Anna rief am nächsten Morgen bei Karel Hadrava an. Der Vereinskontakt hatte ihr eine aktuelle Nummer vermittelt, doch sie erwähnte Leonhard erst, nachdem der Mann am anderen Ende bestätigt hatte, Rosas Bruder zu sein. Leonhard saß ihr gegenüber und beobachtete, wie Anna sich beim Zuhören langsam aufrichtete. Als sein Name fiel, legte sie den Stift ab, mit dem sie zuvor die Adresse notiert hatte, und ließ Karel ausreden, ohne ihn durch beschwichtigende Bemerkungen zu unterbrechen.
Nachdem sie aufgelegt hatte, betrachtete sie Leonhard eine Weile über den Tisch hinweg. „Er wollte Sie zunächst nicht sehen, und Ihre Erinnerungslücken haben seine Stimmung nicht verbessert“, erklärte sie. „Am Ende hat er selbst vorgeschlagen, dass wir kommen, aber Sie sollten daraus keine Bereitschaft zur Versöhnung ableiten.“ Leonhard hatte ohnehin nicht damit gerechnet, dass ein Mann, dessen beide Schwestern verschwunden waren, ihn nach einunddreißig Jahren freundlich empfangen würde.
Auf der Fahrt nach Brünn wurden die Wälder seltener und der Verkehr dichter, bis Leonhard die Landschaft nur noch als Bewegung hinter der Scheibe wahrnahm. Er dachte an Rosa vor dem Fenster und fragte sich, ob Karel eine ähnliche Erinnerung an sie bewahrt hatte oder lediglich ein Foto, das mit jedem Jahr fremder wurde. Anna ließ ihn lange schweigen, ehe sie wissen wollte, was er sich von dem Gespräch erhoffe. Er antwortete, vielleicht kenne der Bruder den Teil der Geschichte, den er selbst verloren habe; vielleicht habe er sich in all den Jahren aber auch nur eine Erklärung zurechtgelegt, die inzwischen wie eine Erinnerung wirke.
„Ich möchte ihn zuerst von Rosa erzählen lassen“, sagte Anna und wartete hinter einem Lastwagen, bis die Gegenfahrbahn frei war. „Sie müssen nicht auf jeden Vorwurf antworten, auch wenn es schwerfällt.“ Leonhard sah auf die Fahrbahn vor ihnen und überlegte, auf welchen Vorwurf er überhaupt schon eine Antwort besaß. Als Anna überholte, hielt er sich am Griff über der Tür fest und bemerkte erst nach einer Weile, dass er ihn noch immer umklammerte.
Karel wohnte in einem renovierten Mehrfamilienhaus, dessen Balkone mit Fahrrädern, Blumenkästen und zusammengeklappten Wäscheständern gefüllt waren. Aus einer offenen Küchentür im Treppenhaus kam der Geruch gebratener Zwiebeln, und irgendwo stritt ein Kind mit seiner Mutter darüber, weshalb es noch nicht hinausdurfte. Leonhard empfand die Alltäglichkeit als Erleichterung, bis Karel öffnete und ihn zunächst betrachtete, ohne etwas zu sagen. Der Mann war kleiner als er, hatte kurz geschnittenes graues Haar und den prüfenden Blick, den Leonhard von beiden Schwestern kannte.
Karel begrüßte Anna und ließ Leonhard erst danach eintreten. „Behalten Sie Ihre Jacke erst einmal an, denn ich weiß noch nicht, wie lange wir miteinander reden werden.“ Er zog die Tür hinter ihnen zu und ging voraus, ohne zu prüfen, ob beide folgten. Leonhard hatte seine Tasche schon absetzen wollen und nahm sie wieder hoch, während Anna sich wortlos neben ihn stellte.
Auf einer Kommode im Wohnzimmer stand ein Foto von Rosa an einem See. Sie trug ein helles T-Shirt, hielt die Haare gegen den Wind fest und lachte über etwas, das außerhalb des Bildes geschehen sein musste. Leonhard blieb davor stehen, weil er sie seit seiner Rückkehr fast ausschließlich mit der Verletzung an der Schläfe vor sich gesehen hatte. Diese junge Frau schien nicht auf eine Erklärung zu warten, sondern auf jemanden, der endlich aufhörte zu fotografieren und mit ihr weiterging.
„Das war im Sommer 1994, ein Jahr bevor Sie kamen.“ Karel rückte das Foto zur Seite, damit Leonhard nicht unmittelbar davor stand. „Sie hat geschimpft, weil ihre Augen auf dem Bild halb zu sind. Ich sollte es wegwerfen, aber die anderen Fotos von dem Tag mag ich nicht so gern.“ Leonhard sagte, Rosa sehe glücklich aus; Karel strich eine Staubspur vom Rand und ließ das Bild stehen, ohne auf die Bemerkung zu antworten.
Sie setzten sich an den Wohnzimmertisch, auf dem Karel Wasser und drei Gläser bereitgestellt hatte. Leonhard erzählte, dass er mit Maria zusammen gewesen sei und mit Rosa am 26. August das Tal verlassen wollte; an den weiteren Ablauf erinnere er sich bislang nur bruchstückhaft. Karel wartete, bis er fertig war, und fragte dann, was davon tatsächlich Erinnerung sei. Leonhard gab zu, dass Aussagen anderer Menschen und eigene Bilder inzwischen ineinandergriffen, und sah, wie Karel die Finger um sein unberührtes Glas schloss.
„Sie haben damals schon gesagt, dass Sie sich nicht erinnern, sobald eine Frage unangenehm wurde.“ Karel sprach ohne Lautstärke, was Leonhard den Vorwurf schwerer machte als einen offenen Ausbruch. „Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich habe dreißig Jahre mit der Möglichkeit gelebt, dass Sie sehr genau wissen, wo meine Schwester geblieben ist. Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen diese Möglichkeit gleich an der Wohnungstür abnehme.“ Anna ließ den Satz stehen und bat Karel erst danach, von seinem letzten Treffen mit Rosa zu erzählen.
Rosa hatte ihn einige Tage vor ihrem Verschwinden in Brünn besucht und gefragt, was man draußen für ein kleines Zimmer bezahlen müsse. Karel war froh gewesen, dass sie endlich etwas Genaues wissen wollte, statt wieder nur von Wien zu reden; erst im Laufe des Abends hatte sie Leonhards Namen genannt. „Ich kannte Sie von Marias Erzählungen“, sagte er. „Rosa hat mir versichert, zwischen euch sei es längst vorbei. Ich habe gefragt, weshalb Maria mir dann immer noch von Ihnen erzählt, und auf einmal wusste Rosa nicht mehr, was ich damit zu tun hätte.“
Anna wollte wissen, weshalb Rosa überhaupt einen besonderen Weg benötigt habe, wenn sie Karel besuchen konnte. Der Bruder blickte zum Foto auf der Kommode und erklärte, Rosa sei mehrmals für wenige Tage gekommen, aber jedes Mal wieder gefahren. Einmal habe sie länger bleiben wollen und ihre Kleidung eingeräumt, sei am nächsten Morgen jedoch verschwunden gewesen, ohne ihn zu wecken. „Ich habe ihr Feigheit vorgeworfen“, sagte er. „Sie hat nur behauptet, sie sei nicht freiwillig zurückgegangen; damals hielt ich das für eine bequeme Erklärung, und ich weiß bis heute nicht, wie sie in jener Nacht nach Hause gekommen ist.“
Leonhard erinnerte sich an Rosas Worte auf dem Friedhof, verriet aber nicht, wo er sie gehört hatte. Karel hob die Wasserflasche an, schenkte jedoch nur Anna nach, bevor er sie wieder auf den Tisch stellte. Leonhard griff selbst danach, und eine Weile war im Zimmer nichts zu hören als das Gluckern aus der Flasche und die Stimmen im Hof.
„Hat Rosa dabei Arnolzheim erwähnt?“, fragte Leonhard, nachdem Karel verstummt war. Der Bruder schob sein Glas von sich weg und sah ihn zum ersten Mal nicht nur prüfend, sondern aufmerksam an. „Diesen Namen hat sie irgendwann häufiger benutzt als Wien“, antwortete er. „Es war eine Familiengeschichte, die auf Josef zurückging, und Rosa glaubte, ausgerechnet Sie könnten daraus einen wirklichen Weg machen.“
Die Erzählungen über Josef Hadrava waren in der Familie weitergegeben worden, lange nachdem man 1946 sein Grab angelegt hatte. Karel hatte Arnolzheim zunächst für einen verschwundenen Ort gehalten, von dem die Alten mehr Geschichten als überprüfbare Einzelheiten bewahrt hatten. Erst als Rosa begann, nach alten Wegen und Übergängen zu fragen, war ihm aufgefallen, wie ernst sie diese Geschichten nahm. Leonhard dachte an Josef in der Mühle und konnte nicht verhindern, dass Karel sein Zögern bemerkte.
„Sie haben sein Grab also auch gefunden“, sagte Karel, nachdem Leonhard das Porzellanbild erwähnt hatte. „Das Foto kenne ich noch, aber ich war seit Jahren nicht mehr dort.“ Er sah zum Fenster, während Leonhard überlegte, ob er von der Begegnung in der Mühle sprechen sollte. Anna hob den Blick von ihren Notizen, doch Leonhard sagte nichts weiter über Josef.
Anna fragte, was Maria ihm über Rosas geplante Abreise erzählt hatte. Karel sah zu Leonhard und wollte wissen, ob er sich wirklich daran erinnere, dass Maria ihn mit Rosa gesehen hatte. Als Leonhard die offene Tür beschrieb, rückte Karel sein Glas aus der feuchten Spur auf dem Tisch. „Sie hat danach mit mir gesprochen“, sagte er, ohne einen von beiden anzusehen.
„Maria wusste, dass Rosa am nächsten Morgen mit ihm gehen wollte. Sie hat mich gefragt, ob ich sie nach Brünn holen würde, falls sie dort Hilfe brauchte.“ Karel fuhr mit dem Daumen über den Rand des Glases. „Als die Polizei mich befragt hat, habe ich gesagt, Maria hätte von nichts gewusst. Sie sollten nicht anfangen, auch noch nach ihr zu suchen, als hätte sie Rosa aus Eifersucht etwas angetan.“ Anna fragte nur, ob das seine damalige Entscheidung gewesen sei; Karel bestätigte es und zog die Hand vom Glas zurück.
Anna fragte nach dem Anlass seines Besuchs am 25. August, doch Karel gab zunächst keine Antwort. Er stand auf, brachte die Flasche in die Küche und blieb dort so lange, dass Leonhard schon aufstehen wollte. Als er zurückkam, setzte er sich nicht; er stellte sich vor die Kommode und griff nach dem Foto, ließ es aber wieder los.
„Es ging um meine Pistole“, sagte Karel schließlich zur Wand vor sich. „Rosa hatte sie aus meiner Wohnung mitgenommen, und ich wollte sie zurück.“ Leonhard spürte die Narbe unter dem Stoff seines Hemdes, während Karel sich umdrehte und weiterredete. Er habe auf einem Schießstand trainiert und die nötigen Papiere gehabt; Rosa wusste, dass er eine Waffe besaß, und nach ihrem Besuch fehlte sie. Anna legte den Stift hin, bevor sie fragte, ob er damals jemandem davon erzählt hatte.
Karel setzte sich wieder auf seinen Stuhl. „Ich wollte sie erst einmal zurückholen, ohne Rosa Schwierigkeiten zu machen. Hinter der Mühle habe ich ihr gesagt, dass das kein Spielzeug ist, aber sie wollte draußen nicht ohne Schutz sein.“ Er rieb sich die Handflächen an der Hose ab und sah Leonhard an. „Ich habe gefragt, ob sie auch vor Ihnen Angst hätte. Da hat sie gelacht, als hätte ich etwas besonders Dummes gesagt.“
Maria war während des Streits im Haus gewesen; als Karel später mit ihr über die Abreise sprach, erwähnte er die Pistole nicht. „Ich hätte warten können, bis Rosa sich beruhigt hatte“, sagte er. „Es war noch nicht einmal dunkel, und ich hätte die ganze Nacht dableiben können.“ Er sah an Leonhard vorbei auf die Wohnungstür. „Stattdessen bin ich heimgefahren und habe gewartet, dass sie mich anruft.“
Anna fragte, ob die Polizei von der Waffe erfahren habe, nachdem Leonhards Verletzung bekannt geworden war. Karel schüttelte den Kopf und begann zu erklären, er habe Rosa nicht schaden wollen, doch mitten im Satz brach er ab. „Sie hätten mich gefragt, warum ich ihr die Pistole gelassen habe“, sagte er nach einer Weile. „Und wo ich danach gewesen bin.“ Leonhard hatte sein Glas noch in der Hand und stellte es ab, ohne zu trinken.
Karel hatte am 27. August versucht, nach Althütten zurückzukehren, weil keine seiner Schwestern sich gemeldet hatte. Er war über die gewohnten Straßen gefahren und hatte den Wagen dort abgestellt, wo er auch früher den letzten Weg zu Fuß genommen hatte. Anstelle der Mühle fand er überwachsene Mauern, und die Häuser, die er am Abend des 25. noch gesehen hatte, waren verschwunden. „Ich bin zweimal zurückgegangen und habe einen anderen Zugang versucht“, sagte er. „Am Ende stand ich wieder vor demselben Keller und wusste nicht, ob ich den Verstand verlor oder ob mir zwei Tage aus meinem Leben fehlten.“
Anna fragte nach einer möglichen Verwechslung, ohne das Wort mit besonderem Nachdruck zu benutzen. Karel zeigte auf das Foto und erklärte, er habe in dieser Gegend die Sommer seiner Kindheit verbracht und wisse, an welcher Seite der Mühle die Steintreppe zum Bach gelegen habe. „Ich habe die unteren Stufen gefunden, aber darüber wuchs Gestrüpp, das nicht in einer Nacht entstanden sein konnte.“ Leonhard sah Anna an und wusste, dass sie nun dieselbe Unmöglichkeit von einem zweiten Menschen hörte, der keinen Grund hatte, ihn zu entlasten.
Von Leonhards Wiederauftauchen außerhalb des Tales erfuhr Karel erst später im Zusammenhang mit den Ermittlungen. Der Morgen des 28. August war als Zeitpunkt seiner Rückkehr zur Unterkunft genannt worden, während Maria nach diesem Tag nirgends mehr gesichert gesehen wurde. Karel hatte beide Schwestern gesucht und schließlich nur noch Anfragen beantwortet, die mit der Zeit seltener geworden waren. Er erzählte davon ohne dramatische Einzelheiten, als habe das jahrelange Warten längst jede erinnerungswürdige Form verloren.
„Ich habe immer geglaubt, sie hätte auf Sie geschossen“, sagte Karel, als Anna ihre Notizen umblätterte. „Manchmal habe ich gehofft, sie hätte Sie damit von sich ferngehalten und wäre einfach weitergegangen. Dann wäre sie wenigstens irgendwo angekommen.“ Leonhard versuchte, ihm zu antworten, doch mehr als sein Eingeständnis, es noch immer nicht zu wissen, brachte er nicht zustande. Karel schob die Gläser zusammen und fragte ihn nicht, wie lange er noch auf eine andere Antwort warten müsse.
Anna fragte, ob Karel bereit sei, von der Pistole auch den Ermittlern zu erzählen. Er wandte sich mit den Gläsern zur Küche und sagte, er müsse darüber nachdenken. Sie ließ ihn bis zur Tür kommen, ehe sie ihn daran erinnerte, dass er Leonhard gerade deshalb hierhergebeten hatte, weil dieser nicht länger schweigen sollte. Karel blieb stehen, antwortete jedoch nicht, und Anna nahm die Bitte auch nicht zurück.
Als Karel aus der Küche zurückkam, standen Anna und Leonhard bereits neben ihren Stühlen. Leonhard zog die Jacke an, die er trotz Karels Begrüßung auf die Lehne gelegt hatte, und sah noch einmal zu Rosas Foto. „Ich weiß nicht, ob sie glücklich gewesen wäre, wenn wir weitergegangen wären“, sagte er. Karel trat neben die Kommode und betrachtete ihn. „Das wollte ich Sie heute auch nicht fragen.“
Auf der Schwelle sagte Leonhard, er werde weiterfragen und Karel keine Geschichte bringen, nur weil sie leichter zu ertragen wäre. Der Bruder hörte ihm zu und reichte ihm erst danach die Hand. Draußen auf dem Flur hatte Leonhard noch die unbenutzte Grußformel auf den Lippen, mit der er gewöhnlich ein schwieriges Gespräch beendete; als die Tür zuging, war er froh, sie nicht ausgesprochen zu haben.