sie gerade war. „Sie sagte, du hättest sie weggestoßen und hinterher so erschrocken angesehen, dass sie dir beinahe geholfen hätte“, erklärte Maria. Leonhard hob den Kopf, doch sie sprach weiter, ohne seine Antwort abzuwarten.

Auch von der Pistole hatte Rosa gesprochen. „Sie sagte, sie wollte, dass du stehen bleibst, und hätte nicht damit gerechnet, dich zu treffen.“ Maria strich mit dem Daumen über den Becher, ehe sie hinzufügte, sie habe ihrer Schwester gesagt, dass Leonhard noch lebe. Rosa wollte wissen, ob er sehr böse auf sie sei; kurz darauf fragte sie wieder, wie Maria sie überhaupt gefunden hatte.

Später hatte Rosa nach Karel gefragt und ob er schon schlafe. Sie fürchtete, ihre Mutter werde die nassen guten Schuhe sehen, und zog die Füße unter den Mantel, obwohl Maria sie bat, die Beine ausgestreckt zu lassen. „Ich habe ihr gesagt, ich mache die Schuhe sauber, wenn wir daheim sind“, erzählte Maria. Sie hielt inne, sah kurz zur Küchentür und fügte dann hinzu, sie habe ihrer Schwester diesen Satz immer wieder gesagt, sobald Rosa danach fragte.

„Einmal war sie wieder ganz klar und wollte wissen, ob du bei mir bleiben würdest.“ Maria sah Leonhard erst jetzt an. „Ich sagte, dass Josef bei dir sei. Darauf meinte sie, du hättest zu mir zurückgewollt und solltest dann wenigstens ankommen.“ Leonhard nahm die Hand vom Tisch, mit der er sich bisher abgestützt hatte, und Maria wartete, bis er wieder stillsaß.

Als Rosa nicht mehr antwortete, blieb Maria mit ihr unter der Buche und hielt den Mantel an ihren Schultern geschlossen. Sie hatte auf die kleine Uhr an ihrem Handgelenk gesehen; es war noch vor Mitternacht, der 26. August. Auch danach sprach sie weiter, bis das Öl in der Laterne niedriger stand und sie die Flamme kleiner drehen musste. Erst als sie Rosas Hand unter den Mantel gelegt hatte, stand sie auf und suchte im Dunkeln den Weg nach Arnolzheim.

Josef und zwei Männer holten den Körper noch in derselben Nacht zurück ins Tal, während Anton bei Leonhard blieb. Maria ging voraus, damit sie an dem schmalen Wegstück nicht an der Buche vorbeigingen. Die Pistole hatte sie am Stein liegen lassen; bei einem späteren Versuch war sie nicht mehr zu dieser Stelle gelangt. Anna fragte danach und notierte die Antwort, ehe sie Maria weiterreden ließ.

Vor der Bestattung im ersten Licht des 27. August hatte Maria ihrer Schwester die Haare gewaschen und das Blut an der Schläfe entfernt. Sie zog ihr das Kleid an, das ihre Mutter für besondere Anlässe aufgehoben hatte und das Rosa nur unter Protest getragen hatte. „Sie hat immer gesagt, darin sähe sie aus wie jemand, der zu früh zur Hochzeit kommt und die Stühle hinstellen muss“, erzählte Maria. Ein Lächeln kam ihr über das Gesicht, ehe sie die Augen schloss; Anna schob den unberührten Becher näher zu ihr, und eine Weile sagte niemand etwas.

Leonhard legte beide Unterarme auf den Tisch und versuchte, sich Rosa in dem Kleid vorzustellen. Doch er sah wieder ihre Schuhe im Laub und den Stein neben ihrem Kopf. In seiner Erinnerung richtete sie sich auf, während er bereits zurückwich und die Hand gegen die blutende Seite presste. Als Maria die Augen öffnete, sah er sie an. „Ich habe Rosa ermordet“, sagte er so leise, dass er nicht wusste, ob Anna ihn verstanden hatte.

Maria hielt seinem Blick stand, doch als er weitersprechen wollte, wandte sie sich zum Fenster. Anna ließ das Notizbuch neben sich liegen und wartete, während Leonhard die Hände langsam vom Tisch nahm. „Ich habe sie noch rufen hören und bin trotzdem weitergelaufen“, sagte er, ohne Maria aus den Augen zu lassen. Sie drehte sich nicht um, und er brachte die Entschuldigung, die er ihr sagen wollte, nicht über die Lippen.

Erst nach einer Weile fragte Leonhard nach dem namenlosen Grab. Maria wandte sich ihm wieder zu und erklärte, Rosa liege nicht darunter. Ihr Blick blieb an seiner Hand hängen, die er gegen die linke Seite gepresst hatte. „Ich kann euch Rosas Platz zeigen, aber ich weiß nicht, was ihr dort heute sehen werdet“, sagte sie. Anna antwortete, sie werde den beschriebenen Ort trotzdem festhalten, und zeichnete die Lage neben Josefs Grab ein, ohne den frischen Erdhügel damit gleichzusetzen.

Anna fragte, ob Maria ihnen den Bestattungsplatz am nächsten Morgen zeigen könne. Danach würden sie hinausgehen und über das sprechen müssen, was sie nun wussten. Leonhard stand auf und ging zum Fenster; als Anna sagte, sie werde bei der Polizei auch seinen Bericht vom Stein wiedergeben, drehte er sich zu ihr um.

„Ich gehe nicht mit“, sagte er. „Du kannst ihnen erzählen, was du aufgeschrieben hast, aber ich werde mich nicht danebenstellen und so tun, als könnte ich diese Geschichte erklären.“ Anna wartete, bis er wieder zum Fenster sehen wollte, und fragte, ob sie richtig verstanden habe, dass er hierbleiben wolle. Leonhard bestätigte es und nahm die Hand vom Fensterrahmen.

Anna klappte ihr Notizbuch zu und sagte, sie werde am Morgen aufbrechen. Leonhard widersprach ihr nicht, und Maria wartete, bis Anna die Küche verlassen hatte. Dann rückte sie deren Stuhl an den Tisch und fragte ihn: „Was soll ich Karel sagen, wenn er wissen will, warum du nicht mitgekommen bist?“