Das Tal der erloschenen Dörfer

Folge 11 — Die Entscheidung

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Leonhard übergibt Anna in einem Schlafzimmer der alten Mühle sein Feldbuch; Anna sitzt mit verbundener Hand neben ihren Notizen auf dem Bett.

Im Hof schob jemand eine Schubkarre unter das Vordach, und weiter unten am Bach zog ein Junge einen Zweig aus dem Wasser. Seine Mutter rief ihn zurück, ehe er sich noch weiter über die Kante beugte. Leonhard sah beiden nach, bis sie zwischen den Häusern verschwanden; er konnte sich vorstellen, am nächsten Morgen wieder an diesem Fenster zu stehen und zu warten, was im Dorf geschah.

Maria räumte die Becher vom Tisch, während ihre Frage nach Karel noch zwischen ihnen stand. Leonhard wartete, bis sie sich zur Pumpe wandte, ehe er antwortete. „Du kannst ihm sagen, dass ich nicht weiß, wie ich das alles erklären soll.“ Maria stellte den Krug ab, drehte sich aber nicht zu ihm um. „Das könnte ich von mir auch sagen, und dann hätte er wieder überhaupt keine Antwort.“

Leonhard setzte sich auf den Stuhl, den Anna verlassen hatte, und erinnerte Maria daran, dass auch sie lange geschwiegen hatte. Er hörte den Vorwurf in seiner Stimme und wartete, ob sie sich dagegen wehren würde. Maria nahm das Geschirrtuch vom Haken und sah ihn an. „Ich habe es ihm nicht gesagt“, antwortete sie. „Das weiß ich noch, auch wenn du mich nicht daran erinnerst.“

Sie trocknete denselben Becher ein zweites Mal und stellte ihn so nah an den Rand der Ablage, dass Leonhard ihn ein Stück zurückschob. „Wenn ich damals von Rosa gesprochen habe, ging es immer darum, dass ich bei ihr gewesen bin“, sagte sie. „Ich konnte erzählen, was ich für sie getan habe, und irgendwann wusste ich die Sätze schon, bevor mich jemand fragte.“ Leonhard wartete, doch Maria fuhr mit dem Finger über eine feuchte Stelle am Krug und brauchte lange, bis sie weiterredete.

„Ich wollte, dass sie verliert“, sagte sie schließlich. „In der Nacht, nachdem ich euch gesehen hatte, habe ich mir vorgestellt, wie du allein wieder vor der Tür stehst. Dass sie dann weiß, wie es ist.“ Maria sah Leonhard an und schüttelte den Kopf, als er etwas sagen wollte. „Als ich sie unter der Buche fand, habe ich zuerst daran gedacht. Nicht lange, aber ich habe daran gedacht.“

Leonhard griff nach ihrer Hand, doch Maria ging mit dem Tuch zur Pumpe zurück. Sie habe ihrer Schwester beim Sterben die Hand gehalten, sagte sie, und trotzdem zwischendurch an den Mann gedacht, der in ihrem Bett lag. Danach drehte sie den Krug im Wasser und sprach nicht weiter, bis Leonhard aufstand und neben sie trat.

„Du hast sie nicht gegen den Stein gestoßen“, sagte er. „Das war ich, und ich wusste nicht einmal, was du dir gewünscht hattest.“ Maria stellte den Krug auf die Ablage und sah ihn an. Sie widersprach ihm nicht, nahm den Krug aber wieder auf, als er noch einmal nach ihrer Hand griff.

Bei einem Glockenschlag aus dem Dorf wandte Maria den Kopf zum Fenster. Sie ging hin und lehnte den Laden an, während Leonhard ihr mit dem Blick folgte. Er fragte, ob sie hier überhaupt schlafen könne, ohne auf jedes Geräusch zu achten. Maria ließ die Finger am Verschluss und sagte, das sei manchmal das Erste, was sie nach dem Aufwachen prüfe: ob sie ihn am Abend wirklich geschlossen habe.

Leonhard erinnerte sich an den Flur und an die eigene Stimme, die aus dem Dunkel gekommen war. Er fragte Maria nach dem 27. August, an dem er nach Rosas Bestattung noch in der Mühle gelegen hatte. Sie setzte sich wieder und sah auf seinen Rucksack, aus dem der Rücken des Feldbuchs ragte. „Ich habe damals deine Sachen genommen“, begann sie, und er zog das Buch heraus, bevor sie weiterreden konnte.

Maria legte die Finger neben die ausgefransten Kanten, ohne das Papier zu berühren. Sie hatte Blätter entfernt und Leonhard später eine einfachere Geschichte erzählt, in der weder Rosa noch die Wege vorkamen, nach denen er immer wieder gefragt hatte. „Du warst verletzt und hattest Fieber, das habe ich dir gesagt. Du hast aufgehört, mich nach den anderen Dingen zu fragen, und ich war froh darüber.“ Sie zog die Hand zurück, als Leonhard das Buch zu ihr drehte, und bestritt nicht, dass ein Teil der Lücke von ihr stammte.

Leonhard blätterte bis zum nächsten erhaltenen Eintrag und wieder zurück. Er konnte an der Risskante nicht erkennen, was Maria entfernt hatte, und fragte, ob sie es auch Anna sagen würde. Maria nickte und blieb am Tisch sitzen, während er das Buch schloss und neben den Rucksack legte.

Anna kam herunter, als Maria die Lampe anzündete, und stellte ihren gepackten Rucksack neben die Tür. Sie erinnerte Leonhard an die Rückmeldung, die er Heller für den Vorabend zugesagt hatte. „Er kennt den Parkplatz, und wenn er uns beide nicht erreicht, wird er jemanden suchen lassen“, sagte sie. „Ich will morgen früh hinaus, bevor sich noch jemand hier verirrt.“ Leonhard sah auf den Rucksack und überlegte, ob er sie noch einmal zum Bleiben bewegen sollte. Anna blieb an der Tür stehen und wartete auf ihn.

„Wir haben Karel versprochen, mit keiner bequemeren Geschichte zurückzukommen“, sagte sie schließlich. „Ich weiß nicht, was er uns glauben wird, aber er soll es von uns hören.“ Leonhard antwortete, er habe nicht vor, jemanden zu belügen. Anna sah zum geschlossenen Feldbuch auf dem Tisch. „Dann geh mit und sag es selbst.“

Leonhard erinnerte sich an Karels Hand auf der Schwelle und daran, dass er seinen Zorn leichter ertragen hatte. Auf Hellers Rechner lagen inzwischen vermutlich noch dieselben drei Bachquerungen, wegen derer man ihn hergebeten hatte; auch dort wartete jemand darauf, dass er zurückkam und sagte, was er gesehen hatte. Er wollte in diesen Teil seines Lebens zurück, an den Tisch mit der Karte, an dem niemand beim Anblick seines Namens an Rosa dachte. Vor ihm stand Anna mit dem Rucksack, und er wusste noch immer nicht, was er ihr antworten sollte.

Anna ging wieder nach oben, ohne eine Zusage bekommen zu haben. Maria nahm Brot aus dem Schrank, wickelte es in ein Tuch und legte einen kleinen Beutel daneben. Als Leonhard fragte, für wen sie packe, antwortete sie, sie werde Anna begleiten. „Karel soll auch von mir hören, was ich getan habe“, sagte sie und band das Tuch zu, bevor sie weiter nach den Sachen suchte, die sie mitnehmen wollte.

Leonhard setzte sich neben den Herd, während Maria den Beutel schloss. „Ich könnte hierbleiben“, sagte er, und meinte für einen Augenblick, sie werde das Brot wieder in den Schrank räumen. Stattdessen stellte sie es an die Küchentür und trat noch einmal zum Fenster, um nach dem Hof zu sehen. Leonhard nahm die Hände vom warmen Ofen und wartete auf ihre Antwort.

„Ich gehe morgen“, sagte Maria, nachdem sie sich zu ihm umgedreht hatte. „Auch wenn du hier bist, wenn ich zurückkomme.“ Leonhard fragte, ob sie damit rechne, wiederzukommen, doch Maria schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht einmal, ob ich hinausfinde. Ich will es versuchen.“ Sie blieb vor ihm stehen, bis er aufsah, und nahm nicht wie früher seine Hand, um ihm die Antwort leichter zu machen.

Er sah zu ihrem Bündel neben der Tür und fragte, ob sie bei ihm bleiben werde, wenn er draußen erzählte, was am Stein geschehen war. Maria setzte sich neben ihn, ohne den Beutel zurückzunehmen. „Ich werde bei dir sein, aber du wirst es sagen müssen“, antwortete sie. Leonhard sah lange auf den Boden zwischen ihren Schuhen und bat sie schließlich, am Morgen auf ihn zu warten.

Maria zog ein zweites Stück Brot aus dem Schrank und legte es zu dem bereits eingewickelten. Leonhard stand auf und half ihr, das Tuch noch einmal zu binden, weil der Knoten jetzt nicht mehr reichte. Danach nahm er das Feldbuch vom Tisch und ging damit zur Treppe, bevor er sich eine neue Frage zurechtlegen konnte.

Er klopfte bei Anna und wartete, bis sie ihm antwortete. Sie saß mit den Notizen auf dem Bett und rückte zur Seite, als er das Feldbuch auf die Decke legte. „Nimm es morgen bitte mit“, sagte Leonhard. „Ich möchte, dass du es hast, wenn ich erzähle, was ich getan habe.“ Anna zog das Buch zu sich heran und fragte, ob er mitkomme; er bestätigte es, ohne sich zu setzen.

Anna öffnete die wasserdichte Hülle und schob das Feldbuch neben ihre Aufzeichnungen. Der Verschluss klemmte an einer Ecke, bis Leonhard ihn mit zwei Fingern geradezog; danach passte alles in den Rucksack. Sie ließ die Hand noch darauf liegen und atmete langsam aus. Als Leonhard wieder zur Tür ging, fragte sie nur, ob Maria schon mit dem Packen fertig sei.

Er schlief in dieser Nacht nur in kurzen Abschnitten. Einmal glaubte er, jemanden im Flur stehen zu hören, doch er ging nicht zur Tür und versuchte auch nicht herauszufinden, welche Stimme darauf wartete, von ihm erkannt zu werden. Gegen Morgen verstummte der Regen auf den Schindeln, während der Bach weiterrauschte. Leonhard lag wach und dachte an den jungen Mann auf dem Foto zwischen den Schwestern, dessen Entscheidungen ihm nun wieder gehörten, auch wenn er den ganzen Sommer am liebsten einem anderen überlassen hätte.

Als er nach unten kam, stand Maria bereits im Mantel an der Küchentür. Ihr kleines Bündel lag auf dem Tisch, daneben der Rest des Brotes, den sie für Josef zurückgelassen hatte. Anna wartete vor dem Haus und prüfte die Schnürung ihrer Schuhe, während Leonhard den eigenen Rucksack aufnahm. Maria zog die Tür hinter sich zu und wartete, bis Anna zu ihnen herüberkam.

Sie gingen durch das erwachende Althütten, an dessen Häusern vereinzelt Rauch aufstieg. Anna hielt sich zunächst neben Maria, bis diese ihr den Weg zum Friedhof zeigte und sie einige Schritte vorausgehen ließ. Leonhard blieb an Marias Seite und verlangsamte seinen Schritt, als der Pfad am Hang schmaler wurde. Maria nahm seine Hand und hielt sie fest, während vor ihnen die niedrige Friedhofsmauer zwischen den Bäumen sichtbar wurde.