Das Tal der erloschenen Dörfer

Folge 2 — Die Mühle

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Leonhard und Maria gehen am Abend in ein wieder lebendig gewordenes Dorf mit beleuchteten Häusern, Bach und Mühle hinab.

Maria ging voraus, ohne sich noch einmal nach Leonhard umzudrehen. Der Weg senkte sich vom Wald in eine flache Mulde, und der Regen hing dort wie ein feiner Schleier zwischen den Bäumen. Leonhard folgte ihr mit einigen Metern Abstand, wobei er sich zwang, die Veränderungen um sich herum so nüchtern wie möglich wahrzunehmen. Es war eine alte Gewohnheit aus seiner Arbeit: Was sich nicht erklären ließ, konnte man wenigstens beschreiben. Zuerst waren es nur Geräusche gewesen – ein Hund, Kinderstimmen, das dumpfe Rumpeln eines Wagens –, dann hatte er zwischen den Baumkronen Rauch gesehen, und nun erschienen dort, wo am Nachmittag noch überwachsene Fundamente und eingestürzte Keller gelegen hatten, die ersten vollständigen Häuser.

Je tiefer sie in das Tal kamen, desto weniger ließ sich das Gesehene mit einem Irrtum erklären. Ein Haus, dessen Mauerreste Leonhard wenige Stunden zuvor noch fotografiert hatte, stand wieder an seinem Platz; die Fassade war weiß verputzt, die Fensterläden geöffnet, unter einem Vordach schichtete ein Mann Holz auf. Von einer Leine hing Wäsche schwer im Regen. Zwei Kinder liefen zwischen den Gärten hindurch, ein Junge blieb kurz stehen und blickte Leonhard neugierig an, bevor er seiner Schwester folgte. Die Szene besaß nichts Theatralisches. Niemand schien darauf zu warten, dass der Fremde staunte, und gerade diese Selbstverständlichkeit ließ Leonhard schließlich mitten auf dem Weg stehen bleiben.

Maria bemerkte erst nach einigen Schritten, dass Leonhard stehen geblieben war, und kehrte zu ihm zurück. Er zeigte auf das Haus, dessen Keller er am Nachmittag betreten hatte, und suchte nach einem Satz, der seine Beobachtung nicht lächerlich erscheinen ließ. „Ich bin dort hineingestiegen, weil ich die alten Mauern sehen wollte. Über mir war der Himmel, Maria, und jetzt trocknet jemand Holz unter einem Dach, das ich ganz gewiss nicht übersehen habe.“

„Draußen stehen nur noch die Mauern“, erwiderte sie, wobei sie die Stimme senkte, als könne der Mann unter dem Vordach mithören. „Das weiß ich ebenso gut wie du, aber hier wirst du mit dieser Feststellung niemanden überraschen.“ Leonhard bemerkte den flüchtigen Blick, mit dem sie sich vergewisserte, dass niemand zu ihnen kam, und empfand darüber erstmals Ärger. Die Leute im Dorf schienen etwas gemeinsam zu wissen, das sie ihm nicht sagen wollten.

„Du kennst meinen Namen und behauptest, mir beim Vergessen geholfen zu haben“, sagte er, während er den Rucksack auf seiner Schulter zurechtrückte. „Jetzt soll ich glauben, dass ich am Nachmittag draußen war und inzwischen hier bin, obwohl ich dazwischen nur einem Waldweg gefolgt bin. Ich brauche keine Erklärung für die ganze Welt, aber wenigstens eine für das, was gerade mit mir geschieht.“ Maria hörte ihm zu, ohne den Blick zu senken, und er merkte, dass sie seinen Ärger nicht für unberechtigt hielt.

Maria trat einen Schritt näher, bis er die feinen Tropfen auf ihren Wimpern sehen konnte. „Hast du mich erkannt, bevor ich dir meinen Namen gesagt habe? Nicht bloß das Gesicht, Leonhard, sondern mich?“ Er erzählte ihr von dem Zimmer im Sommerlicht und den Händen an ihrem Haar, worauf sie kurz den Blick senkte. „Daran hätte ich zuerst denken sollen“, sagte sie, und als er nachfragte, nahm sie seinen nassen Ärmel zwischen zwei Finger. „Komm wenigstens mit ins Haus. Ich weiß nicht, wie ich hier vor dir anfangen soll.“

Ein niedriger Karren kam ihnen entgegen, vor den ein braunes Pferd gespannt war. Der Mann auf dem Bock zog im Vorbeifahren die Mütze und grüßte Maria mit ihrem Namen. Leonhard musterte Wagen, Geschirr und Kleidung des Fahrers so auffällig, dass dieser sich noch einmal nach ihm umdrehte. Nichts daran bewies eine bestimmte Zeit, doch ebenso wenig sah Leonhard etwas, das eindeutig in das Jahr 2026 gehörte.

Nachdem der Karren vorbeigefahren war, fragte Leonhard nach dem Jahr, das die Leute im Dorf schrieben. Maria antwortete erst, als das Pferd am Ende der Gasse verschwunden war. „Ich kann dir sagen, wie lange ich auf dich gewartet habe. Bei den anderen weiß ich es nicht.“ Leonhard wollte genauer nachfragen, bemerkte jedoch, dass er nicht mehr fror; zwischen den Häusern lag eine sommerliche Wärme, und auf einer Wiese blühten noch Pflanzen, die er auf dem Weg hierher nicht gesehen hatte.

„Es fühlt sich nach August an“, sagte Maria, als sie bemerkte, dass er sich über die Wiese beugte. „Manchmal bleibt uns dieser Sommer länger erhalten, als ich es ertragen kann.“ Leonhard fragte, ob sie den August 1995 meine, doch sie blickte nur auf die Häuser vor ihnen und erklärte, für sie sei inzwischen viel mehr Zeit vergangen. Er ließ die Frage ruhen, weil ihre grauen Haarsträhnen ebenso wenig zu einer unveränderten Vergangenheit passten wie seine eigenen Hände.

Die Mühle lag am unteren Ende des Dorfes, wo der Bach zwischen großen Granitsteinen verlief und sich vor dem Gebäude verbreiterte. Eine hölzerne Rinne führte einen Teil des Wassers zu einem großen Rad, das sich langsam und mit einem regelmäßigen Knarren bewegte. Das Haus war zweigeschossig, weiß verputzt und mit dunklen Schindeln gedeckt; zwischen Haus und Schuppen hing Wäsche, und vor der Tür standen ein Tisch sowie zwei Bänke, auf denen sich kleine Pfützen gesammelt hatten.

Leonhard blieb noch auf dem Weg stehen, denn diesmal war es nicht nur ein Gefühl von Vertrautheit. Ohne das Haus betreten zu haben, wusste er, dass hinter der Eingangstür links eine Küche lag. Rechts führte ein schmaler Flur zu einer Treppe, deren dritte Stufe unter Belastung knarrte. Hinter dem Haus musste eine Reihe unregelmäßiger Steinstufen zum Bach hinunterführen, und im oberen Stock gab es ein Fenster, das sich bei feuchtem Wetter nur mit Gewalt schließen ließ.

„Ich kenne dieses Haus“, sagte er leise. Maria stellte sich neben ihn und bestätigte, dass er früher oft hier gewesen sei. Mit dieser Gewissheit kam eine Erinnerung, diesmal länger als die vorherigen. Leonhard sah einen schmalen Flur im Sommerlicht und sich selbst darin, jünger, schlanker, mit zwei Gläsern in der Hand. Hinter einer Tür lachten zwei Frauen, deren Stimmen sich so sehr ähnelten, dass er zunächst nicht verstand, welche von ihnen gesprochen hatte. Als er die Tür öffnen wollte, brach das Bild ab.

Als die Erinnerung an den Flur verblasste, blieb die Gewissheit zurück, dass dort zwei Frauen gelacht hatten. „Du hast mit Rosa in diesem Haus gewohnt“, sagte Leonhard und erschrak darüber, dass ihm der Name ohne jede Suche eingefallen war. Maria bestätigte es und ergänzte, ihr jüngerer Bruder Karel habe ebenfalls eine Zeit lang hier gelebt. Leonhard wiederholte Rosas Namen im Stillen, bis der einzelne Buchstabe aus seinem Feldbuch zum ersten Mal ein Gesicht bekam.

Die Küche lag links, genau wie Leonhard es gewusst hatte. Der Raum entsprach seiner Erwartung beinahe vollständig: ein schwerer Holztisch, ein eiserner Herd, Regale, ein hoher Schrank mit Glasfenstern und Kräutertöpfe auf der Fensterbank. Der Geruch aus feuchtem Holz, Brot und einem kaum wahrnehmbaren metallischen Hauch im Wasser war so vertraut, dass für einige Sekunden die Gegenwart ihre Festigkeit verlor.

Maria stellte einen Krug auf den Tisch, doch Leonhard blieb stehen und sah durch die offene Tür in den Flur. „Wohnt Rosa noch hier, oder muss ich nach ihr ebenso lange suchen wie nach dir?“ Seine Ungeduld klang ihm selbst fremd, während Maria den Krug mit beiden Händen festhielt und offenbar überlegte, wie sie antworten sollte. „Du wirst sie sehen, Leonhard, aber ich weiß nicht, ob dir das gefallen wird.“ Bevor er nachfragen konnte, ging draußen die Haustür auf.

Ein älterer Mann kam über den Flur und blieb im Kücheneingang stehen. Er war groß und sehr schlank, mit grauem Haar und dunklen Hosenträgern über einem weißen Hemd. Als er Leonhard sah, nahm er die Hand vom Türpfosten und sprach dessen vollständigen Namen aus, als hätte er ihn gestern zuletzt gesehen.

Erst als der Mann näher trat, erinnerte Leonhard sich an das Gesicht auf dem Porzellanbild. Das Handy ließ sich wieder einschalten, und er fand die Aufnahme von Josef Hadravas Grab, deren Jahreszahlen auch jetzt unverändert unter dem Foto standen. „Ich habe Sie vor einer Stunde fotografiert, allerdings auf einem Friedhof“, sagte Leonhard und hielt ihm das Display hin. „Dort steht, dass Sie 1946 gestorben sind, und ich weiß nicht, welche vernünftige Erklärung Sie mir dafür anbieten wollen.“

Josef beugte sich über das Telefon und musterte das Bild mit einer Aufmerksamkeit, die Leonhard mehr verwirrte als offene Bestürzung. „Das Foto ist älter als das Grab, und ich habe schon damals nicht gern so ausgesehen“, bemerkte er, ehe er einen Stuhl zurückzog. „An dem Datum werden Sie nichts ändern, Herr Kern, auch wenn Sie mich noch einmal fotografieren. Ich sitze trotzdem vor Ihnen, und Maria wird Ihnen bestätigen, dass ich nicht bloß zum Ärgern der Besucher in ihre Küche komme.“ Er setzte sich und legte die schmalen Hände auf den Tisch, während Leonhard vergeblich nach irgendeiner Ähnlichkeit suchte, die sich als Zufall hätte erklären lassen.

Leonhard setzte sich, weil er merkte, dass er im Stehen kaum noch ruhig bleiben konnte. Er suchte nach einer Erklärung, die Josef aus dieser Küche entfernte, ohne auch das Knarren der Dielen, die Nässe seiner Kleidung und den Geschmack des Wassers zu einer Täuschung zu machen. Statt einer Antwort bemerkte er lediglich, dass der alte Mann an einem eingerissenen Nagel zupfte und damit aufhörte, sobald Maria das Brot auf den Tisch stellte.

Als Leonhard vom Wasser trank, blieb der metallische Geschmack auf seiner Zunge zurück, und er verzog unwillkürlich das Gesicht. Maria schob ihm den Brotlaib hin, den er festhielt, während sie eine Scheibe abschnitt; ohne nachzudenken, drehte er ihn danach so, dass sie nicht über die harte Stelle in der Kruste sägen musste. Erst als ihr Messer ruhte, bemerkte er, dass sie ihn ansah. „Du hast früher immer Bier verlangt und behauptet, aus dieser Pumpe käme die halbe Geologie des Hanges“, sagte sie. Er legte den Laib auf das Brett, hielt die Hand aber noch daran, als warte er auf ihren nächsten Schnitt.

Josef erhob sich nach einer Weile und nahm den Korb, den er neben der Tür abgestellt hatte. „Wenn heute Abend jemand draußen Ihren Namen ruft, gehen Sie nicht sofort hin“, sagte er, während Maria vom Herd aus zu ihm sah. „Die Glocke zählt hier keine Stunden, und zwischen ihren Schlägen kann mehr Zeit liegen, als Ihnen lieb ist. Spätestens vor dem letzten sollten Sie wieder in einem Haus sein, dessen Bewohner Sie kennen.“ Leonhard fragte, ob Josef damit Menschen oder auch Tote meine, doch der alte Mann erwiderte nur, er solle zuerst lernen, eine vertraute Stimme nicht mit einem vertrauten Menschen gleichzusetzen.

Nachdem Josef gegangen war, bat Leonhard Maria um etwas, das nicht ebenso widersprüchlich sei wie der Tote am Küchentisch. Sie schob den Brotkorb zwischen ihnen zur Seite und schien über die Frage nach ihrer Familie beinahe erleichtert. „Rosa und ich sind Zwillinge, auch wenn wir uns mit zunehmendem Alter weniger ähnlich geworden sind. Karel ist unser jüngerer Bruder, und er war von uns dreien der Erste, der sich ein Leben außerhalb dieses Tals aufgebaut hat.“ Maria erzählte von den beiden Mädchen, die anfangs dieselben Kleider getragen und später alles daran gesetzt hatten, wenigstens unterschiedlich angesehen zu werden.

Karel lebte inzwischen in Brünn, während Rosa im Tal geblieben war und mit zunehmender Verbissenheit nach einem eigenen Weg gesucht hatte. Auf Leonhards Frage, welche Rolle er dabei gespielt habe, strich Maria eine Brotkrume vom Tisch und sah ihn lange an. „Du kamst anfangs wegen deiner Kartierung, aber irgendwann blieb dein Hammer an der Tür hängen, und du hast stundenlang vergessen, ihn wieder mitzunehmen. Da habe ich geglaubt, du würdest meinetwegen kommen.“ Leonhard erinnerte sich an Maria im Bach hinter der Mühle, barfuß im flachen Wasser, während sie ihn auslachte, weil er ihr selbst beim Flirten den Granit unter ihren Füßen erklären wollte.

Die Erinnerung hinterließ eine Vertrautheit, die nicht zu der Fremdheit am Wegweiser passen wollte. „Wir waren zusammen, und ich habe dich nicht bloß gelegentlich besucht“, sagte Leonhard, während er die Hände auf dem Tisch betrachtete. Maria bestätigte es und erzählte, dass sie sich auf die Abende gefreut hatte, lange bevor sie zugeben wollte, weshalb. „Es war kein langes gemeinsames Leben, aber ich habe damals geglaubt, es könnte eines daraus werden.“

Leonhard ging zum Fenster, weil er ihr bei der nächsten Frage nicht unmittelbar gegenüberstehen wollte. Draußen schüttelte eine Frau eine Decke aus, während zwei Kinder die Pfützen im Hof umrundeten. „Und Rosa hat sich ebenfalls in mich verliebt“, sagte er schließlich, ohne den Satz als Frage zu verkleiden. Maria wartete, bis er sich wieder zu ihr wandte, und antwortete: „Du hast sie nicht daran gehindert, Leonhard, und irgendwann wolltest du es auch nicht mehr.“

Leonhard kehrte an den Tisch zurück, setzte sich jedoch nicht. Auf der Platte lag noch die Scheibe Brot, die Maria für ihn abgeschnitten hatte, und er rückte den Teller zur Seite, um sich aufzustützen. „Ich war also nicht nur zufällig da, als zwischen euch etwas schiefging“, sagte er, doch Maria antwortete ihm darauf nicht.

Maria legte Holz nach und schob ein Scheit so weit in den Herd, dass Leonhard unwillkürlich nach der Zange greifen wollte. Sie war schneller und stellte sie anschließend auf die andere Seite. „Du würdest nach dem Sommer gehen, das wussten wir beide“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich habe immer gedacht, wir hätten noch Zeit, darüber zu reden. Rosa hat dich wohl früher gefragt.“

Bei dem Wort Sommer erinnerte Leonhard sich an die Notiz im Feldbuch und fragte, wann Rosa und er ihren Aufbruch beschlossen hätten. Maria holte eine flache Holzkiste aus dem Schrank, stellte sie vor ihn und nahm eine Fotografie heraus. Darauf stand Leonhard vor der Mühle, rechts Maria, links Rosa; seine eine Hand lag an Marias Taille, während Rosa seinen anderen Arm festhielt. Auf der Rückseite hatte er »22. August 1995 – Maria, Leonhard, Rosa« geschrieben.

„Karel hat dieses Foto gemacht, drei Tage bevor ich euch zusammen gesehen habe.“ Maria legte einen Finger an den weißen Rand, ohne eines der Gesichter zu berühren. „Ob er damals schon etwas ahnte, musst du ihn selbst fragen; ich habe hinterher zu oft versucht, in diesem Bild Dinge zu erkennen, die ich vorher nicht sehen wollte.“ Leonhard betrachtete den jungen Mann zwischen den Schwestern und konnte sich nicht erinnern, weshalb er so unbekümmert in die Kamera gelächelt hatte.

Noch während er das Foto betrachtete, kam ihm die offene Tür der Mühle wieder in den Sinn. Maria hatte im Flur gestanden, während Rosa dicht vor ihm war und seine Hand an ihrem Gesicht lag. „Du hast uns gesehen und nichts gesagt“, stellte Leonhard fest, worauf Maria das Foto behutsam zurück in die Schachtel legte. „Ich wusste in diesem Augenblick nicht, welcher von euch beiden zuerst hätte erklären müssen, was ich da sah.“

Leonhard fragte, weshalb sie ihn vor dem Aufbruch am nächsten Morgen nicht aufgehalten hatte. Maria schob die Schachtel in den Schrank, ließ die Tür jedoch offen, als wolle sie noch etwas herausnehmen. „Weil ich glaubte, dass ich dich schon verloren hätte, wenn ich dich erst bitten müsste zu bleiben.“ Sie wartete mit der Hand am Griff, bis Leonhard den Blick abwandte, und schloss erst dann den Schrank.

Eine Weile hörten beide nur das Rauschen des Wassers hinter der Mühle, bis Leonhard nach dem 26. August fragte. Maria setzte sich wieder und erzählte, Rosa und er seien kurz nach Sonnenaufgang mit ihren Rucksäcken aufgebrochen. „Du bist an diesem Abend zurückgekommen, aber Rosa war nicht bei dir“, sagte sie und hielt seinem Blick stand. Fast gleichzeitig ging ein schwerer Glockenschlag durch das Dorf, worauf gegenüber eine Frau ihr Kind ins Haus zog und ein Mann die Fensterläden schloss. Maria nahm die Petroleumlampe aus dem Regal und bat Leonhard, sich vom offenen Fenster fernzuhalten, solange sie die Läden noch nicht verriegelt hatte.

Leonhard wollte wissen, was mit Rosa geschehen sei, doch ein Klopfen an der Scheibe unterbrach ihn. Maria griff nach seinem Unterarm, noch bevor er prüfen konnte, ob ein Ast gegen das Fenster schlug. „Bleib bitte bei mir und antworte nicht sofort“, sagte sie, während sich draußen eine Frauenstimme durch das Rauschen des Baches drängte. Die Fremde nannte seinen Namen mit einer Vertrautheit, auf die sein Körper reagierte, bevor sein Gedächtnis ihr ein Gesicht geben konnte.

Auf der beschlagenen Außenseite der Scheibe erschien langsam ein Handabdruck. Hinter der Hand wurde ein Gesicht sichtbar, dessen dunkles Haar und schmale Züge Maria so sehr ähnelten, dass Leonhard unwillkürlich zwischen beiden Frauen hin- und herblickte. Dann bemerkte er die Blutspur, die an der rechten Schläfe begann und über die Wange lief.

Maria ließ seinen Arm los, als fehle ihr die Kraft, ihn weiter festzuhalten. „Rosa, was willst du heute von ihm?“, fragte sie so leise, dass Leonhard nicht sicher war, ob ihre Schwester es draußen hören konnte. Die Frau hinter der Scheibe blickte ausschließlich ihn an, während der fünfte Glockenschlag über den Hof ging. Zum ersten Mal seit dem Öffnen des Feldbuches erinnerte er sich an ihren vollständigen Namen und an die Selbstverständlichkeit, mit der er ihn einmal ausgesprochen hatte.