Die Handschrift war seine, daran bestand für Leonhard Kern kein Zweifel. Er kannte das kantige K, die eng ineinandergeschobenen Buchstaben und jene etwas zu langen Querstriche über den Siebenen, die er sich erst Jahre später abgewöhnt hatte. Drei Jahrzehnte mochten genügen, um Gesichter, Stimmen und ganze Lebensabschnitte undeutlich werden zu lassen; die eigene Schrift besaß dagegen etwas beunruhigend Dauerhaftes.
Das Feldbuch lag auf seinem Schreibtisch in Wien zwischen dem aufgeklappten Laptop und einer Tasse Kaffee, die längst kalt geworden war. Auf dem vergilbten Umschlag stand in schwarzem Filzstift »Kartierung Waldviertel 1995«, darunter sein Name. Leonhard hatte das Buch seit Jahren nicht mehr in der Hand gehabt, vermutlich sogar seit Jahrzehnten. Es war gemeinsam mit topographischen Karten, Dias, Gesteinsproben, einem alten Kompass und jenem Geologenhammer in einer Kellerkiste verschwunden, die er bei jedem Umzug mitgenommen hatte, weil man solche Dinge angeblich irgendwann noch einmal brauchen konnte.
Nun brauchte er sie tatsächlich. Ein grenzüberschreitendes Projekt sollte historische Wege, Flurnamen und aufgegebene Siedlungen mit modernen Geodaten verknüpfen, und Markus Heller hatte ihn für die Geländeprüfung vorgeschlagen. Für ihr Treffen in zwei Tagen waren drei alte Bachquerungen vorgesehen, die auf den übereinandergelegten Karten an verschiedenen Stellen lagen. Heller wollte die neue Wegeschicht erst freigeben, wenn Leonhard sich die Ufer angesehen hatte; bei einem früheren Auftrag hatte er einmal einen ganzen Vormittag damit verbracht, einer sauber gezeichneten Linie nachzugehen, die vor einer abgetragenen Brücke endete. Seitdem bekam Leonhard von ihm die Fälle, bei denen eine überzeugende Darstellung auf dem Bildschirm nicht genügte.
Er hatte zugesagt, bevor Heller das Honorar nannte. Seit der Anfrage beschäftigten ihn die Thaya, Dobersberg und die abgelegenen Wege, auf denen er als Fünfundzwanzigjähriger wochenlang unterwegs gewesen war. Nun lag das Feldbuch offen vor ihm, und er suchte zuerst nach den Stellen, die Heller auf seiner Karte markiert hatte.
Zunächst waren es gewöhnliche Arbeitsnotizen, deren knappe Form er auch heute noch verwendete. Gesteinsnamen, Messwerte, Skizzen von Aufschlüssen und gelegentliche Wetterangaben lösten erstaunlich schnell Bilder aus; Leonhard konnte die Hitze einzelner Tage beinahe wieder spüren, den Staub auf den Stiefeln und das Gewicht des Hammers am Gürtel. Am 17. August hatte er nördlich von Dobersberg einen stark verwitterten Amphibolit beschrieben, einen Tag später einen Pegmatitgang an der Thaya. Unter dem 19. August stand lediglich »Slavonice, abends«, als sei das Essen in der Stadt wichtiger gewesen als alles, was er vorher untersucht hatte.
Bei dieser Zeile musste er lächeln. Er erinnerte sich an die Fahrten über die damals noch junge offene Grenze, an tschechisches Bier, Knödel und die Erleichterung, nach zehn Stunden im Gelände endlich auf einem Stuhl zu sitzen. Die Gegend hatte damals noch stärker als heute etwas vom Rand Europas gehabt. Auf beiden Seiten lagen Wälder, Teiche und kleine Dörfer, auf der tschechischen Seite jene Landschaft, die schon damals unter dem Namen Česká Kanada, Böhmisches Kanada, bekannt gewesen war. Leonhard hatte die Bezeichnung immer ein wenig übertrieben gefunden; für ihn war es kein romantisches Kanada gewesen, sondern ein Kartierungsgebiet.
Zwischen den geologischen Aufnahmen hatte er die verlassenen Siedlungen Reichers, Romau und Althütten notiert. Auf älteren Karten besaßen diese Namen noch Straßen, Häuser und Grundstücksgrenzen, während im Gelände oft nur eingesunkene Keller und verwilderte Obstbäume geblieben waren. Manchmal war ihm erst beim Zurückgehen aufgefallen, dass die verstreuten Steine im Laub eine gerade Flucht bildeten; sobald er sie erkannt hatte, konnte er den Grundriss eines Hauses nicht mehr übersehen. Er war diesen Spuren auch dann gefolgt, wenn sie mit seiner Diplomarbeit nichts zu tun hatten.
Am Abend hatte er sich manchmal vorgestellt, wer in diesen Häusern gelebt hatte, wer an den Tischen gesessen und wer jene Obstbäume gepflanzt hatte, die noch Jahrzehnte später mitten im Wald blühten. Beim Weiterblättern fand er zunächst weitere geologische Beobachtungen, ordentlich mit dem Datum des 24. August versehen. Erst auf der folgenden Seite änderte sich der Ton: »25.8. – Althütten. R. will morgen gehen.«
Leonhard hielt inne, denn der einzelne Buchstabe ließ sich keiner Person zuordnen, an die er sich erinnerte. Er las die Zeile ein zweites Mal und überlegte, ob eine Kollegin oder eine flüchtige Bekannte gemeint sein konnte; während der Kartierung war er nach seiner Erinnerung überwiegend allein gewesen. Weiter unten, ohne eigene Datierung und mit stärkerem Druck geschrieben, standen die Wörter »Friedhof – frische Erde«.
Leonhard legte den Finger auf die Zeile. Ein Friedhof konnte bei einer Geländeaufnahme durchaus als Orientierungspunkt auftauchen. Die frische Erde dagegen war keine geologische Beobachtung, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang. Unter der Notiz hatte er einen Bach eingezeichnet, dazu einen Weg und einen Pfeil nach Norden. Am Ende dieses Pfeils stand »ARNOLZHEIM – 3 km«, dahinter drei Fragezeichen.
Er sagte den Namen leise vor sich hin, doch er löste nichts aus, nicht einmal jenes undeutliche Gefühl, einen Begriff irgendwann schon einmal gehört zu haben. Auf dem Laptop suchte Leonhard zunächst in einer aktuellen Karte, danach in historischen Karten und schließlich in verschiedenen Schreibweisen. Reichers erschien, ebenso Romau und Althütten. Arnolzheim blieb verschwunden.
Erst jetzt bemerkte Leonhard, dass die nächste Seite fehlte. Nahe der Bindung verlief eine ausgefranste Papierkante; das Blatt war nicht einfach herausgefallen, sondern herausgerissen worden. Auch die folgende Seite fehlte, ebenso die darauf folgende. Der nächste erhaltene Eintrag trug das Datum 29. August 1995 und begann mit einem geologischen Messwert, als hätte es zwischen dem 25. und dem 29. August nichts gegeben, das einer Erwähnung wert gewesen wäre.
Natürlich konnte Leonhard sich nicht an jeden einzelnen Tag des Sommers 1995 erinnern, und er hätte auch nicht erwartet, nach mehr als drei Jahrzehnten dazu imstande zu sein. Dennoch fühlte sich diese Lücke anders an, weil ihm beim Gedanken an den 26., 27. und 28. August weder eine Straße noch ein Zimmer oder auch nur das Wetter einfiel. Drei vollständig fehlende Tage lagen zwischen den erhaltenen Einträgen, und selbst das, was er am 25. August notiert hatte, blieb ihm fremd. Es war, als suche er in einem Haus nach einem Raum, von dessen Existenz er überzeugt war, obwohl nirgends eine Tür dorthin führte.
Er nahm einen Bleistift und schrieb auf einen Zettel »Arnolzheim«, darunter »Althütten – Friedhof – R. – 3 km«. Als er den Zettel neben den Laptop legen wollte, hörte er aus dem stillen Zimmer ein Geräusch. Zunächst glaubte Leonhard an den Wasserhahn in der Küche, doch dort war alles geschlossen. Das Geräusch hielt an: kein Tropfen, sondern das gleichmäßige, ferne Rauschen eines kleinen Baches, der über Steine floss.
Leonhard stand auf und ging einige Schritte durch das Zimmer. Im selben Augenblick verstummte das Wasser. Von draußen drang der Verkehr durch die geschlossenen Fenster, irgendwo im Haus fiel eine Tür ins Schloss. Als er zum Schreibtisch zurückkehrte, entdeckte er auf der offenen Seite des Feldbuches einen dunklen Fleck. Das Papier war feucht, aber nur an einer kleinen Stelle unmittelbar unter dem Wort Arnolzheim.
Leonhard trocknete den Finger an seiner Hose ab und betrachtete die geschlossene Küchentür. „Wenn jetzt auch noch der Boden nass wird, rufe ich die Hausverwaltung an“, murmelte er, bevor er die Unterseite des Buches auf weitere Flecken untersuchte. Er ließ es aufgeschlagen liegen und änderte seine Zimmerreservierung in Slavonice. Die Bestätigung kam beinahe augenblicklich; er schob sie in den Ordner zum Projekt und begann, seine Sachen für den nächsten Morgen zusammenzusuchen.
Am folgenden Vormittag ließ Leonhard Wien hinter sich und fuhr nach Norden, vorbei an Horn und Geras bis zur Thaya. Einzelne Kurven erkannte er früher als die Orte, zu denen sie gehörten; vor Dobersberg nahm er den Fuß vom Gas, weil hinter einer Biegung früher ein Gasthaus gestanden hatte. Die Einfahrt war noch vorhanden, führte aber zu einem Neubau, und er fuhr weiter, ohne anzuhalten.
Kurz nach Mittag erreichte er Slavonice und brachte sein Gepäck auf das reservierte Zimmer. Vom Fenster aus sah er die Fassaden am Platz, die er früher meist erst am Abend wahrgenommen hatte, hungrig und mit Staub auf den Schuhen. Während er einen Kaffee trank, schlug er die Karte neben dem Feldbuch auf; Althütten lag nahe genug, um noch vor dem Abend zurückzukommen. Er nahm die Regenjacke mit, ließ den übrigen Koffer ungeöffnet und ging wieder zum Wagen.
Hinter Staré Město pod Landštejnem wurden die Straßen schmaler, und stellenweise reichten die Äste bis über den Asphalt. Zwischen den Waldstücken öffneten sich Wiesen und dunkle Teiche, bevor die nächste Kurve den Blick wieder versperrte. Leonhard suchte nach der Abzweigung, die er sich auf der Karte eingeprägt hatte, und fuhr zunächst daran vorbei, weil zwischen den Bäumen nur zwei grasbewachsene Spuren zu erkennen waren.
Althütten war auf seiner modernen Karte als untergegangene Siedlung vermerkt. Die letzten Kilometer musste er zu Fuß zurücklegen. Er stellte den Wagen an einem Forstweg ab, zog feste Schuhe an und nahm den kleinen Rucksack vom Rücksitz. Darin lagen Wasser, Regenjacke, GPS-Gerät, eine Taschenlampe, das alte Feldbuch und eine Kopie seiner Karte von 1995.
Der Wald roch nach feuchter Erde, Pilzen und nassem Holz. Zu Beginn überprüfte Leonhard regelmäßig das GPS, doch nach einer halben Stunde bemerkte er, dass er die Abzweigungen längst ohne Gerät nahm. Er sah einen Pfad und wusste, dass er dort entlangmusste, ohne sagen zu können, worauf dieses Wissen beruhte.
An einer Weggabelung hielt Leonhard an, weil die beiden Richtungen nicht gleich vertraut wirkten. Der breite Forstweg nach rechts war auf der Karte verzeichnet, während links ein schmaler Pfad zwischen jungen Bäumen verschwand. Er prüfte noch einmal die Lage der Ruinen und entschied sich dennoch für den linken Weg, dessen erste Biegung er zu kennen glaubte.
Vielleicht zehn Minuten später tauchte unvermittelt ein Bild in seinem Kopf auf. Ein schwarzes Fahrrad stand an einen Apfelbaum gelehnt, am Lenker hing eine Stofftasche, am Hinterrad klebte Schlamm. Die Erinnerung war so deutlich, dass Leonhard seine Schritte verlangsamte. Der Apfelbaum stand tatsächlich dort, alt und halb verwildert, zwischen jüngeren Bäumen eingezwängt. Kein Fahrrad war zu sehen.
Leonhard legte die Hand an die Rinde. Das Bild blieb für einen Augenblick bestehen, und mit ihm kam eine Frauenstimme, hell und ungeduldig: „Leonhard, komm endlich.“ Als er die Hand zurückzog, verschwand die Erinnerung ebenso abrupt, wie sie gekommen war. Zwischen den Stämmen bewegte sich nichts.
Wenig später erreichte er die ersten Mauerreste von Althütten. Gras und Farne verdeckten eingesunkene Keller, während zwischen jüngeren Bäumen noch die regelmäßigen Abstände einer Obstbaumreihe zu erkennen waren. Leonhard blieb neben einem halb verschütteten Türgewände stehen und prüfte die Lage des Hauses auf seiner Karte, doch die eingezeichnete Straße lag einige Schritte von der Senke entfernt, die er im Boden verfolgen konnte.
Der Friedhof lag außerhalb der ehemaligen Siedlung an einem sanften Hang. Eine niedrige Mauer begrenzte das Gelände, an mehreren Stellen bereits eingestürzt. Schon bevor Leonhard den Eingang erreichte, stellte sich wieder jenes unangenehme Gefühl ein, das ihn seit Wien begleitete. Es war noch keine wirkliche Angst, eher die schwer erklärbare Empfindung, dass irgendwo auf ihn gewartet wurde.
Zwischen den Gräbern stand hohes Gras, das sich um geneigte Kreuze und umgestürzte Steine gelegt hatte. Auf wenigen Denkmälern waren ovale Porzellanbilder erhalten, und Leonhard fotografierte die lesbaren Inschriften, unter denen der Name Hadrava mehrfach vorkam. Besonders lange betrachtete er das Bild eines schmalgesichtigen Mannes mit dunklem Haar und einem ernsten Blick. Die Inschrift darunter nannte Josef Hadrava und die Jahre 1898 bis 1946.
Auf dem Handy wirkte Josefs Gesicht heller, weil sich zwischen den Wolken ein schmaler Streifen geöffnet hatte. Leonhard hielt das Display neben das Porzellanbild und konnte nicht entscheiden, weshalb ihm der Blick auf der Aufnahme anders erschien. Er steckte das Telefon wieder ein, ohne eine zweite Aufnahme zu machen, und ging zwischen den Grabsteinen weiter.
Am hinteren Rand des Geländes entdeckte er die frische Erde. Das Grab unterschied sich sofort von allen übrigen. Wo auf den anderen Hügeln Gras und Moos wuchsen, lag hier dunkle, lockere Erde, als hätte jemand erst vor wenigen Stunden eine Schaufel beiseitegestellt. Darauf stand ein schlichtes Holzkreuz ohne Namen, ohne Blumen und ohne Kerze.
Leonhard blieb zunächst mehrere Meter entfernt. In seinem Kopf erschien die Zeile aus dem Feldbuch: »Friedhof – frische Erde«. Langsam ging er näher, kniete sich hin und nahm ein wenig Erde zwischen die Finger. Sie war kalt und feucht, aber zweifellos frisch bewegt. Am Rand des Grabes klebte noch Lehm an einem Stein.
Nachdem er das Grab und das namenlose Kreuz fotografiert hatte, richtete Leonhard die Kamera noch einmal auf den Waldrand. Gerade wollte er das Telefon einstecken, als unter seinen Füßen ein dumpfes Geräusch erklang, so leise, dass er zunächst an nachrutschende Erde dachte. Vielleicht hatte sich eine Wurzel unter dem Gewicht des nassen Bodens bewegt; er blieb dennoch reglos stehen und hielt unwillkürlich den Atem an.
Als sich das Geräusch wiederholte, ließ es sich schwerer mit einer Wurzel erklären. Es hörte sich an, als schlüge jemand mit der flachen Hand gegen Holz, dessen Klang durch eine schwere Schicht Erde gedämpft wurde. Leonhard fuhr hoch und wich über den schmalen Weg bis an einen anderen Grabstein zurück, wobei seine Jacke an einer Rostspitze hängen blieb. Er riss sich los und starrte auf den Erdhügel, während sein Herz so heftig schlug, dass er zunächst nichts anderes mehr hörte.
Er prüfte von seinem Platz aus, ob irgendwo zwischen den Gräbern ein Tier lief, und lauschte auf ein Rascheln unter den Farnen. Ein Hohlraum unter feuchter Erde konnte Geräusche übertragen, die sich an der Oberfläche anders anhörten; er hätte nachsehen müssen, statt hier zu stehen und sich etwas vorzustellen. Als er sich jedoch vom Grabstein löste, ging er auf den Ausgang zu.
Am hinteren Ausgang begann zwischen Farnen und jungen Bäumen ein schmaler Weg, dessen Richtung dem Pfeil im Feldbuch entsprach. Leonhard nahm das Buch noch einmal heraus und hielt die Skizze so, dass Friedhof und Waldsaum vor ihm lagen. Er wollte nur sehen, ob der Pfad sich hinter der ersten Biegung fortsetzte, ehe er zum Wagen zurückging.
Noch ehe Leonhard die ersten Bäume jenseits der Friedhofsmauer erreichte, begann es zu regnen. Zunächst fielen nur einzelne Tropfen, dann ging der Niederschlag in einen gleichmäßigen feinen Regen über, der die Farben des Waldes verdunkelte. Wasser sammelte sich auf den Blättern und lief in kleinen Rinnsalen über den Pfad. Das GPS funktionierte weiterhin und zeigte seine Position zuverlässig an, obwohl der Weg, dem Leonhard folgte, auf seiner modernen Karte nicht existierte.
Am Waldrand, noch in Sichtweite des Friedhofs, entdeckte Leonhard einen alten Holzpfosten, an dem ein verwitterter Wegweiser hing. Darauf stand deutlich »ARNOLZHEIM 3 km«, und für einen Augenblick empfand er beinahe Erleichterung. Vielleicht war es ein vergessener Flurname oder eine Bezeichnung, die nie in die amtlichen Karten gelangt war; jedenfalls hatte der rätselhafte Eintrag damit eine Entsprechung in der wirklichen Landschaft gefunden.
Leonhard nahm das Handy heraus und fotografierte das Schild. Als er die Aufnahme kontrollierte, verging sein Lächeln. Der Pfosten war darauf zu sehen, ebenso der Wald, der Weg und das hölzerne Schild, doch die Schrift fehlte. Ein zweites Foto ergab dasselbe. Vor ihm stand unübersehbar »ARNOLZHEIM 3 km«, während auf dem Display lediglich eine leere Holzfläche erschien.
Unterhalb des Wegweisers entdeckte Leonhard Kerben im Holz. Er strich mit den Fingern über das feuchte Moos, bis darunter Buchstaben sichtbar wurden: »DU WARST SCHON EINMAL HIER«. Etwas zog sich in seinem Magen zusammen. Als er über die Vertiefungen fuhr, kam die Erinnerung nicht als undeutliche Ahnung, sondern mit erschreckender Klarheit. Er sah seine eigene linke Hand, die den Pfosten festhielt, während die rechte ein Taschenmesser führte und die Klinge langsam in das nasse Holz schnitt.
Leonhard riss die Hand zurück und taumelte einen Schritt vom Pfosten weg. Die Vorstellung seiner eigenen Finger an dem Messer blieb so deutlich, dass er seine leere Hand betrachten musste, ehe er sie wieder sinken ließ. „Ich habe das geschrieben“, sagte er leise in den Regen und begriff nicht, weshalb diese Gewissheit ihm mehr Angst machte als der unbekannte Name.
Hinter ihm knackte ein Ast, und als Leonhard sich umdrehte, stand eine Frau auf dem Weg, deren Schritte er nicht gehört hatte. Sie mochte Ende fünfzig sein, wobei sich ihr Alter im trüben Licht schwer einschätzen ließ. Dunkles, von grauen Strähnen durchzogenes Haar fiel ihr bis auf die Schultern, und sie trug einen langen Rock, eine helle Bluse und feste Schuhe, die vom nassen Boden dunkel geworden waren. Wasser lief durch ihr Haar, ohne dass sie Anstalten machte, sich davor zu schützen.
Die Frau betrachtete ihn mit der stillen Aufmerksamkeit eines Menschen, der ein vertrautes Gesicht nach langer Abwesenheit wiedersieht. Leonhard begrüßte sie und deutete auf das Schild, um die Begegnung in eine gewöhnliche Frage nach dem Weg zu verwandeln. „Kennen Sie den Ort dort hinten? Ich suche eine alte Siedlung und bin offenbar weiter vom Forstweg abgekommen, als ich vorhatte.“ Sie antwortete nicht auf seine Frage, sondern sah ihm weiter ins Gesicht.
„Du bist alt geworden, Leonhard“, sagte sie schließlich, wobei ihr Blick über seine Stirn und die nasse Jacke glitt. Er spürte, wie sich die Haut in seinem Nacken zusammenzog, und fragte, woher sie seinen Namen kenne. Noch während sie näher kam, schob sich ein anderes Bild über ihr Gesicht: dieselbe Frau, sehr viel jünger, auf einem Bett im Sommerlicht. Sie band sich die Haare zusammen und lachte ihn an, weil er sie beobachtete, während ihre Hände mit dem Band beschäftigt waren.
Die Erinnerung verschwand, sobald Leonhard versuchte, das Zimmer um sie herum zu erkennen. Er musste sich am Pfosten festhalten und wandte sich der Frau auf dem Weg zu, deren Gesicht ihn jetzt noch mehr beunruhigte als zuvor. „Bitte sagen Sie mir wenigstens Ihren Namen. Ich glaube, dass wir uns kennen, aber ich weiß nicht mehr, woher.“
„Ich bin Maria, und wir haben uns hier kennengelernt, in dem Sommer, in dem du deine Karten gezeichnet hast.“ Sie blieb auf Armlänge vor ihm stehen, ohne ihn zu berühren, obwohl ihre Hand sich bereits ein wenig gehoben hatte. Leonhard sah, wie sie die Finger wieder schloss, und empfand über diese unterbliebene Berührung einen Schmerz, den er nicht erklären konnte.
Mit Marias Namen kam ein anderes Bild zurück: ihre Hand auf einem Tisch, dicht neben seiner, und das Licht aus einer offenen Tür. Als er versuchte, sich die Person im Türrahmen vorzustellen, schoben sich zwei Gesichter ineinander. Leonhard sah wieder die Frau vor sich an und hielt sich am Pfosten fest, bis der Druck in seinem Kopf nachließ.
„Dann war es 1995“, sagte Leonhard, während er versuchte, das Bild des Zimmers festzuhalten. „Ich erinnere mich an dein Gesicht und an einen Tisch, aber nicht an das, was zwischen uns geschehen ist. Warum habe ich dich vergessen?“ Maria blickte an ihm vorbei in Richtung des Friedhofs, und als sie wieder zu ihm sah, wirkte sie erschöpfter als zuvor.
„Weil ich dir dabei geholfen habe“, antwortete sie, ohne seine Frage in eine Erklärung zu verwandeln. „Damals habe ich geglaubt, es wäre das Einzige, was ich noch für dich tun könnte.“ Leonhard wartete darauf, dass sie weitersprach, doch Maria strich lediglich die nassen Haare aus ihrem Gesicht und betrachtete die Spuren des Messers am Pfosten.
„Komm zur Mühle, dort können wir reden, und du musst nicht weiter im Regen stehen.“ Maria wandte sich dem Hang zu, während Leonhard auf das Schild deutete und erklärte, dass er wegen Arnolzheim gekommen sei. Zum ersten Mal erschien etwas in ihrem Gesicht, das eindeutig Angst war. „Heute gehen wir nicht dorthin, Leonhard. Ich bitte dich, mir wenigstens so weit zu vertrauen, dass du mit mir ins Dorf kommst.“
Hinter den Bäumen erklang eine Glocke. Ein einzelner, tiefer Schlag wanderte durch den Wald und verlor sich langsam zwischen den Stämmen. Leonhard sah auf seine Uhr, doch das Display war schwarz; auch das GPS reagierte nicht mehr. Mit dem zweiten Glockenschlag begann weiter unten im Tal ein Hund zu bellen, kurz darauf ein zweiter. Zwischen dem Rauschen des Regens wurden Kinderstimmen hörbar, und irgendwo rumpelte ein Wagen über einen Weg, auf dem Leonhard am Nachmittag noch keine einzige Fahrspur gesehen hatte.
Dort, wo wenige Stunden zuvor nur Mauerreste von Althütten gestanden hatten, brannte Licht in einem Fenster. Rauch stieg aus mehreren Schornsteinen, und ein Mann überquerte eine Wiese, bevor er hinter einem Haus verschwand. Leonhard sagte nichts mehr. Maria wartete, bis der dritte Glockenschlag durch das Tal ging, und bat ihn, jetzt mitzukommen.
Diesmal folgte Leonhard ihr ohne weitere Frage. Sie waren vielleicht hundert Meter gegangen, als vom Friedhof hinter ihnen ein dumpfer Schlag herüberkam. Der Regen und die Entfernung verschluckten fast alles davon, doch Leonhard erkannte den Klang sofort. Nach einer langen Pause folgte ein zweiter, dann ein dritter. Es war dasselbe Geräusch, das er am namenlosen Grab gehört hatte.
Maria ging weiter, ohne sich nach dem Friedhof umzudrehen, und Leonhard hielt den Blick auf ihren Rücken gerichtet. Solange er ihre Schritte vor sich sah, musste er nicht entscheiden, ob das Geräusch hinter ihnen tatsächlich aus der Erde kam. Unterhalb der Bäume öffnete sich eine Tür, aus der warmes Licht auf einen Weg fiel, der am Nachmittag noch von Brennnesseln überwachsen gewesen war.